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Die dümmste Art, gegen Erdoğan zu protestieren

Ein "deutscher Demokrat" hat in einem Brief an ein türkisches Geschäft erklärt, warum er dort kein Gemüse mehr kaufen will. Und liefert dem türkischen Präsidenten eine Steilvorlage für Nazivergleiche.

von Ani Kutlu
27 März 2017, 7:19am

Von der Facebook-Seite von Yavuz Markt

Wenn Erdoğan mitbekommen würde, was dem Lebensmittelgeschäft "Yavuz Markt" in Niedersachsen gerade passiert ist, würde er medienwirksam ausrasten – sich aber insgeheim über eine Vorlage für den nächsten Deutschland-Nazi-Vergleich freuen.

Bei der Familie Yavuz klopfte die Weltpolitik an der Ladentür und überreichte ihr einen Brandbrief: "Liebe Familie YAVUZ!", schreibt ein anonymer Verfasser. "Wenn wir im Augenblick hören, was von der türkischen Regierung (Erdogan und andere) an Beleidigungen gegenüber Deutschland kommt, sind wir sehr verärgert!"

Der Unterzeichner, "ein deutscher Demokrat", kaufe seit vielen Jahren gerne und oft bei Familie Yavuz ein, will das aber nicht mehr tun. Wegen Erdoğan. [Wer es nicht mitbekommen hat, hier die Kurzzusammenfassung: Erdoğan ließ den deutsch-türkischen Welt-Korrespondenten Deniz Yücel in Istanbul verhaften, was für sehr viel Beef zwischen Deutschland und der Türkei sorgte. Als Deutschland eine Reihe Wahlkampfauftritte türkischer Politiker untersagte, schimpfte er über hiesige "Nazi-Praktiken" der Behörden und legte bei einem Treffen mit Angela Merkel noch nach: "Du wendest auch gerade Nazi-Methoden an."]

Der "deutsche Demokrat" und seine Freunde hätten beschlossen, in Zukunft nicht mehr im "Yavuz Markt" und anderen türkischen Läden einzukaufen. Für die Familie Yavuz tue ihm das zwar leid, denn "sowohl ihre Ware als auch Freundlichkeit" seien "immer hervorragend" gewesen. "Doch diese Sprüche aus der Türkei – das geht einfach gar nicht."

"Dabei sind wir nicht einmal Türken, sondern Kurden", sagt Cansu, die Tochter der Familie, zu VICE. "Und außerdem strikt gegen Erdoğans Politik." Familie Yavuz verkauft zwar viele türkische Lebensmittel, aber wie alle Kurden sei sie gegen Erdoğans Politik. Kurden werden seit Jahrzehnten in der Türkei unterdrückt und kämpfen für ihre Unabhängigkeit. Und seit Erdoğan 2015 den Friedensprozess für beendet erklärt hat, ist der Konflikt zwischen türkischer Armee und kurdischen Separatisten wieder voll ausgebrochen und fordert im Süden der Türkei regelmäßig zivile Opfer.

Umso trauriger sei ihre Familie darüber, Opfer von Erdoğans Politik zu werden. "Der Brief hat besonders meine Mutter entsetzt. Meine Eltern verkaufen seit 25 Jahren Lebensmittel und haben so etwas zum ersten Mal erlebt", sagt die 24-Jährige. "Wir wollten die Leute auf eine solche Unverschämtheit aufmerksam machen und haben den Brief deshalb bei Facebook gepostet." Inzwischen wurde er fast 2.000 Mal geteilt.

99 Prozent der Reaktionen seien positiv gewesen: "Wir haben nur zwei negative Nachrichten bekommen. Dort stand, dass wir selbst schuld seien und dass wir zurück in unser eigenes Land gehen sollen. Aber in welches eigene Land denn?", sagt die 24-Jährige, die in Deutschland geboren wurde und hier ihr ganzes Leben verbracht hat.

Wenn der Verfasser des Briefes zukünftig alle Läden meiden will, die Türken gehören, oder in denen sie arbeiten, darf er sich auf ein ziemlich fades Leben gefasst machen. In Deutschland leben fast drei Millionen türkischstämmige Menschen, von denen nicht alle nur hinter Theken von Kebabständen und Lebensmittelgeschäften stehen. 

Selbst wenn er bei Hofer den Notfallvorrat kauft, könnte es sein, dass ein Türke an der Kasse steht. Und vielleicht sollte sich der Verfasser auch an den Geschichtsunterricht erinnern, und an eine Zeit vor 60 Jahren, als Nationalsozialisten dazu aufforderten, nicht beim Juden einzukaufen. Ein Boykott gegen Geschäfte von Minderheiten ist sicherlich das Letzte, was gegen Nazivergleiche hilft.

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