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HIV

HIV-Infektionen in der Schweiz sind zurückgegangen

Aber schwule Männer dürfen immer noch nur unter strengen Auflagen Blut spenden.

von VICE Staff
20 November 2018, 3:56pm

Foto: Flickr | Victor | CCBY2.0

"Hallo, heute lernen wir, selber zu Wursten. Karl hat den Darm bereits angefeuchtet und stülpt ihn bis zum Ansatz über sein Wurstrohr. Jetzt kann Karl den Darm stopfen." So beginnt einer der Videoclips der "Love Life"-Kampagne vom Bundesamt für Gesundheit (BAG). Die Videos sind witzig und Teil der Präventionspolitik des Bundes gegen HIV. Eben diese Präventionspolitik soll laut BAG mit dafür verantwortlich sein, dass die Zahl der Menschen, die sich 2017 mit HIV angesteckt haben, deutlich zurückgegangen ist.

Das BAG führt den Trend abnehmender Neuinfizierungen, den sie seit 2008 feststellen, auch darauf zurück, dass Menschen, die sich mit HIV infiziert haben, die Therapie immer früher starten und Patientinnen und Patienten kontinuierlich begleitet werden. Die meisten Ansteckungen gab es in der Schweiz 1986 mit mehr als 3000 Fällen in einem Jahr. Seitdem sinkt die Zahl der Menschen, die sich anstecken, mit einigen Ausreissern, etwa im Jahr 1991. Seit 2008 gehen die Zahlen kontinuierlich zurück, 2017 gab es insgesamt 445 Fälle.

Auch vermehrte Tests, vor allem von Personengruppen, die besonders gefährdet sind, hätten sich positiv auf das Ergebnis ausgewirkt. Das BAG spricht in seiner Mitteilung sogar von einem historischen Tief.


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Aber anscheinend ist ein "historisches Tief" nicht tief genug, damit das Blut homosexueller Männer auch im Spenderbeutel erwünscht ist. Blut dürfen schwule Männer in der Schweiz nämlich erst spenden, wenn sie ein Jahr lang keinen Sex mit Männern hatten. "Die aktuelle Regelung ist für uns immer noch diskriminierend”, sagt Roman Heggli, Geschäftsleiter von Pink Cross zu VICE. "Damit sagen die Verantwortlichen: ‘Wenn Schwule ein Jahr keinen Sex hatten, sind sie gleich sicher wie Heteros, die seit drei Monaten nur mit einer Person Sex haben.’ Das ist absurd."

Dabei zeigen die neuesten Zahlen des BAG: 10 Prozent der schwulen Männer liessen sich im vergangenen Jahr in Schweizer Voluntary-Councelling-and-Testing-Stellen (VCT) auf HIV testen – bei den heterosexuellen Männern lag dieser Wert bei gerade mal 0,3 Prozent. "Es zeigt, dass bei den Verantwortlichen für die Blutspende-Regeln nach wie vor ein rückständiges Bild im Kopf ist, dass schwuler Sex etwas Dreckiges ist und nichts Normales, weil sie für schwule Männer spezielle Regeln machen." Und Heggli hält fest: "Das Risikoverhalten ist entscheidend und nicht die sexuelle Orientierung."

Bernhard Wegmüller, der Direktor des Schweizerischen Roten Kreuz, verteidigt die derzeitige Regelung gegenüber VICE: "Die bisherigen Risikodaten haben eine Verfeinerung der Spenderkriterien nicht erlaubt." Verantwortlich für die Ausarbeitung dieser Kriterien ist eine Arbeitsgruppe von Blut- und Infektionsspezialisten, die laufend die epidemiologischen Daten des BAG auswerten. Diese Kriterien gebe es, damit die Sicherheit der Empfänger gewährleistet sei. "Gewisse Tests für ansteckende Infektionskrankheiten reagieren erst einige Zeit nach der Ansteckung positiv. Das heisst, eine Person könnte schon eine Krankheit übertragen, obwohl der Labortest etwas anderes anzeigt. Personen, die möglicherweise einem Ansteckungsrisiko ausgesetzt waren, können deshalb für eine bestimmte Zeit nicht spenden." Zugunsten der Bluspende-Empfänger wolle man darum auf der sicheren Seite bleiben.

Ob die neuen Zahlen des BAG auch eine Änderung der Blutspendekriterien erlauben, gibt sich Wegmüller zurückhaltend. Das könne erst nach einer Analyse der Arbeitsgruppe von Blut- und Infektionsspezialisten beurteilt werden, die jährlich durchgeführt wird.

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