Der VICE-Buchclub

Was ich als Hilfsarbeiter in Afrika über Fremdenfeindlichkeit gelernt habe

Autor Frédéric Zwicker hat während eines halben Jahres in Uganda gearbeitet und Ost- und Südafrika bereist. Dabei sind ihm ein, zwei Lichter aufgegangen.

von Frédéric Zwicker
21 August 2016, 5:00am

Alle Fotos vom Autoren

"Mzungu ist das Wort für Weisse", erklärte mir Robert. Es war mittlerweile dunkel geworden, und wir näherten uns nach stundenlanger Fahrt der bergigen Region um Kabale, der Hauptstadt des gleichnamigen Bezirks im Südwesten Ugandas. Am Strassenrand sah man im Scheinwerferlicht von Roberts Mitsubishi Pajero hie und da bunte T-Shirts, Hosen und Röcke durch die Luft schweben. Mehr war von den Einheimischen in der Nacht nicht zu sehen.

Ich war erschöpft. In der Strasse, welche die Hauptstadt Kampala mit dem Westen verbindet, steckt noch so viel Asphalt, wie in einem 50-jährigen Langzeitheroinabhängigen in der Blüte seiner Jugend steckt. Es war ausserdem mein zweiter Tag in Subsaharaafrika, und neue Eindrücke prasselten seit 24 Stunden unaufhörlich auf mich ein. Robert, meinem Chef für die nächsten zweieinhalb Monate, waren die Reisestrapazen nicht anzumerken. Er wirkte ganz munter, obwohl er seit fast acht Stunden Lastwagen und Bussen auswich, die uns in meiner Vorahnung immer wieder zu blutig-metallischem Mus zerquetschten. "Ist Mzungu ein abschätziger Begriff für Weisse?", wollte ich wissen. "Nein, überhaupt nicht", sagte Robert. "Gibt es einen negativen Begriff für Weisse?" Robert schüttelte belustigt den Kopf und sagte: "Nein, natürlich nicht. Wieso? Gibt es bei euch ein abschätziges Wort für Schwarze?"

Der Tag meiner Ankunft in Uganda liegt inzwischen drei Jahre zurück. Das halbe Jahr, das ich in Afrika verbracht habe, war für mich aber die prägendste Erfahrung der letzten zwanzig Jahre. Damals wurde mir vor allem klar, dass ich vom sogenannten schwarzen Kontinent und seinen Bewohnern fast gar nichts gewusst hatte. Dass es anscheinend halb Europa so geht, beweisen seit einigen Jahren panische Abwehrreaktionen in der Bevölkerung.

Das geht auch an den Flüchtlingen nicht spurlos vorbei: Kürzlich habe ich an einem sonnigen Nachmittag in Rapperswil einen Spaziergang gemacht. Auf einem Bänkchen am See sassen junge Eritreer, die Bier tranken und Musik aus der Heimat hörten. Ich schaute sie an, sie schauten mich an, und ich grüsste sie freundlich, erstens, weil man sich in Rapperswil noch grüsst, zweitens, weil ich freundliches Grüssen sowieso eine schöne Sache finde, drittens, weil ich besonders Ausländer gern freundlich grüsse, weil ich mir denke, dass sie wahrscheinlich häufig nicht so freundlich gegrüsst werden und ich dazu beitragen will, dass wir Schweizer in der Welt als freundliche Menschen gelten (obschon ich mich mit dem besonders freundlichen Grüssen von Ausländern möglicherweise des positiven Rassismus schuldig mache), und viertens und letztens, weil mir in diesem Moment der Gedanke kam, die Eritreer könnten denken, ich schaue sie an und denke mir: "Schau dir diese faulen Eritreer an, die rumhängen und Bier trinken.

Sie sind eben tatsächlich so ein mieses Pack, wie es in der Zeitung steht." Und das wollte ich nicht. Denn ich traf die Eritreer vor ein paar Monaten, als in heimatlicher Medienlandschaft und Politik das muntere Eritreer-Bashing auf seinem vorläufigen Höhepunkt angelangt war. Die Eritreer luden mich ein, mit ihnen ein Bier zu trinken. Während der nächsten zwei Stunden nötigten sie mich dann, noch mehr Bier zu trinken. Und irgendwann sagte einer der Jungs: "Es ist, als hätten Schweizer Angst vor schwarzer Haut."

Robert führt heute noch das "Kabale Backpackers" in Kabale, ein Hostel mit etwa neun Zimmern im Zentrum der Stadt, die sich an die lange Hauptstrasse drängt und von kleineren, sandigen Strässchen wie von roten Adern durchzogen ist. In Kabale leben rund 50.000 Menschen. Touristen kommen vor allem hierher, weil sie weiter zum Lake Bunyonyi wollen, der mit seinen zahlreichen Inselchen vielen als schönster See der Welt gilt. Oder sie brechen von hier aus zum Gorilla-Trekking im "Bwindi Impenetrable National Park" auf, wo mit 400 Berggorillas gut die Hälfte der weltweiten Population haust.

Für Kost und Logis sollte ich als reiseerfahrener Westler mithelfen, das Hostel auf die Bedürfnisse westlicher Reisender einzustellen, um diese dazu zu bewegen, noch eine Nacht länger zu bleiben. Ich kellnerte ausserdem im Restaurant, schmiss die Bar, sass hinter der Rezeption und war Fotograf und Chauffeur. Robert liebte es, einen Weissen zu haben, der für ihn arbeitete. Ein Weisser im Dienst eines Schwarzen? Das war in Kabale eine Sensation. Und als dann mein Freund Christoph nachreiste, um sich ebenfalls in Roberts Dienste zu stellen, war es eine doppelte Sensation. In meiner Zeit in Uganda und bei den folgenden Reisen durch Ost- und Südafrika merkte ich, dass es tatsächlich frappante Unterschiede gibt zwischen Afrikanern und uns und dass es für diese Unterschiede leichter oder weniger leicht verständliche Gründe gibt.

Wir teilten uns ein Zimmer mit dem Küchenjungen Ambrose, und als der neue Koch Ronald bei uns anfing, zog auch er ein. Im Zimmer standen zwei Kajütenbetten. Ich schlief im einen unten, Christoph oben. Ronald und Ambrose schliefen beide auf der unteren Matratze des anderen Betts. Sie zogen es vor, sich eine 80 Zentimeter breite Matratze zu teilen, obwohl ein Bett frei war. Die zwei hatten sich vorher nicht gekannt und waren auch nicht schwul. Ambrose hatte eine Freundin, in die er sehr verliebt schien.

Schwule hätten sich in Uganda, wo die Boulevardzeitung Red Pepper auch mal Wohnadressen von Homosexuellen veröffentlicht und homosexuelle Handlungen mit Gefängnis bestraft werden, sowieso niemals zu erkennen gegeben. Ich fand ihr Verhalten sehr seltsam. Bis ich las, dass die meisten Einheimischen noch immer mit der ganzen Familie in einem Raum einer Hütte schlafen, dass die Gemeinschaft Sicherheit garantiert und sich diese Erkenntnis tief eingeprägt hat. Ambrose und Ronald erschien unsere körperliche Distanz möglicherweise ebenso fremd.

Denn das ist überhaupt etwas, was die Menschen in Zentral- und Ostafrika von uns unterscheidet. Sie sind sich körperlich viel näher. In Uganda sieht man Polizisten, die, Kalaschnikovs von den Schultern baumelnd, Hand in Hand durch die Strasse gehen. Ambrose nahm mich auch immer bei der Hand, wenn wir zum Markt gingen, um einzukaufen.

Im Innenhof des Hostels bauten wir mit lokalen Schreinern eine überdachte Gartenlounge. Bei der Arbeit glaubten wir sehr schnell ein Klischee bestätigt zu finden, das viele Westler von Schwarzen haben: Sie sind arbeitsfauler als wir.

Beim Abmessen und Zusägen der Gerüstbalken aus Baumstämmen wechselten sich der Arbeiter mit dem Messband und jener mit der Säge immer ab. Wenn der eine sägte, stand der andere daneben und wartete, dann mass er wieder, während der mit der Säge pausierte. Uns fleissigen Schweizern erschien das wahnsinnig ineffizient, weshalb sich Christoph das Messband schnappte und zu messen anfing, während der eine am Sägen war. Der hörte sofort auf damit.

Und dann fanden wir heraus, warum sie so ineffizient arbeiteten. Der Schreiner und seine Angestellten haben nicht so viele Aufträge. Der Lohn für die Arbeit ist fix, egal, wie lange sie dauert. Weshalb also unnötig Schweiss vergiessen? Wir hatten zwar eine Deadline. Die wurde auch eingehalten: Am Abend vor dem grossen Eröffnungsfest war die Pergola fertig. Der Möbelschreiner lieferte die letzten Sessel am Eröffnungstag.

Das waren zwei meiner unzähligen Afrika-Aha-Erlebnisse. Zwei Beweise dafür, wie Lebensrealitäten das Wesen von Menschen unterschiedlich prägen. Das grösste Problem im Umgang des Westens mit afrikanischen Staaten scheint mir denn auch das mangelnde Verständnis der afrikanischen Mentalitäten zu sein. Die willkürliche Grenzziehung der Kolonialmächte ist nur ein viel zitiertes Beispiel dafür, wie westliche Pläne immer wieder mit der afrikanischen Realität kollidieren. Die Grenzen ignorierten Stammeszugehörigkeiten und Sprachgrenzen bequem und entpuppten sich für die neugeborenen Staaten bei Erlangen der Unabhängigkeit als gigantisches Handicap.


Auch auf VICE – Selbstgebrannter Kriegsfusel in Uganda:


Afrika ist der unbequemste Kontinent. Er wird einmal als hoffnungsloser Fall abgeschrieben, und dann heisst es 2012 auf dem Titelbild des Time Magazine "Africa rising. It's the worlds next economic powerhouse." China investiert seit Jahren massiv und vergrössert damit seinen Einfluss. Im letzten Jahr hat der Staatschef Xi Jinping 56 Milliarden Euro Entwicklungshilfe für die nächsten drei Jahre zugesagt, die der generellen Modernisierung und dem Aufbau der Infrastruktur dienen sollen. Letztes Jahr hat auch Obama Afrika besucht. Schon 2014 hat auch er Investitionen in Milliardenhöhe versprochen.

Niemand will dieses Afrika so richtig verstehen. Ruanda versinkt im bürgerkriegerischen Genozid, die Welt schaut zu und ist entsetzt, und zwanzig Jahre später ist Ruanda der Vorzeigestaat in Zentralafrika, und die Welt versteht die Welt nicht mehr. Aber es geht auch andersrum: Südafrika, die Rainbow Nation, die unter Nelson Mandela aufgeblüht ist, droht unter Jacob Zuma bereits wieder zu zerbrechen.

Viele Vorurteile, die wir im Westen von Afrikanern haben, sind in Tat und Wahrheit Missverständnisse. Der polnische Journalist und Autor Ryszard Kapuściński, einer der angesehensten Afrikakenner, räumt in seinen Büchern mit manchem auf, was uns am Wesen der Afrikaner kurios dünkt.

Einige Vorurteile bestätigen sich aber auch und führen trotzdem zu Problemen. Um Aids zu bekämpfen, wird Afrika richtiggehend mit Kondomen überschwemmt. Sehr viele Kondome stammen aus chinesischer Produktion. Man kennt das Klischee, Asiaten seien im Vergleich zu Afrikanern eher zierlich bestückt. Wie ernstzunehmend die afrikanischen Bedenken sind, die chinesischen Kondome würden ihnen nicht passen, sei dahingestellt. Ein ernsthaft diskutiertes Thema ist es allemal, wie etwa ein Bericht der BBC zeigt. Im Jahr 2011 wurde aus diesem Grund gar der Import von elf Millionen Kondomen per Gerichtsbeschluss verboten. Und: Wo früher Plastiksäcke, Steine und Schnüre gedient haben, blasen Kinder heute Kondome auf und umwickeln sie mit Schnur, um sich Fussbälle zu basteln und für den Sprung in eine europäische Liga zu trainieren.

Vor meiner Afrikareise habe ich von Afrika gar nichts verstanden. Heute verstehe ich immer noch nichts. Aber es ist ein bisschen weniger davon. Die Annäherung findet durch Austausch, durch Beobachtung und Reflexion statt. Und plötzlich wirkt das Fremde weniger unberechenbar. Was ich beim Reisen nämlich allgemein gelernt habe, ist dies: Die Guten und die Bösen sind auf der Welt schön gleichmässig verteilt. Vor schwarzer Haut muss man deshalb nicht mehr und nicht weniger Angst haben als vor allen anderen Häuten auch.

Frédéric Zwicker ist Sänger der Band Knuts Koffer und Autor der Buches "Hier können Sie im Kreis gehen". Frédéric verbrachte vor einiger Zeit sechs Monate als Hilfskraft in einem Hotel in Kabale, einer Stadt im Süden Ugandas.

VICE Schweiz auf Facebook und Twitter.