Risiko

Wie ein Sprung 5 Meter in die Tiefe eine neue Ära des Skateboardens einläutete

Mit seinem "Leap of Faith"-Gap schrieb Jamie Thomas 1997 Geschichte und inspirierte die nachkommende Skater-Generation zu immer extremeren Tricks. Eine Analyse.

von Huw Nesbitt
26 Januar 2018, 9:09am

Foto: Grant Brittain

1997, eine Highschool irgendwo in San Diego. Ein Mann atmet tief durch, rollt auf seinem Skateboard los und springt anschliessend mehr als fünf Meter in die Tiefe. Dieser Trickversuch, der als "Leap of Faith" bekannt wurde – auf Deutsch so viel wie ein Sprung ins Ungewisse –, sollte die Extremsportwelt für immer verändern.

Dieser Mann war Jamie Thomas, er konnte zu diesem Zeitpunkt bereits eine erfolgreiche Karriere als Skateboarder vorweisen. Da das Gap in verschiedenen Zeitschriften und VHS-Videos zu sehen war, kannte aber plötzlich wirklich jeder in der Szene seinen Namen. Zwei Jahre später bekam er den endgültigen Ritterschlag und wurde zum spielbaren Charakter in den berühmten Tony Hawks Pro Skater-Videospielen – und auch das Gap selbst fand seinen Weg in den zweiten Teil der Game-Reihe. Nachdem das Video mit seinem Sprung bekannt wurde, begannen andere Skateboarder, sich selbst an dem waghalsigen Sprung zu probieren. Thomas zu übertrumpfen, hat jedoch keiner von ihnen geschafft. Statt High-Fives gab es gebrochene Knochen – zum Beispiel bei Richard King, der seinen Versuch in der Luft abbrach und dann völlig schutzlos auf den Boden krachte.

Alle Fotos: Grant Brittain

Im Vergleich dazu ist Thomas' Sprung fast schon meisterhaft. Der Skateboarder fährt auf das Geländer zu, springt genau im richtigen Moment ganz ruhig ab und greift mit der linken Hand an sein Board. Dann geht es nach unten. Thomas hängt eine gefühlte Ewigkeit in der Luft, abgesehen vom Klicken einer Kamera ist es vollkommen still. Eigentlich läuft alles perfekt, aber kurz vor der Landung befinden sich die Füsse des Skaters ein wenig zu mittig auf dem Brett. Bei jedem anderen Gap wäre dieser Fehler unbedeutend, aber bei einer solchen Höhe ist der Aufprall extremer. Bei der Landung bricht Thomas' Board in der Mitte durch, er muss sich nach vorne abrollen. Trotzdem sieht das Ganze weiter unglaublich grazil aus. Im Hintergrund fangen die anwesenden Skateboarder an zu jubeln. Es wurde gerade Geschichte geschrieben.

Das Schicksal schien es genau so gewollt zu haben: 2013 erzählte Thomas in einem Interview, dass schon vor dem Sprung irgendjemand seinen Namen auf das Geländer geschrieben hatte. Und weil die Schule, auf deren Gelände sich die Treppe befindet, im Jahr 2005 das Gap durch einen Aufzug unskatebar gemacht hat, wird der Spot für immer einzig und allein Jamie Thomas gehören.

Die Geschichte hinter dem Sprung macht das ganze Unterfangen nur noch legendärer. Jamie Thomas setzte damals nämlich nicht nur seinen Körper, sondern auch seine Karriere einem extremen Risiko aus. Eigentlich war er seit 1995 Teil des Teams um die berühmte Skateboard-Marke Toy Machine, fungierte dort als Manager und ihm wurde die Ehre zuteil, den letzten Part im extrem guten Skate-Video Welcome to Hell zu bekommen. 1997 gab er all das aber auf, um seine eigene Marke namens Zero aus dem Boden zu stampfen. Mit dem ersten Video Thrill of it All wollte Zero Fuss fassen und alles hing von Thomas ab. Vielleicht realisierte er es damals gar nicht, aber der Leap-of-Faith-Versuch war sowohl ein Zeugnis seines Könnens als auch ein wortwörtlicher Publicity-Stunt. Ein ganzseitiges Foto des Ollies erschien zusammen mit den Worten "JAMIE THOMAS RIDES FOR ZERO" im prestigeträchtigen Magazin Transworld Skateboarding. Plötzlich redete jeder über Thomas' Marke.


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Das Leap-of-Faith-Gap stand aber auch sinnbildlich für einen neuen Stil des Street-Skatens. Was Frankie Hill und Mark Gonzales schon Anfang der 90er angestossen hatten, festigte Jamie Thomas nun mit seinem Versuch: weg von technischen Tricks, hin zum waghalsigen Spektakel. Höher, weiter, schneller. Und Thomas setzte die Messlatte direkt unerreichbar hoch, bis heute hat kein anderer Skateboarder jemals einen so tiefen Sprung gewagt. In den darauffolgenden Jahren dominierten das radikale Skaten und der Style nach dem Vorbild von Jamie Thomas die Skateboard-Szene.

Diese Art des Skateboardens erreichte Anfang der 2000er ihren Höhepunkt. In dieser Zeit wurden Grenzen gesprengt und unzählige Skater kamen ins Rampenlicht, weil sie sich immer mehr Treppenstufen oder immer längere Rails hinunterwarfen. Die Liste an wichtigen Tricks aus dieser Ära ist lang, aber kein einziger davon ist so legendär wie der Leap-of-Faith-Versuch. Und weil Skateboarden heutzutage ein schnelllebiges Geschäft ist, das man vermehrt über Instagram vermarktet und konsumiert, wird dank des Überangebots an Bildern und Videos wohl auch kein zukünftiger Trick mehr so krass einschlagen wie Thomas’ Ollie. Inzwischen macht der Skater of the Year 2017 dort Frontside Crooked Grinds, wo ein "einfacher" Lipslide einst für offene Münder gesorgt hat.

Jamie Thomas' Einfluss ist und bleibt unbestreitbar, dennoch scheint es so, als ob die Skateboard-Welt die avantgardistische Bedeutung des Leap-of-Faith-Gaps nie ganz verstanden hat. Der Sprung war so unnachahmlich, dass wir ihn ruhig mal unter künstlerischen Aspekten betrachten können. Skateboarder sagen ja sowieso immer, dass ihr Hobby kein Sport, sondern Kunst sei. Ein Kunstwerk, das mir bei den Fotos des Sprungs direkt in den Sinn kommt, ist eine Fotomontage von Yves Klein aus dem Jahr 1960 – mit dem bezeichnenden Titel "Leap into the Void". Sie zeigt den Künstler, wie er scheinbar mit dem Kopf voran von einer Mauer springt. Die Freunde, die ihn auffangen, hat Klein jedoch wegretuschiert.

Thomas' Leap-of-Faith-Versuch ist auf mehrere Arten mit Kleins Kunstwerk vergleichbar. Beide haben natürlich das englische Wort für Sprung im Titel und beide zeigen Männer, die sich aus hohen Höhen nach unten stürzen. Ausserdem haben beide andere Menschen dazu ermutigt, sich selbst etwas zu trauen. So verleitete Klein den Betrachter dazu, seine Illusionskunst für voll zu nehmen. Und Thomas inspirierte andere Skater dazu, immer extremere Tricks zu probieren. In anderen Worten: Er hob das Skateboarden mit dem Leap-of-Faith-Sprung auf ein neues Level – und schon allein dafür wird man sich in der Extremsportwelt für immer an ihn erinnern.

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