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Borders

Darum könnt ihr in vielen niederländischen Städten kein Cannabis mehr kaufen

Und was ausgerechnet Parkplätze damit zu tun haben.

von Thijs Roes
06 August 2019, 8:59am

Foto: Grey Hutton

"Die Ausweise, bitte." Drei junge Franzosen stehen am Eingang des Maxcy's, einem Maastrichter Coffeeshop. Sie wirken nervös. Der erste reicht dem Türsteher seinen Ausweis und ein Schreiben. Seine Begleiter versuchen währenddessen, durch die Tür einen Blick in das Innere des Lokals zu erhaschen. Die beiden sind offensichtlich zum ersten Mal hier.

Nach kurzer Begutachtung des Schreibens darf der erste reingehen. Jetzt sind die anderen an der Reihe: Sie tun überrascht, aber eigentlich wissen sie, was los ist. Wer in Maastricht einen Coffeeshop besuchen willst, muss volljährig sein und beweisen können, dass er in den Niederlanden lebt.

"Wir besuchen unseren Kumpel übers Wochenende", erklärt Jacques, der jetzt vor dem Maxcy’s warten muss. Seinen Nachnamen möchte er lieber nicht angeben. "Wir wollten es mal versuchen. Jetzt muss er das Gras alleine besorgen und wir rauchen den Joint irgendwo anders."

Und genau so machen sie es dann auch.

Touristen wie Jacques kommen in den Niederlanden schon lange nicht mehr so einfach an Gras wie früher. Jedenfalls nicht überall. Seit 2012 darf man in vielen Städten Coffeeshops nur noch betreten, wenn man auch in den Niederlanden lebt. Und das alles wegen ein paar Parkplätzen.

Maastricht liegt an der Südspitze der Niederlande und grenzt im Westen direkt an Belgien. Nach Aachen sind es rund 35 Kilometer, Frankreich und Luxemburg sind mit dem Auto auch schnell erreichbar. Maastricht, die Hauptstadt der Provinz Limburg, ist eine der ältesten Metropolen der Niederlande und ein beliebtes Reiseziel für Touristen – vor allem deutsche Rentner. Dazu gesellte sich irgendwann allerdings ein etwas jüngeres Publikum, das sich weniger für die Sehenswürdigkeiten interessierte, sondern es auf die Coffeeshops abgesehen hatte. Die Menschen von Maastricht waren nicht erfreut.

"Das Coffeeshop-Publikum wurde zu einem öffentlichen Ärgernis", sagt Gerd Leers, zwischen 2002 und 2010 Bürgermeister von Maastricht. Leers ist Mitglied der konservativen Partei CDA. Was die Cannabis-Politik angeht, vertritt er jedoch eine recht liberale Haltung. "Ich finde die niederländische Drogenpolitik heuchlerisch", sagt Leers. Der Verkauf von Cannabis wird in den Niederlanden geduldet, der gewerbsmässige Anbau ist aber weiterhin illegal. Coffeeshop-Betreibende sind deswegen auf Dealer angewiesen. "Das zwingt die Coffeeshops dazu, sich ihr Gras illegal zu besorgen – eine schwierige Situation."

Coffee Shop Schild
Foto: Roos Pierson

Auch deswegen sind Coffeeshops vielen Niederländern automatisch suspekt – vor allem denjenigen, die noch nie einen betreten haben. Und dann nahmen die Drogentouris den Einheimischen auch noch die Parkplätze weg. Immer wieder gab es irgendwelchen Stress – vor allem mit Dealern, die sich im Umfeld der Läden aufhielten. Im Jahr 2007 wurden die Querelen um die Coffeeshops zu einem lokalen Politikum.

"Es war einfach entmutigend", seufzt Ex-Bürgermeister Leers. "Manchmal wurde die Coffeeshop-Kundschaft von den Dealern verfolgt, sobald sie von Belgien aus die Grenze überquerte. Die Dealer wollten ihnen nicht nur Gras verkaufen, sondern auch alle möglichen harten Drogen."

Die Coffeeshops sollten aus dem Stadtzentrum verschwinden. "Wir zogen ein Industriegebiet in Autobahnnähe in Erwägung. Dort hätten wir die Sache besser unter Kontrolle gehabt und in der Stadt hätte man nichts mehr davon mitbekommen", sagt Leers.

Planungsentwürfe für eine "Coffee Corner" wurden in Auftrag gegeben. Ein paar Kilometer ausserhalb von Maastricht, an der Autobahn A2, kurz vor der Grenze zu Belgien, sollte das neue Kifferparadies entstehen. Die Belgier waren nicht begeistert.

Der Coffeeshop Toermalijn in Tilburg
Der Coffeeshop Toermalijn in Tilburg | Foto: Roos Pierson

"Diese Coffee Corners wären ein Cannabis-McDrive geworden", sagt Mark Vos, der damals Bürgermeister der flämischen Gemeinde Riemst war und es bis heute noch ist. Von dort nach Maastricht sind es zehn Kilometer. "Nur mal kurz von der A2 abfahren, Gras kaufen und zurück auf die Autobahn. Maastricht hätte seine tolerante Drogenpolitik in die Nachbarländer exportiert. Daran hatten wir kein Interesse."

Bürgermeister Vos tat sich mit zwei anderen belgischen Gemeinden und einer verbündeten niederländischen Stadt zusammen. Gemeinsam klagten sie erfolgreich gegen das Coffee-Corner-Vorhaben.

Die niederländische Regierung reagiert auf internationale Kritik an ihrer Drogenpolitik hochsensibel. In Belgien jedenfalls wusste man, was man wollte. "Wir fanden, dass die tolerante Drogenpolitik gescheitert war. Wir wollten das hier nicht", erklärt Vos.

Das niederländische Justizministerium bat Bürgermeister Leers in Maastrich, es mit einem anderen Plan zu versuchen. Eine Art Coffeeshop-Ausweis sollte her: der Wietpas. Gras in den Niederlanden sollte es in Zukunft nur noch für namentlich und mit Foto registrierte Niederländer geben. Zwar wäre es dann mit der Anonymität der Gäste vorbei, aber immerhin würden auch die Touristen fortbleiben. Der Ausweis sollte im Süden des Landes getestet und bei Erfolg landesweit eingeführt werden. Bürgermeister Leers stimmte dem Plan zu.

Es dauerte etwas, bis der Kiffer-Ausweis Realität wurde. Am 1. Mai 2012 wurde er in den südlichen Provinzen Zeeland, Brabant und Limburg eingeführt. Aragon Verhaaren, der damals den Coffeeshop Toermalijn in Tilburg betrieb, sagt: "Wir mussten ein Scansystem einführen, bei dem wir auch unsere Kundinnen und Kunden fotografierten. Die Leute mochten das überhaupt nicht. Manche blieben komplett weg, andere fingen an, sich ihr Zeug auf der Strasse zu kaufen."

"Innerhalb eines Tages hatte ich statt Hunderten Kunden nur noch drei. Drei!" Lisa Langes, Inhaberin des Coffeeshops Pink in Eindhoven, ist immer noch sauer. "Etwa acht bis neun Prozent unserer Kundschaft kam aus Belgien. Wir hatten hier keine grossen Probleme, trotzdem mussten wir den Ausweis einführen."


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Es dauerte nicht lange, bis klar war, dass der Kiffer-Ausweis ein totaler Reinfall war. Sowohl Einheimische wie Touristen mieden nun die Coffeeshops, Kiffen wollten sie trotzdem: Das Geschäft der Strassendealer blühte auf.

Das Thema bekam so viel politisches Gewicht, dass sich der damalige Minister für Sicherheit und Justiz persönlich auf den Weg nach Maastricht machte, um sich einen Blick von der Lage zu verschaffen. Kamerateams waren natürlich auch mit dabei. Opstelten kam und sah, dass der Kiffer-Ausweis ein totales Desaster war. Erneut wurde landesweit über die Drogenpolitik diskutiert.

Der Coffeeshop-Ausweis wurde abgeschafft und stattdessen ein Einwohner-Modell in Erwägung gezogen. Der neue Plan: Es sollten nur noch Menschen Gras kaufen, die auch in den Niederlanden wohnen. Ausländische Studierende und Expats waren somit wieder in den Shops willkommen – Touristen mussten weiterhin draussen bleiben. Wieder waren es die Grenzgemeinden wie Maastrich, die die neue Regelung ausprobierten. Der Rest des Landes sollte folgen.

Waren auch in Amsterdam die Tage des Drogentourismus gezählt? Ganz so weit kam es dann nicht. Der damalige Bürgermeister Amsterdams, Eberhard van der Laan, traf mit dem Justizminister eine Vereinbarung. In Amsterdam würde es keinen Kiffer-Ausweis geben. Dafür mussten Dutzende Coffeeshops in der Nachbarschaft von Schulen schliessen. Mit dieser symbolischen Geste konnte van der Laan Amsterdam vor Maastrichter Zuständen bewahren.

Auch in Belgien war man zufrieden. "Es ist toll, dass auch landesweit darüber diskutiert wurde – eigentlich ist es ein europäisches Thema. Die Niederlande sind wie ein Supermarkt für Drogen. Die Toleranzpolitik hat versagt", sagt Riemsts Bürgermeister Vos.

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Eine grobe Karte mit Gemeinden, die kiffende Touristen willkommen heissen (grün) | Illustration: Dymphie Huijssen

Heute können niederländische Gemeinden selbst entscheiden, ob sie Touristen in ihre Coffeeshops lassen. In Rotterdam, Amsterdam und Groningen sind sie willkommen, während sich in den Regionen Brabant und Limburg die Regeln von Stadt zu Stadt unterscheiden. In liberalen Städten wie Eindhoven und Tilburg sind kiffende Touristen seit einiger Zeit wieder willkommen, andere wie Sittard haben das Maastrichter Modell übernommen.

Einige Orte beklagen, dass die Einwohner-Regelung Touristen in die Arme von Strassendealern treibe. Für den belgischen Bürgermeister Vos ist die Sache jedoch klar: "Wir sehen viel weniger Drogenschmuggler und wir können unsere Polizeikräfte jetzt dazu einsetzen, gegen Konsumierende und Dealer in unseren eigenen Städten vorzugehen."

In der niederländischen Drogenpolitik wurde derweil ein weiterer Kompromiss geschlossen. Nach jahrelangen Verhandlungen wird endlich auch der legale Anbau von Cannabis erprobt.

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This article originally appeared on VICE UK.

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