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Ostdeutsche Influencer erklären, warum sie es schwerer haben

"Wenn du mit einem Bären kämpfen musst, ist es kein Wunder, dass du aggressiver bist!" – Slavik, Ost Boy

von Matern Boeselager
04 Oktober 2018, 2:02pm

Fotos von @kimiperi, Philipp Gladsome (Max Muench) und den Ost Boys

Die schlechte Nachricht kam pünktlich: Genau zwei Tage vor dem Tag der Deutschen Einheit meldete das Portal "wintotal.de", dass kein einziger der 50 wichtigsten deutschen Influencer aus Ostdeutschland kommt. Kein einziger!

Wie das Portal das ausgerechnet hat, ist nicht wirklich nachvollziehbar. Toni Kroos zum Beispiel, der Mensch mit den meisten Instagram-Followern in ganz Deutschland, kommt aus Mecklenburg-Vorpommern. Gilt er nicht, weil er Fussballer ist?

Trotzdem möglich, dass Ostdeutsche in der Influencer-Welt genauso unterrepräsentiert sind wie in den Chefetagen in ihren eigenen Bundesländern. In der eigenen Liste hat wintotal.de jedenfalls wirklich nur Wessis (lisaandlena, bibisbeautyplace, dagibee) aufgelistet.

Wir haben drei ostdeutsche Influencer gefragt, wie sich das erklären.

Kimi Peri, 23, "Fashion Blogger, Model & Stylist", 412k Follower auf Instagram, aus Magdeburg

VICE: Kimi, du nennst dich selbst eine "White Witch". Was ist das?
Kimi Peri: Ich wurde schon in der Schule immer Hexe genannt. Wegen der weissen Haare dann irgendwann eben "White Witch". Und dann habe ich mich mehr mit dem Thema Hexen und Witchcraft beschäftigt und habe gemerkt, dass ich weisse Magie gut finde, weil ich auch einfach ein positiver Mensch bin.

Glaubst du, dass Influencer aus Ostdeutschland es schwerer haben?
Vielleicht liegt es daran, dass es hier viel mehr alternative Influencer gibt, in Westdeutschland sind mehr diese "typisch deutschen" blonden Mädchen. Ich bin zum Beispiel viel zu alternativ für viele deutsche Marken. Vielleicht würde das mit einem Management besser gehen, aber da habe ich gerade noch keine Lust drauf.

Ich habe Follower auf der ganzen Welt, vor allem in den USA. Ich schreibe ja auch auf Englisch, deshalb wissen viele meiner Follower gar nicht, dass ich Deutsche bin.

Du bist in Magdeburg geboren, in Rostock aufgewachsen und lebst jetzt in Leipzig. Was bedeutet es für dich, Ostdeutsche zu sein?
Ich bin da eigentlich stolz drauf. Ich mache da jetzt nicht so einen grossen Unterschied, aber ich fühle mich hier einfach wohler. Leipzig ist eine sehr weltoffene Stadt, es ist kreativ, es gibt viel Kultur hier, und die Menschen sind irgendwie sozialer. Ich war noch gar nicht so oft in Westdeutschland, aber wenn ich da war, fand ich das oft sehr schicki-micki. Ich hatte das Gefühl, da geht es immer viel um Geld.

Verstehen die Leute in deinem Umfeld, was du machst?
Mit meiner Schwester rede ich viel darüber, die ermutigt mich auch immer. Mein Dad versteht das nicht so. Wenn ich den frage, ob er mal ein Foto von mir machen kann, klappt das meistens nicht. In meinem Job wissen das gar nicht alle, soweit ich weiss. Aber ich finde das auch gut so: Ich möchte, dass die mich als Menschen kennenlernen, bevor sie wissen, was ich da auf Instagram mache.

Die Ost Boys, Macher von "Deutschlands asozialster Webserie", 442,650 Abonnenten auf Youtube, aus Marzahn

VICE: Habt ihr von dieser Studie über ostdeutsche Influencer gehört?
Slavik: Was ist das für eine Studie, wo gab's die? Haben wir nichts von gehört. Wir können auch unsere eigene Studie vorm Polenmarkt erstellen! Da wären wir dann die Nummer 1 der Influencer.

Fühlt ihr euch als Russlanddeutsche näher an Ost- oder Westdeutschland?
Slavik: Ich mag am liebsten Berlin-Marzahn, also Ostdeutschland. Für mich ist der Osten Beste.
Wadik: Ich auch. Aber ich finde geil, wenn du in Marzahn wohnst, aber ab und zu zum Ku'damm fährst. Ist immer ein geiler Kontrast, der schon hier in Berlin deutlich wird. Der Plattenbau im Osten gegen die reiche Shoppingmeile im Westen.
Slavik: Ja, es ist geil, wenn man im Osten wohnt, aber so viel Geld hat, um kurz in den Westen rüberzufahren, Richtung Ku'damm, um im Starbucks zu chillen.
Wadik: Schreib nicht Starbucks, sonst denken die Leute, wir sind Hipster!
Slavik: Na ja, Starbucks ist Luxus. Das gibt's im Osten in Marzahn nicht.

Laut eurem ersten Video habt ihr mit YouTube angefangen, um reich zu werden. Hat der Plan geklappt?
Slavik: Nein, noch lange nicht. Alles, was wir verdienen, geben wir sofort aus. Und das Finanzamt fickt uns noch dazu, Alter. Wir waren fast pleite, als das Finanzamt uns eine Rechnung geschrieben hat. Dafür sind wir viel bekannter, zumindest bei der Polizei, HA! Wir sind reicher, weil wir nebenbei dealen. Nein, Spass.
Wadik: Slavik macht eine Kooperation mit dem Arbeitsamt. Wir haben aber auch andere Sponsoren!

Was bedeutet Osten für euch?
Wadik: Heimat. Und Plattenbau. Und Arbeitsamt.

Sind die Leute im Osten härter?
Slavik: Wenn man das jetzt auf Berlin bezieht, kann man das schon sagen. Die Leute im Osten haben keine Kohle, müssen anderes Business machen und deshalb sind die auch schlechter gelaunt.
Wadik: Im Westen wollen alle nett sein und so tun, als hätten sich alle lieb, so wie im Prenzlauer Berg. Im Osten sind alle viel direkter und leben ihre Aggressionen mehr aus.

Werden die Leute aggressiver, je weiter man in den Osten geht? Also bis nach Russland?
Slavik: Ja, natürlich! Wenn du mit einem Bären kämpfen musst, bis du was zu essen hast oder nachher noch mit dem Bären teilen musst, ist es kein Wunder, dass du aggressiver bist.
Wadik: Und vor allem es gibt kein Arbeitsamt in Russland, was sollen sie machen den ganzen Tag? Da staut sich was an.

Habt ihr noch einen abschliessenden Gedanken über Ost-Influencer und West-Influencer?
Wadik: Ich bin seit sieben Jahren in Deutschland und ich habe nicht dieses innere Koordinationssystem, von wegen Ost- und Westdeutschland. Das interessiert mich nicht so richtig.
Slavik: Meine Botschaft: Bleibt alle stabil.

Max Muench, Landschaftsfotograf, 553k Follower auf Instagram, aus Chemnitz

Foto: Philipp Gladsome

VICE: Max, warum gibt es so wenige ostdeutsche Influencer?
Max Muench: Ist das so? Obwohl, wenn ich überlege – in meinem Team, den "German Roamers", bin ich auch der einzige. Tatsache. Vielleicht zählt am Ende die Qualität, nicht die Quantität!

Woran könnte das liegen?
Weisst du, in Sachsen gibt es viele krasse Menschen, die coole Sachen machen. Aber die haben in Sachsen nicht unbedingt die Chance zu wachsen. In Chemnitz sind Maschinenbau und Handwerk gross, aber es gibt keinen richtigen Wohlfühl-Pflaster für Influencer – es gibt wenig schicke Cafés oder Hipster-Gegenden. Leipzig oder die Dresdner Neustadt sind da schon anders.

Du hängst doch nie in Hipster-Cafés ab, oder?
Ich bin aber auch nicht der typische Influencer, der vor der Kamera steht, sondern ich benutze meine Fotos als Medium. Dafür reise ich um die Welt.

Du postest aber auch viele Fotos aus deiner Heimat, oder?
Ich zeige gern, dass ich aus Sachsen komme. Auch wenn es sich gerade nicht so anfühlt: Die Mehrheit der Menschen ist nicht so, wie das in den Medien dargestellt wird. Und die Landschaft hat damit schon mal gar nichts zu tun – die war vor den Idioten schon da.

Und die willst du den Menschen zeigen?
Ich will zeigen, dass es sich lohnt, nach Sachsen zu kommen. Und ich will den Sachsen zeigen: Hey, hier sind Touristen, baut mal euren Service aus! Seid mal freundlich zu denen! Dann gewöhnen sich auch die Sachsen an neue Menschen – und werden hoffentlich ein bisschen weltoffener.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.