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Standard-Koks für 50 Euro, Premium für 60 – verkaufen Dealer ihre Kunden für blöd?

Wir haben den Stoff von einem Drugchecking-Institut vergleichen lassen.

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Okt. 1 2018, 10:58am

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Wie in vielen europäischen Grossstädten bieten auch die meisten Dealer in Amsterdam Koks in zwei Varianten an: Standard und Premium. In der niederländischen Hauptstadt kosten diese üblicherweise 50 Euro respektive 60 Euro. Beide Tütchen sollten ein Gramm weisses Pulver enthalten, die Premiumvariante kommt jedoch mit einem zusätzlichen Reinheits-Versprechen. Aber ist teurer tatsächlich hochwertiger oder glauben die Konsumentinnen und Konsumenten das nur, weil sie dafür mehr Geld hingeblättert haben?

Um dieser extrem wichtigen Frage auf den Grund zu gehen, habe wir von drei verschiedenen Dealern in Amsterdam beide Varianten gekauft und den Inhalt vom Drugchecking-Angebot des niederländischen Trimbos-Instituuts wiegen und analysieren lassen.

Das sind die Ergebnisse:

Dieser Graph zeigt die Menge Pulver in jedem Tütchen und den jeweiligen Kokain-Anteil
Dieser Graph zeigt den jeweiligen Preis für ein reines Gramm Kokain

Vergleichen wir als Erstes die Dealer: Nicht nur verkaufte Dealer A die grösste Menge, sondern auch das meiste Koks. Dealer B geizte zwar ordentlich bei der Gesamtmenge, aber insgesamt enthielt sein Produkt mehr Kokain als die Tütchen von Dealer C. Dieser schnitt mit Abstand am schlechtesten ab. Sein "Koks" enthielt bei gleichem Preis nur etwa halb so viel Kokain wie das von Dealer A. Der Drugchecking-Organisation Saferparty zufolge steigt der Reinheitsgrad von Kokain seit Jahren beständig an und liegt momentan häufig sogar bei über 80 Prozent.

Wie sich zeigte, war bei allen drei Dealern die billigere Variante die mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis. Auch wenn zwei von drei 60-Euro-Paketen tatsächlich mehr Koks enthielten, rechtfertigte keine Erhöhung des Wirkstoffgehalts die 20 Prozent Preisaufschlag.

Als ich die Ergebnisse dem ehemaligen Dealer J. zeige, wundert er sich nicht. Er habe das früher ähnlich gemacht, sagt er. Allerdings behauptet er, dass seine Premium-Päckchen, die er 2010 verkaufte, viel besser als das Zeug von heute gewesen seien – er habe eine reinere peruanische Sorte verwendet. Nichtsdestotrotz bezweifelt J., dass Durchschnittsuser den Unterschied überhaupt merken. "Menschen, die Koks rauchen, sind noch einmal eine andere Geschichte, aber Schniefer lassen sich leicht reinlegen", sagte er. "Die Kunden sind betrunken und ihre Nasen taub. Als Dealer ist es viel wichtiger, schnell verfügbar zu sein, als Qualitätsstoff zu verkaufen."

Am allerwenigsten hat uns an unseren Nachforschungen gewundert, dass Dealer kein Problem damit haben, einem sonst was zu erzählen, wenn man sie nach dem Unterschied zwischen beiden Produkten fragt. Nur einer der Drei Dealer konnte oder wollte genau sagen, woraus sein Pulver bestand: Das billigere Produkt habe er mit etwa zehn Prozent Multivitamin-Pulver gestreckt.


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Die meisten Drogentest-Organisationen in den Niederlande analysieren nur, welche Streckmittel sich in der Probe befinden, aber nicht wie viel davon. Milch- und Vitaminpulver mögen noch harmlos sein, aber ein beliebtes Streckmittel für Kokain, Phenacetin, gilt als nieren- und blasenschädlich. In extremen Fällen verursacht es sogar Krebs. Das Entwurmungsmittel Levamisol, auch gern genommen, ist dafür bekannt, das Immunsystem anzugreifen.

Für manche ist genau das der Hauptgrund, warum sie gerne die zehn Euro Preisaufschlag bezahlen: Sie wollen sich weniger Streckmittel reinpfeifen. Aber natürlich ist keine Variante gesünder als die andere. Nicht nur ist auch das Premiumkoks mit Streckmitteln versetzt, sondern ist und bleibt die gefährlichste Substanz in allen Tütchen das Kokain selbst.

Über die genauen Zahlen in Deutschland lässt sich nur schwer etwas sagen, weil die Todesfälle durch Kokain hierzulande mit denen durch Crack zusammengezogen werden. Das Trimbos-Instituut spricht aber von Dutzenden Toten jährlich in den Niederlanden, wohingegen in Grossbritannien die Zahl der fatalen Überdosen weiter ansteigt. Schuld daran ist vor allem der steigende Reinheitsgrad. Von Levamisol-Toten ist hingegen noch nichts bekannt.

Kurz gesagt: Wenn man Koks kauft, wird man immer abgezogen – umso mehr, wenn man sich für die teurere Variante entscheidet. Laut Ex-Dealer J. hat es früher noch einen merklichen Unterschied zwischen beiden Preisklassen gegeben. "Heutzutage ist das nur ein Marketingtrick. Menschen kaufen die teure Variante vor allem, um sich von anderen abzuheben."

Mit der wachsenden Beliebtheit des vermeintlichen Premiumgramms geht aber auch dessen Exklusivität flöten. Zumindest in Amsterdam bieten ein paar gewitzte Dealer deswegen jetzt zusätzlich eine 70 Euro-Variante an. Ob Konsumentinnen und Konsumenten irgendwas davon haben, ist mehr als fraglich. Eins steht allerdings fest: "90 Prozent von dem, was dein Dealer dir erzählt, ist totaler Bullshit", sagt J.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE NL.

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