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Wie uns 'Germany’s Next Topmodel' als Teenager fertig gemacht hat: Drei Frauen erzählen

"Die 16-Jährigen auf dem Bildschirm waren perfekt. Groß, dünn, glänzende Haare. Mit Freund und Sexleben. Wir waren anders."

von Melanie Marks
19 Februar 2017, 5:00am

Foto: © ProSieben | Richard Huebner

21:00 Uhr, Heidi Klum sagt: "Beim ersten Shooting im Bikini kann ich die Bodys der Mädchen betrachten." Es ist Donnerstagabend und seit einer Woche läuft wieder Germany's Next Topmodel. Den Auftakt der 12. Staffel schauten fast zwei Millionen 14- bis 49-Jährige. Quotentechnisch der beste Staffelstart seit 2011. Die Zuschauer: hauptsächlich weiblich. 2015 waren 40 Prozent von ihnen zwischen 11 und 17 Jahre alt.

21:30 Uhr, die 16-jährige Victoria sagt: "Ich bin selbstbewusst, ich weiß, was ich geübt habe!" Drei der Top 28 sind wie Victoria im Jahr 2000 geboren, also 16 oder 17. So alt wie viele der Zuschauer. "Im Alter von 12 bis 16 sind Gleichaltrige der Maßstab schlechthin", sagt Birgit Elsner, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Uni Potsdam zu VICE. "Man definiert sich im Vergleich zu anderen und nicht aus sich selbst heraus." Zum Vergleichsobjekt für verpickelte 15-Jährige – wie wir es fast alle waren – werden GNTM-Finalistinnen: groß, dünn, sexy.

22:00 Uhr, eine Gruppe Mädchen schart sich um ein Foto einer Kandidatin im Bikini auf einem Surfbrett. "Heiße Schnitte, da siehst du so alt drauf aus!", rufen sie. Mittlerweile können wir uns das anschauen, ohne danach fünf Stunden lang vor dem Spiegel zu stehen und unsere Oberschenkel zu kneten. Wir heulen auch nicht mehr, weil uns klar wird, dass wir nicht so aussehen wie sie. Uns für Unterwasseraufnahmen neben Fischexkrementen zu räkeln (Staffel 8) oder auf Eisklötzen im Kühlraum zu posen (Staffel 11), ist nicht mehr Lebensziel Nummer 1. Mit 15 war das anders.
Drei ehrliche Erinnerungen.

Anna, 20 : "Mein Freund sagte: 'Die ist aber heiß.' Ich lag in seinem Arm."

(Sie bat uns darum, ihren Namen zu ändern, weil sie noch heute befürchtet, wegen ihrer früheren Magersucht kritisiert zu werden.)

Ich wollte aussehen wie die Mädchen, dünn, groß, tolle Kleider, perfektes Make-up. Also habe ich am folgenden Tag einfach nichts gegessen. Damals war ich 11.

Vier Jahre später, mit 15, habe ich eine Diät angefangen. Daraus entwickelte sich meine Essstörung. Ich war unsicher und unzufrieden. Bei GNTM hatten alle einen flachen Bauch, schlanke Arme, ein schmales Gesicht. Wenn mein Freund und ich im Bett lagen und gemeinsam die achte Staffel sahen, sagte er manchmal: "Die ist aber heiß." Während er das sagte, lag ich in seinem Arm. Ich wollte, dass er mich auch attraktiv findet. Ich wollte mit den Models mithalten können. Und ich dachte, dass man dünn sein muss, um schön zu sein.

Damals wog ich 68 kg bei einer Größe von 1,74 Metern. Völlig normal und gesund. Eigentlich. Ich wollte aber mehr. Mein Körper war die einfachste Möglichkeit, Anerkennung zu kriegen. Durch Blicke anderer Mädchen und Kommentare wie: "Du hast aber abgenommen." Also lief ich fast jeden Tag ins Fitnessstudio und aß hauptsächlich Karrotten, bis meine Hände gelb wurden. Manchmal habe ich es nicht mehr ausgehalten und den Kühlschrank geplündert: Nutella-Toast, Pudding, Käse. Ich habe alles wieder erbrochen. "Zu dünn" – das sagten bald meine beste Freundin, meine Mutter und meine Lehrer. Mein Freund entschuldigte sich. Für mich war das alles eine Bestätigung, ein Kompliment. Zufrieden war ich nicht. Ich nahm weiter ab. Bis meine Freunde nicht mehr zu mir kamen. Ich hatte sie an meine Essstörung verloren. Zu dem Zeitpunkt wog ich 49 Kilo, so wenig wie noch nie.

Heute schaue ich noch immer GNTM und vergleiche mich auch noch immer. Das wird wahrscheinlich nicht so schnell weggehen. Aber es löst nicht mehr so viel in mir aus. Dünn sein ist jetzt das Problem der Mädchen, nicht mehr meins. Ich versuche, mich auf mein Studium und meine Freunde zu konzentrieren. Denn was bringt es mir, gut auszusehen, wenn ich dann alleine bin?

Das Internationale Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen befragte 2015 241 Frauen mit Magersucht oder Bulimie. Zwei Drittel sagten: GNTM hat meine Essstörung beeinflusst. Der Grund: Germany's Next Topmodel setze "eine unerreichbare Norm".

Katharina, 20: "Ich saß auf der Couch und dachte: Ich bin anders."

Weinend saß ich auf unserem beigen Stoffsofa. Meine Tränen malten dunkle Flecken auf die Armlehne. Es war 22:15 Uhr. Auf dem Bildschirm: zwei 16-Jährige vor Heidi Klum, unter den "20 schönsten Mädchen Deutschlands". Auf der Couch: ich, 15, nicht einmal zwei Stunden vor meinem 16. Geburtstag und anders.

Die Mädchen im Fernsehen waren selbstbewusst, hatten einen Freund. Sie wirkten erwachsen. Sie stachen hervor. Ich war unsicher, Jungfrau, kaum Brüste, braune, schulterlange Haare, fast ungeschminkt. Sneaker, Top, Strickjacke. Gut in der Schule, gut erzogen. Die Eltern von Klassenkameraden sagten: "Nimm dir doch einmal ein Beispiel an ihr." Aber ich wollte nicht die liebe Kleine sein. Ich wollte glänzen, wie die Mädchen der Show. Ich ging in der Masse unter – zumindest kam es mir so vor. Als ich in den beiden Jahren davor GNTM gesehen hatte, habe ich mir immer noch gesagt: "Diese Mädchen sind älter als ich." Doch jetzt waren die Mädchen auf dem Fernsehbildschirm fast gleich alt.

Meine Mutter kam und machte den Fernseher aus. Ich war ihr dankbar dafür und wütend auf mich selbst. Ich hatte es nicht einmal geschafft, selbst den Fernseher auszumachen. Ich war eben Kind.

Ich habe mir erst am nächsten Tag das erste Mal alleine Sekt im Supermarkt gekauft. Die Kassiererin fragte mich nicht nach meinem Ausweis. Das baute mich ein wenig auf. Ich fühlte mich ein bisschen älter, ein bisschen cooler. Ein bisschen mehr so wie die Mädchen aus Germany's Next Topmodel.

Ich habe die Sendung nicht mehr geschaut – bis gestern. Eine Freundin und ich haben uns Schokolade besorgt und vor den Fernseher gelegt. Ich bin jetzt 20: abgeschlossener Bachelor, keine Jungfrau, ausgezogen. Das Durchschnittsmädchen dort: 18, Schülerin, zu Hause lebend. Meine Freundin und ich haben uns über die Show lustig gemacht. "Alles gestellt", haben wir gesagt, oder: "Sind die dumm." Vielleicht haben wir ein bisschen Recht. Vielleicht ist es aber auch nur einfacher, die Staffel zu sehen, wenn man sich über diese Mädchen stellt.

Im Durchschnitt haben junge Frauen in Deutschland mit knapp 17 das erste Mal Sex. " Dass die Mädchen bei GNTM in all diesen Dingen so weit wirken, liegt an dem Auswahl-Effekt", sagt die Entwicklungspsychologin Birgit Elsner. Sie könne sich vorstellen, dass nur Mädchen genommen werden, die so eine sexuelle Reife schon ausstrahlen.

Felicia, 22: "'Stell dich nicht so an', dachte ich, als sie sich nicht im Sand wälzen wollte."

Foto: Wikipedia | DSC_1600 | CC BY-SA 2.0

Als ich zum ersten Mal Germany's Next Topmodel bis zum Ende anschauen durfte, war ich 14 und hatte so richtige Mädchen-Freundinnen, mit denen ich davon schwärmen konnte. Ich war schon fast 1,80 Meter groß, eher schlank und wenn mich eine Heidi Klum vor der Schule abgefangen hätte, ich wäre jauchzend mitgegangen. Ich hätte alles gemacht für ein Foto, so wie es mir die Show damals beigebracht hat.

Es dauerte keine fünf Folgen, bis Heidi dem ersten Mädchen vor laufender Kamera das Kleid herunterriss. Und ich weiß noch, dass ich damals gedacht habe: "Stell dich halt nicht so an!", als eine von ihnen sich nicht mit nacktem Oberkörper mit einem fremden Mann im Sand wälzen wollte. Ich saß vor dem Fernseher und dachte über meine Brüste nach und darüber, ob sie sich gut unter Rosenblättern machen würden. Ich habe damals Kandidatin Wanda bewundert, die gute Fotos bekam, weil sie "schauspielerisches Talent" hatte. Also habe ich mit 14 überlegt, wie man besser flirty spielen könnte, wie ich verführerisch posen würde, und warum diese doofen Mädchen nicht einfach den Juror antanzten, wenn er es doch wollte. "Ich würde das machen!", dachte ich.

Und dann war da noch die Gewinnerin, die 16-jährige Jenny, die bei der weniger fürsorglichen Modelmama helle Begeisterung hervorrief, als sie nackt poste und dabei "auf Knopfdruck supersexy" war. Und ich, ich habe zugeschaut und mir ausgemalt, wie ich das wohl mal machen würde.

Das Mich-selbst-superfett-finden kam im nächsten Jahr. Vielleicht war es auch nur Zufall, dass ich im Jahr nach meiner ersten GNTM-Staffel zwei Wochen lang fast gar nichts mehr gegessen habe, bis mich eine aufmerksame Lehrerin zu Pizza zwang.

Würden wir unseren 15-jährigen Ichs heute sagen, sie sollen sich die Show einfach nicht anschauen? Vielleicht. Aber wäre es besser gewesen, wenn wir dann auf dem Schulhof nicht hätten mitreden können, wie das letzte Shooting lief? Das Pendant aus den USA, Americas's Next Topmodel, wurde nach 12 Jahren und 22 Staffeln abgesetzt. Wie viele Mädchengenerationen in Deutschland noch davon geprägt werden, wissen wir nicht.

Die 16-Jährige Victoria übrigens, die wir am Anfang zitiert haben, ist in der nächsten Folge rausgeflogen. Sie konnte nicht auf hohen Schuhen laufen.

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