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Ein Architekt erklärt, wie man die Asylsituation verbessern könnte

Das Innenressort bestellt Container zur Unterbringung von Refugees und in Traiskirchen sind Fliehende immer noch obdachlos. Dabei wäre in Wien baulich alles vorhanden.

von Markus Lust
13 Oktober 2015, 9:20am

Foto: tribp | flickr | cc by 2.0

Laut UNHCR gab es mit Stand 2014 rund 19,5 Millionen Fliehende weltweit—wobei die Flüchtlingskommission von geschätzten 2,9 Millionen neuen Refugees aufgrund anhaltender Konflikte (vor allem im Gebiet der Terrormiliz IS) ausgeht.

Diese Menschen sind über ungefähr 700 Flüchtlingscamps in mehr als 125 Ländern verteilt, die teilweise als Anhaltelager oder auch Erstaufnahmezentren geführt werden. Die Medien konzentrieren sich dabei immer nur auf wenige—die sogenannten Hotspots und Krisenzentren, über die dann so häufig berichtet wird, dass man sich im Lauf der Monate, die die Refugee-Krise jetzt schon dauert, fast an sie gewöhnt hat. So ist es inzwischen auch mit dem Erstaufnahmezentrum Traiskirchen. Dass hier immer noch Menschen auf der Straße schlafen, ist Teil des medialen Hintergrundrauschens geworden.

Was wir dabei oft vergessen, ist, dass die meisten Lager nur Einrichtungen für die vorübergehende Unterbringung sind, die oft kafkaesk verlängert wird. Langfristige Lösungen und weitsichtige Ideen seitens der Regierung und des Innenministeriums gibt es selten.

Es ist fast, als würden wir immer noch darauf hoffen, dass sich die Sache von selbst erledigt und sich alle Beteiligten einfach eine dickere Hornhaut zulegen—im Fall der Berichterstattung eine mediale Hornhaut, im Fall der Fliehenden eine reale, mit der man es durch den Winter schafft.

Dabei wurde erst im Wienwahlkampf immer wieder von allen Seiten auf den hohen Lebensstandard und die enorme Wachstumsrate der Stadt hingewiesen. Hinzukommt, dass Wien eine der am schnellsten wachsenden Städte Europas ist. Auch ganz ohne unvorhergesehene Krisen und Kriegsflüchtlinge würde es auf lange Sicht neuen Wohnraum brauchen.

Deshalb habe ich mich mit einem Experten für Architektur und Fluchtraum-Gestaltung darüber unterhalten, wie wir die Situation verbessern können—und wer dafür was ändern müsste.

Patrick Jaritz ist Sprecher der Plattform Baukulturpolitik und von Beruf Architekt. In seiner Diplomarbeit hat er sich mit Fluchträumen beschäftigt und untersucht, wie Institutionen Räume für Refugees einrichten und über Raumgestaltung für andere Menschen verfügen.

„Meistens geht es dabei nicht um Menschen, sondern um Einheiten, die eine gewisse Menge Wasser, Platz und Luft verbrauchen", sagt Jaritz. „Das heißt, Mütter mit Kindern bekommen oft denselben Raum zugestanden wie andere Menschen, ohne dass auf konkrete Bedürfnisse in der Erziehung eingegangen wird."

Derselbe Grundgedanke zeigt sich auch in den Lösungsansätzen, die das österreichische Innenressort parat hat. Als im Sommer die Lage angespannter wurde und immer mehr Menschen aus dem Kriegsgebiet in Syrien Richtung Europa flohen, reagierte das Innenressort spät, aber doch mit einem nicht unumstrittenen Plan: Wie das Ö1 Morgenjournal berichtete, wurden insgesamt 700 Container bestellt, um Traiskirchen zu entlasten.

Die 700 Container kosten insgesamt knapp 12 Millionen Euro—und sind laut Jaritz die denkbar schlechteste Möglichkeit zur Unterbringung für Menschen, sowohl was die Praxis als auch die Symbolik betrifft. „Container sind ein Scheiß", sagt Jaritz ganz direkt.

Erstens hätten Container nicht die architektonischen Grundvoraussetzungen, um Menschen dort dauerhaft unterzubringen, erklärt Jaritz: „Sie sind ein Unterbringungsort für Güter und für nichts anderes ausgelegt. Zum Beispiel haben Container keine Dampfdiffusion—das heißt, es kommt schon allein durch Wärme und Atmen auf lange Sicht zu Schimmelbildung. Da Asylsuchende noch dazu nicht arbeiten dürfen, verbringen sie dort auch mehr Zeit. Das ist auf Dauer gesundheitsgefährdend."

Zweitens wäre der Preis mit 17.000 Euro für 15 Quadratmeter extrem hoch. „Das macht pro Quadratmeter zirka 1.133 Euro für etwas, das keine Wohnqualität bietet und nicht mal für die Unterbringung von Menschen ausgerichtet ist", sagt Jaritz. „Ein Architekt kann dir mit viel Hirnschmalz ein Haus um 1.500 Euro pro Quadratmeter bauen."

Drittens müsse man auf lange Sicht bedenken, dass niedrigere Anschaffungskosten mit höheren Erhaltungskosten verbunden wären. „Das ist ohne Ausnahme immer so. Je höher die Planungsqualität, umso besser wirkt sich das dauerhaft auf die Erhaltungskosten aus. Das betrifft vor allem Energie. Und das gilt genauso für Container." Vor allem in unserem Klima müsse ein Container abwechselnd beheizt und gekühlt werden, so Jaritz weiter.

„Wenn die Leute in den Ministerien ihren Job machen würden, gäbe es das Problem nicht. Man hätte langfristig vorplanen können. Deshalb finde ich es frech, jetzt Spontanlösungen zu verlangen."

Eine pragmatische Lösung—und eine, die angesichts der Langzeitkosten für Container weniger zynisch ist, als sie auf den ersten Blick aussieht—wäre hier ein Architekturwettbewerb: „Statt diesen Quadratmeterpreis für Container zu zahlen, könnte man locker einen Wettbewerb ausloben—mit der Bedingung, dass der Quadratmeter nicht über 1.100 Euro kosten darf. Da würden sich wesentlich hochwertigere Ergebnisse finden lassen."

Aber einzelne Architektenprojekte lösen die Situation auch nur mittelfristig. Was kann man also tun, um die Bedürfnisse der Refugees und die Bedürfnisse der bestehenden Bewohner von Wien zusammenzubringen? „Zuerst mal sind Fliehende Menschen mit denselben Bedürfnissen, wie jeder andere", sagt Jaritz. „Deshalb macht es auch keinen Sinn, sich besondere Lösungen zu überlegen. Außer natürlich, wenn die Zeit drängt, dann braucht es temporäre Vorschläge zur Problembewältigung."

Diese müssten aber auch genau das sein: nämlich temporäre Notlösungen mit Ablaufdatum, die es auf Dauer zu beseitigen gilt, und nicht „dauerhaft vorübergehende" Unterkünfte. „Wenn die Leute in den Ministerien ihren Job machen würden, gäbe es das Problem nicht", so Jaritz. „Man hätte langfristig vorplanen können. Deshalb finde ich es auch frech, jetzt Spontanlösungen zu verlangen."

MOTHERBOARD: Mit den Geldern aus der Hypo-Krise könnte man eine ganze Stadt bauen

Fehlende Planung und Langzeit-Kurzsicht machen sich auch in der Segregation von Fliehenden vom Rest der Bevölkerung bemerkbar—egal, ob diese in Containern, Zeltstädten, Lagern oder anderen abgegrenzten Arealen untergebracht werden.

Angst und Abgrenzung verhindere man jedenfalls anders, so Jaritz: „Wenn man für Durchmischung und Integration sorgt, entsteht eine intrinsische Motivation der neuen Bewohner, sich an der Gesellschaft auch zu beteiligen." Das heißt: Nur Integration (von offizieller Seite) schafft auch Integration (von den neuen Bewohnern); während Ausgrenzung naturgemäß Ausgrenzung schafft. Wer ins Stadtleben integriert wird und die Stadt als seine Heimat wahrnimmt, will auch aktiv in ihr etwas bewirken. „Das Schlimmste wäre eine Banlieue-Bildung wie in Paris", sagt Jaritz und meint damit vor allem Ghettoisierung von Zuwanderern. „Überhaupt ist diese binäre Gesellschaftsordnung von Einheimischen und Angesiedelten ein Problem."

Stattdessen müsse man sich um neue Konzepte für beide bemühen. „Es braucht eine vernünftige Wohnbau-Politik. Es geht nicht nur um fliehende Personen, sondern darum, dass Wohnen generell leistbar sein sollte und ausgebaut werden muss." Dazu gehört nicht zuletzt ein Plan, wie es mit den Leerständen in Österreich weitergehen soll. Aktuell wird der Leerstand hierzulande auf bis zu 5 Prozent des Wohnungsbestands geschätzt.

In Wien sind es mit etwa 3 Prozent leerstehenden Wohnungen etwas weniger als im nationalen Durchschnitt. Die absoluten Zahlen haben es aber auch in der Hauptstadt in sich: Konservative Rechnungen gehen von 30.000 Wohnungen aus, und „Schätzungen reichen bis 80.000 Wohnungen", wie Patrick Jaritz mit Verweis auf verschiedene Quellen erfahren habe.

Wenn dem so wäre, könnte theoretisch jeder Fliehende, der laut Regierungskalkulationen im gesamten Jahr 2015 in Österreich ankommen soll, seine eigene Unterkunft in Wien bekommen—ganz zu schweigen davon, wenn man den Leerstand in Gesamtösterreich hernimmt. Das ist natürlich nicht das Ziel; immerhin ist der Zustand von Leerständen in der Regel selten so, dass die Wohnungen sofort bezugsfertig sind und auch die Gegenden sind nicht immer jene, in die eine Ansiedlung am Vernünftigsten wäre. Genaue Erhebungen dazu gibt es aktuell aber nicht. „Es gibt zwar Zahlen dazu, wie viele Kategorie-D-Wohnungen es in Wien gibt", so Jaritz „Davon lassen sich statistisch schon Schlüsse ziehen. Aber es bräuchte ganz klar richtige Studien—die gibt es im Augenblick noch nicht."

Leerstand bedeutet auch nicht immer Verfall oder Fehlbauten (etwa in weniger belebten und daher auch nicht unbedingt heißbegehrten Gegenden). Häufig steht dahinter auch die bewusste Entscheidung eines Vermieters, für den keine Nutzung nicht selten lukrativer ist als Vermietung zu niedrigen Preisen inklusive hohem Betreuungs- und Erhaltungsaufwand.

„Im Moment gibt es für Privatbesitzer einfach keine Veranlassung, ihre Wohnungen zu öffnen", sagt Jaritz. „Hier muss die Stadt die rechtlichen Bedingungen für Besitzer schaffen, damit Leute nicht draufzahlen, wenn sie bereit sind, Fliehende unterzubringen."

Foto: Paolo Mazzoleni | flickr | cc by 2.0

Neben Privatwohnungen sind aktuell auch etwa 500 öffentliche Gebäude im Leerstand verfügbar. Und genau wie bei den Wohnungen sind auch diese nicht sofort bezugsfertig, oder scheitern an Rahmenbedingungen wie Zweckwidmung. Aber was müsste passieren, damit sich das ändert? „Es braucht zuerst mal eine Anpassung von offizieller Seite, was die Zweckwidmung und die Kriterien für den Bezug durch Refugees angeht", sagt Jaritz.

Im Moment fehlt auch hier der Anreiz, sich um diese Angelegenheit zu kümmern: Immerhin gibt es bestehende Asylunterkünfte, auf die das Problem im Wesentlichen ohne Zeitbeschränkung ausgelagert werden kann.

„Bei solchen Massenunterbringung sollte den Behörden eine Obergrenze vorgeschrieben werden, wie lange Menschen unter diesen Bedingungen untergebracht werden dürfen. Sonst kommt es natürlich ganz von selbst zu Spannungen und neuen Problemen", warnt Jaritz. Was das konkret bedeutet, hat man schon bei Auseinandersetzungen unter verschiedenen Fliehenden in Traiskirchen gesehen.

„Aus Planer-Perspektive finde ich das absurd: Da gibt es in unserem Land genügend Leute, die 6 bis 8 Jahre auf der Uni darüber lernen, wie Wohnräume uns beeinflussen. Und niemand fragt sie."

Darüber hinaus fehle eine funktionierende Koordinierung von Bund, Ländern und Kommunen—und eine Einbindung von denjenigen, die sich tatsächlich mit Raumkonzepten auskennen und mehr am Wohl der Bewohner interessiert sind als daran, Quadratmeter logistisch auf Refugees hochzurechnen. „Aus Planer-Perspektive finde ich es absurd, dass es in unserem Land genügend Leute mit Expertise gibt, die 6 bis 8 Jahre auf der Uni verbringen und darüber lernen, wie man wohnt, was Wohnraum mit uns macht, wie Räume uns beeinflussen", sagt Jaritz. „Und niemand fragt sie."

Stattdessen geht man eher nach schematischen Anleitungen vor, wie man Camps baut und verwaltet. Auch NGOs arbeiten mit solchen Manuals. Diese sind auch ohne Zweifel ein wichtiger erster Schritt in Notsituationen. Handbücher für schematische Lagerplanung haben nur ein Problem: Sie sind anwendungsorientiert, nicht menschenorientiert. Genau wie bei den Containern, die das Innenressort nach Österreich holt, sind sie kein Ersatz für langfristige Wohnkonzepte.

„Es bräuchte verbindliche Standards dafür, was wir uns in Österreich unter gesundem Wohnen vorstellen. Wenn wir uns hier mal einigen könnten, müssten anschließend nur noch Stellen geschaffen werden, die für die Umsetzung und Einhaltung sorgen. Das würde dann für bestehende Einwohner genauso gelten wie für Refugees."

Vor allem jetzt, wo der Winter vor der Tür steht, ist der Gedanke an eine engere und verbindliche Definition davon, was Wohngesundheit für uns bedeutet, mehr als nur eine akademische Spielerei. Solange es hier keine klaren Richtlinien gibt, werden Menschen, die aus Kriegsgebieten zu uns fliehen und noch keine Chance hatten, sich in unserer Gesellschaft zu beweisen, weiter in Containern oder sogar als Obdachlose vor abgegrenzten Lagern schlafen.

Genau wie viele andere Aspekte der Asylthematik, die im Zuge der Wien-Wahl diskutiert wurden, ist auch dieser nicht direkt von der Wiener Stadtregierung lösbar.

„Von allen öffentlichen Akteuren ist die Stadt Wien am meisten auf Zack", sagt Patrick Jaritz. „Die Innenministerin und der sogenannte ,Integrationsminister' haben auf voller Linie versagt. Aber insgesamt glaube ich, dass in Wien strukturell alles vorhanden ist, was es für eine gute Unterbringung und Integration braucht. Man müsste die Aufgabe nur mit Fachleutenangehen."

Wie bei der Flüchtlingshilfe sind es aber auch in Sachen Wohnkonzepten eher die privaten Initiativen, die Integration und Inklusion vorleben. Ein Beispiel dafür in Wien ist magdas HOTEL im 2. BezirkvonAllesWirdGut Architektur. Hier wohnen Fliehende gemeinsam mit Hotelgästen und arbeiten gleichzeitig im Betrieb mit.

Vielleicht liegt es an der österreichischen Mentalität, dass wir uns im Großen und Ganzen eher mit dem Bestehenden arrangieren, als große, ungewisse Pläne in Angriff zu nehmen. Container aufzustellen ist angesichts der Stimmung im Land jedenfalls der Weg des geringeren Widerstands—und die pragmatischere Lösung, als sich zukunftsweisende Wohnkonzepte und eine neue Richtlinie für Refugee-Unterkünfte (was Dauer und Qualität angeht) zu überlegen.

Aber wie unter anderem das Beispiel Wien-Wahl zeigt, gibt es auch eine ganz andere Seite dieses österreichischen Pragmatismus, der die Stimmung in unserem Land prägt. Nämlich die Seite, die vor lauter Gemütlichkeit und Schicksalsergebenheit das Bestmögliche (oder Wenigstschlimme) auseiner Situation machen will. Dazu gehört auch, bei aller Jammerei am Ende doch aufMenschlichkeit statt logistische Schnellschuss-Lösungen zu setzen.

„Migration und Mobilität hat es bei uns in der Mitte Europas schon immer gegeben", sagt Jaritz abschließend. „Das wird auf lange Sicht natürlich zu Veränderungen führen." Und diese werden wohl auch nicht so schnell abreißen. Die Frage ist nur, ob wir lernen, praktisch damit umzugehen—oder ob wir im gemachten europäischen Elternhaus lieber der 16-jährige Teenager sein wollen, der „No Entry"-Schilder an die Tür hängt und immer nur gerade so viel aufräumt, dass die Eltern fürs Erste beruhigt sind. Denn für Teenager-Zeiten sind wir eigentlich schon eine Spur zu alt—und es gibt einen Grund, warum man ungern in ihnen steckenbleibt.

Markus auf Twitter: @wurstzombie


Titelbild: tribp| flickr | cc by 2.0