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Sex

Sex-Unhold, Familiendrama und Rosenkrieg: Medien und ihr blinder Fleck

Es ist kein Liebesdrama, wenn ein Mann seine Ehefrau umbringt. 'Twilight' ist ein Liebesdrama.

von Hanna Herbst
19 Juli 2017, 1:44pm

Foto mit freundlicher Genehmigung von Bernhard Mader.

Ein Familiendrama ist ein Film, in dem – Überraschung! – eine Familie eine Krise durchmacht. Boyhood zum Beispiel, in dem ein getrenntes Paar versucht, die gemeinsamen Kinder allen Schwierigkeiten zum Trotz zusammen grosszuziehen.

Wenn es nach Medienberichten geht, dann ist ein Familiendrama aber auch, wenn ein Mann seine Kinder ersticht oder seine Frau und sich selbst erschiesst. Oder alles zusammen. Nicht im Film, sondern in der Realität. "Familiendrama" klingt aber schöner als Mord mit anschliessendem Selbstmord. Und das ist nicht der einzige Begriff, den sich Medien zur Beschönigung einfallen lassen haben: Familien- oder Beziehungstragödie, Liebesdrama, Rosenkrieg oder häusliche Gewalt klingen besser als das, was tatsächlich dahintersteht. "Kinderehe" klingt nicht schlimm, aber es ist keine Ehe. Vielmehr handelt es sich um Missbrauch und Vergewaltigung einer Minderjährigen.

Ein Mann "überfällt" eine Frau nicht mit Sex. Er "attackiert" sie auch nicht mit Sex. Er vergewaltigt sie.

Im Fall von Oscar Pistorius schrieben quasi alle Medien von einem "Liebesdrama". Er hatte am Valentinstag seine Lebensgefährtin Reeva Steenkamp erschossen. Auch hier war die Frau laut Medienberichten nicht ganz unschuldig – schliesslich hatte sie sich im Bad aufgehalten, wo Pistorius sie für einen Einbrecher gehalten habe. Es ist kein Liebesdrama, wenn ein Mann seine Freundin, Frau, Lebensgefährtin oder Geliebte tötet. Twilight ist ein Liebesdrama. Und auch hier kann man darüber diskutieren, ob es nicht komisch ist, dass ein Mann im Alter von über 100 Jahren einen Teenager stalkt und schwängert.

Mindestens so untertrieben sind die Begriffe Sex-Mob, Sex-Täter oder Sex-Attacke. Ein Mann "überfällt" eine Frau nicht mit Sex, er "attackiert" sie auch nicht mit Sex. Er vergewaltigt sie. Sex als alleinstehender Begriff ist einvernehmlich. Vergewaltigung ist es nicht. Bei einer Vergewaltigung wird jemand durch physische oder psychische Gewalt zu sexuellen Handlungen gezwungen. Es ist wichtig, den Zwang nicht aus dem Wort zu nehmen, indem man die Tat nur "Sex-Attacke" nennt und den Täter nur "Sex-Täter" (oder noch schlimmer: "Sex-Unhold", was klingt, als wäre der Mann nur ein wenig unverschämt gewesen).

Foto mit freundlicher Genehmigung von Sebastian Fellner.

Aber "Sex-Attacke" liest und schreibt sich schneller. Das Wort ist kürzer, passt besser in Überschriften und – ganz wichtig – bei "Sex" hat vermutlich noch jeder kurz innegehalten und zumindest die Überschrift gelesen, in der das Wort vorkommt. "Vergewaltigung" zu lesen ist unangenehmer. Lieber eine Überschrift voller Euphemismen, die im besten Fall noch ein bisschen was vom Fahrtwind des Sexbegriffs mitbekommt.

Ein weiterer, wunderschöner Euphemismus für das, was hinter schwerwiegenden Übergriffen und Gewaltfällen im familiären Umfeld steht, ist "Rosenkrieg". Auch den verwendeten alle Medien, als es darum ging, wie eine Ehefrau sagte, ihr Mann habe sie mehrfach misshandelt, ihr ein Handy ins Gesicht geworfen und Teile der Wohnung zerstört, wie es bei Johnny Depp und Amber Heard der Fall war.


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Man muss als Beispiel gar nicht diesen Fall anführen. "Rosenkriege" gibt es andauernd, wenn man die dementsprechenden Medien liest. Der Unterschied zu Gewalthandlungen und zu Begriffen wie "Körperverletzung", "Vergewaltigung", "Missbrauch" oder "Mord": Am "Rosenkrieg" sind meistens beide Schuld, wie es bei Kriegen nunmal so ist. Auch wenn die Frau missbraucht wurde. Der Gedanke, der sich uns aufdrängt, ist: "Vermutlich war die Frau an der Sache nicht ganz unschuldig – zumindest verlassen hätte sie ihn können."

Jörg Matthes vom Institut für Publizistik der Universität Wien sieht darin nicht unbedingt eine "Verharmlosung", aber definitiv eine Verkürzung: "Es geht um Schlagwörter, die zugespitzt ein Problem auf den Punkt bringen. Im Grunde geht es um ganz typische menschliche Geschichten: Durch die einfachen Schlagwörter wird jedem sofort klar, worum es geht, sie aktivieren eine typische, stereotypisierte Vorstellung. Damit wird das Verständnis vereinfacht, und das Geschehen leicht in eine Schublade eingeordnet, manchmal auch gepresst."

Blöd nur, wenn die Schublade nicht reicht. Ähnlich ist es mit dem Überbegriff der "häuslichen Gewalt". Ja, es ist Gewalt, die (meistens) innerhalb der eigenen vier Wände passiert. Aber auch hier handelt es sich, je nach konkretem Fall, um Vergewaltigung, Körperverletzung, Drohung, Freiheitsberaubung, Zwang zur Prostitution und viel zu viele andere Delikte, die schrecklich vorzustellen sind.

Aber genau das ist der Punkt: Diese Dinge sollten auch schrecklich klingen. Weil es nicht darum geht, das Schlimme soweit zu beschönigen, dass wir es besser ertragen – sondern darum, aufzuzeigen, dass nach wie vor Menschen (und hier vor allem Frauen) diese Dinge ertragen müssen.

Hanna auf Twitter: @HHumorlos

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