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In welchem EU-Land ist der Einbürgerungstest am einfachsten?

Wenn die Ecopop durchkommt und Ueli Maurer es schafft, die Menschenrechtskonvetion aufzukünden, brauchen wir alle einen neuen Pass.

von Fabian Baumann
20 November 2014, 2:18pm

Foto: Pixabay | CC0 

Wenn Bundesrat Maurer schon die Aufkündigung der Europäischen Menschenrechtskonvention ankündet, sollten wir uns wirklich langsam um einen EU-Pass kümmern.

Nach all den einseitigen Versuchen die Personenfreizügigkeit aufzukünden, muss man sich ranhalten, wenn man den Rest seines Lebens lieber in Wien statt in Winterthur, in Paris statt in Payerne, in Rom statt in Romanshorn verbringen will. Über den nächsten Schritt zum Grenzzaun stimmen wir schon am Sonntag in einer Woche ab. Also bleibt uns bleibt nur der Ausweg „nationaler Defätismus": Ein EU-Pass muss her.

Aber welcher? Um meine Entscheidung zu vereinfachen, habe ich die Einbürgerungstests verschiedener EU-Staaten ausgefüllt. Selbstverständlich unvorbereitet: Ein abgeschlossenes Slawistik-Studium, ordentliche Sprachkenntnisse und etwas Allgemeinwissen gaben mir genug Selbstvertrauen für die paar Multiple-Choice-Fragen.

Deutschland

Die sympathische Grossmacht ennet des Rheins, zu der wir Deutschschweizer kulturell und sprachlich ohnehin fast gehören. Auch um ihre Fussball-Nati beneiden wir die Deutschen seit jeher. Also, warum nicht Deutscher werden?

Wie man das beim politisch korrektesten Staat der Gegenwart erwartet, drehen sich im deutschen Einbürgerungstest die meisten Fragen um die Verfassung, die Grundrechte usw. Was ist mit dem deutschen Grundgesetz vereinbar? (Die Prügelstrafe / Die Folter / Die Todesstrafe / Die Geldstrafe) Besonders gut:

Wer darf in Deutschland nicht als Paar zusammenleben? (Hans (20 Jahre) und Marie (19 Jahre) / Tom (20 Jahre) und Klaus (45 Jahre) / Sofie (35 Jahre) und Lisa (40 Jahre) / Anne (13 Jahre) und Tim (25 Jahre)

Mir gefallen auch die Fragen, bei denen man die Bundesrepublik und die DDR auseinanderhalten können muss: Mit welchen Worten beginnt die deutsche Nationalhymne? (Völker hört die Signale... / Einigkeit und Recht und Freiheit... / Freude schöner Götterfunken... / Deutschland einig Vaterland...)

RESULTAT: 33/33. Die Mindestpunktzahl von 17 ist machbar.

Österreich


Der oft belächelte Kleinstaat zwischen St. Gallen und Bratislava ist für Schweizer Landesverräter ein attraktives Ziel. Als Neo-Österreicher müsste man sich nicht gross umgewöhnen: Die Berge, die gleiche Sprache (naja, fast), die lästigen Nationalisten. Dazu ausgezeichnetes Essen, gute Literatur und eine Hauptstadt, die diesen Namen verdient.

Der österreichische Test besteht aus je sechs Fragen „zur demokratischen Ordnung", zur österreichischen Geschichte und zur Geschichte des jeweiligen Bundeslands. Wenn man die deutsche Sprache beherrscht, sind die ersten sechs Fragen schon fast beleidigend doof. Etwa:Wer zählt zum Staatsvolk? (Fremde / Staatsbürger / Touristen) Oder:

Ist der Ehrenmord in Österreich verboten und strafbar? (Ja / Nein / Vielleicht)

Nur bei einigen Bundesland-spezifischen Fragen kommen selbst Austrophile ins Schwitzen: Wo gründete Bischof Modestus eine der ersten Kirchen Kärntens? (Gurk / Maria Saal / Klagenfurt) Aber wenn man sich fürs richtige Bundesland entscheidet, sind auch diese lösbar: Welcher Fluss gab der Stadt Wien ihren Namen? (der Wienfluss / die Donau / die Salzach)

RESULTAT: 17/18 Punkte. Auch für Österreich bin ich schlau genug.

Tschechische Republik

Nach zahlreichen Ferienaufenthalten hat Tschechien bei mir einen Sympathiebonus: nette Leute, schöne Städte und grossartiges Bier—billiges grossartiges Bier! Tscheche sollte man sein. Auch der tschechische Einbürgerungstest ist unterhaltsamer als die meisten anderen. Es gibt zwar die eine oder andere dümmlichen Frage:

An welchem Tag beginnt in Tschechien das Jahr? (1. Oktober / 1. Januar / 1. März / 1. Dezember)

Aber hauptsächlich muss man sympathischen DurchschnittstschechInnen bei ihren Alltagsproblemen helfen: Fräulein Nováková studiert an einer Hochschule. Wer bezahlt ihre Krankenversicherung? Herr Svoboda will sich scheiden lassen. Welches Dokument muss er aufs Gericht bringen?

Der zweite Teil des Tests ist ein wilder Ritt durch die tschechische Kultur, Geschichte und Geographie. Für irgendwas haben sich die einsamen Stunden in der Osteuropa-Bibliothek also doch gelohnt. Wer wurde 1918 der erste tschechoslowakische Präsident? Wer war Jaroslav Hašek? Und natürlich: Welche Brauerei produziert das Bier der Marke Pilsner Urquell? Am Ende muss man sogar auf Bildern Schloss Karlstein und Václav Havel erkennen, sowie eine barocke Kirche von einer gotischen unterscheiden können. Toll!

RESULTAT: 25/30 Punkte. Der tschechische Einbürgerungstest ist etwas schwieriger, aber auf die benötigten 60% komme ich problemlos.

Vereinigtes Königreich

Will man wirklich Brite werden? Ich habe die letzten zwei Jahre in England gelebt und es war nicht immer einfach. Das Wetter ist nur wenig besser als sein Ruf, das Essen dito und das Bier schmeckt wie abgestandener Tee. Vor allem müsste man schon Optimist sein, um den britischen Pass zu beantragen, wenn die doch sowieso über den EU-Austritt abstimmen wollen.

Der britische Einbürgerungstest, das ist ja keine Überraschung, enthält ausserordentlich viele Fragen zur Landesgeschichte: Welcher römische Kaiser baute einen Wall im Norden Englands? Wann starb Richard III? Und, mein persönlicher Favorit:

The medieval period was a time of almost constant war. (True / False)

Andere Fragen befassen sich mit Alltag und Traditionen im Land: Woraus macht man Halloween-Laternen? Wann öffnen die Pubs in England? Das krieg ich noch knapp hin. Dann gibt es noch Fragen, die wohl zur Aufheiterung von gestressten Kandidaten gedacht sind: All dogs in public places must wear (A collar with the name and address of the owner / Wellington boots for big puddles / Sunglasses on a sunny day to avoid eye damage / A raincoat in wet weather) Und zum Schluss eine Runde typisch britisches Wunschdenken: There is no place in British society for extremism or intolerance (True / False)

RESULTAT: 21/24 Punkte – 18 hätten gereicht.

Fazit


Am Einbürgerungstest scheitert die Flucht in die EU nicht. Schon eher an der verlangten Aufenthaltsdauer—fünf Jahre im Vereinigten Königreich, acht in Deutschland, zehn in Österreich, Italien und Tschechien. Fehlt einem die Geduld, gibt es noch eine schnellere Lösung: Um reiche Investoren anzulocken, verkaufen ein paar der weniger bekannten EU-Staaten Staatsbürgerschaften. Zypriot kann man für 3 Millionen Euro werden, Malteserin für 1.15 Millionen Euro und Bulgare schon ab einer halben Million.

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