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Wir haben die Partnersuche verlernt

Social-Media-Dating kommt aus der Hölle und beschert uns eine Epoche der ewigen Trostpflaster.

von Ivan Markovic
15 Januar 2016, 6:00am

Foto: Public Domain

Willkommen beim Social-Media-Dating: Auf der Suche nach Frischfleisch klicken sich abgestumpfte Barbaren durch Herden digitaler Kontakte. Ja, wir Singles von heute befinden uns in einer beschissenen Situation—2016er Junggesellen landen im Nu in einer Dating-Hölle.

Irgendwann zwischen Gummistiefeln aus Holz und heute, wurde romantisches Steine-ans-Fenster-werfen durch WhatsApp-Nachrichten ersetzt. Natürlich könnte ich mir auf der Suche nach Schuldigen Tinder und Co. vorknöpfen und für mein Verhalten zur Verantwortung ziehen. So hätte ich ein reines Gewissen—niemand (auch ich nicht) will seinen Kopf für diese verkorkste Dating-Kultur hinhalten müssen.

Also suchen wir die Schuld bei anderen und machen uns selbst zu unwissenden Opfern. Wir werden zu den verlogenen Helden unseres eigenen Selbstbetrugs. In Wahrheit lautet die Schlagzeile aber wie folgt: „Die Apps sind nicht das Problem—sondern du und ich."

Ich sehe es täglich bei meinen Freunden und den Freunden meiner Freunde: Wir sind ungeduldig, egoistisch und die Existenz von Kompromissbereitschaft ist uns fremd. Wir warten nicht, schauen nicht, was passieren könnte. Wenn nicht alles von Anfang an exakt nach Plan läuft, machen wir die Grenzen dicht. Im schlimmsten Fall machst du es wie ich und zückst den Liebeskiller im Hosentaschenformat noch während dem missglückten Date und tippst bereits die nächsten WhatsApp-Messages. Der Glaube, dass der Abend immer etwas besseres für mich bereit hält, lässt mir keine Ruhe und schon geht's auf zur nächstmöglichen Eroberung.

Wer weiss, vielleicht war die Zeit vor der digitalen Revolution tatsächlich besser. Du hast jemanden bei Freunden kennengelernt, ihr habt Nummern ausgetauscht, nach ein paar Tagen hast du angerufen, anschliessend seid ihr gemeinsam ins Kino und wenn's Spass gemacht hat, ging es auf einen Schlummertrunk weiter. Wenn eure Herzen dann zu Funken schlagenden Feuersteinen wurden, folgten stundenlange Telefongespräche in bester Harry & Sally-Manier.


Die Idee zum ersten iPhone steckte noch in Steve Jobs Kopf und ein Abzug aus dem Fotoautomaten vom ersten Date stellte das höchste der Gefühle dar. Die Anteilnahme am Leben des anderen konnte unmöglich online simuliert werden. Wolltest du diese Person wieder sehen, musstest du dich mit ihr verabreden—du musstest dich auf dieses eine, real existierende, Individuum einlassen. Eine Flucht in soziale Medien war noch keine Option, echte Kontakte und echte Enttäuschungen liessen sich nicht mit belanglosen WhatsApp-Chats vertuschen. Das beschriebene Dating-Prozedere wurde anschliessend zwei bis drei Mal wiederholt und irgendwann war klar, ob die Sache weiterlief oder ob ihr zum Statisten im Leben des anderen degradiert wurdet. Früher war alles besser? Nein. Die Partnersuche aber ganz sicher.

Heute sieht die Situation anders aus. Man lernt sich wahlweise durch Freunde, Facebook oder Tinder kennen, Kontaktdaten werden ausgetauscht, ein paar Tage später folgt eine Nachricht. So weit so gut. Vertrautes Terrain. So machen es die Menschen seit Romeo & Julia. Aber ab hier wird's mühsam: Wenn Leute heute keinen Bock auf dich haben, lassen sie es dich selten auf direktem Weg wissen. Wie oft habe ich mich deswegen schon gefragt, ob ich jetzt schreiben oder es lieber sein lassen soll. Diese Mentalität übersteigt mein Einfühlungsvermögen in regelmässigen Abständen aufs Neue: Seit Anbeginn der Zeit stand dem modernen Mensch keine dermassen grosse Auswahl an Kommunikationsmöglichkeiten zur Verfügung und trotzdem schafft es meine Verabredung von letzter Nacht nicht, mir auf eine verdammte Textnachricht zurückzuschreiben! Ein für Singles unglaublich frustrierender Brauch.

Durch die pausenlose Verblendung entfällt nämlich das Wesentliche: Hinter jeder Textnachricht steckt ein Mensch. Klar, Booty Calls gab's schon vor der Erfindung des ersten Telefonapparats—jemanden warm halten ist nichts Neues. Durch unzählige Social-Media-Kanäle hat diese hässliche Masche aber einen historischen Tiefpunkt erreicht.

Mein Umfeld zeigt es klar: Jeder „pflegt" diverse Trostpflaster und jeder ist selbst das Trostpflaster anderer. Mit haufenweise Singles schreiben und trotzdem alleine Zuhause sein. Dabei sind mir vor allem drei bestimmte Dating-Verhaltensmuster aus dem Social-Media-Zeitalter aufgefallen:

Ich nenne sie die „Ewig-Beschäftigen" oder „Knapp-Verpassten." Sie halten sich an keine Verabredung und haben nie Zeit. Wir billigen dieses Verhalten in der Hoffnung, dass es eines Tages zur nächsten Einladung kommen wird. Der Spass wird solange weiter gezogen, bis der Verlierer begreift, dass er einer ist und der Kontakt langsam verendet. Sprich: Bis du's begreifst und aufgibst.

Alle Collagen aus düsteren Erinnerungen des Autors

Die grössten Feiglinge verstecken sich unter den „Sich-nicht-mehr-Meldern." Eine Zu- oder Absage ist bereits zu viel. Von einem Tag auf den andern scheint die Person ans andere Ende der Welt entführt worden zu sein. Dank scheiss Facebook belehrst du dich dann selbst eines Besseren und siehst, dass dein Ex-Date putzmunter von Party zu Party hopst und darum leider keine Zeit findet, um sich jemals wieder bei dir zu melden.

Diese beiden Dating-Typen sollten an und für sich genug Demütigung für ein ganzes Menschenleben mit sich bringen. Doch es gibt noch eine aussterbende Gattung: Die Ehrlichen. Die einzigen mit genug Schneid—und genau sie will niemand.

Wenn dir eine potenzielle Liebschaft ins Gesicht sagt, dass sie dich nicht weiter sehen will, dann bricht vielleicht dein Herz, aber dein Ego erst recht. Mit der Bewältigung solcher Situationen hatte ich bisher die grösste Mühe. Ich konnte sie weder schönreden noch akzeptieren. Was soll das heissen, du willst mich nicht? Die hässliche Fratze der Realität schaute mir direkt in die Augen.

Oft zeigt sich der Umgang mit Ablehnung besonders schwierig: Wir wollen nicht. Es scheint einfacher, sich selbst zu belügen als der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Denn es braucht beidseitig echt Mumm, sich den „wir müssen Reden"-Situationen des Lebens zu stellen. Ob man nun kurz davor ist zu verletzen oder verletzt zu werden.

Wir verurteilen andere gerne. Dating im Social-Media-Zeitalter ist inzwischen dermassen wirr, dass es für Ehrlichkeit keinen Platz mehr gibt. Sollte mal jemand auf die dumme Idee kommen und die Worte aussprechen, können wir die Fakten in unseren Köpfen schlecht verfälschen.

Jetzt kommt's aber: Als mir das letzte Mal jemand den Schuh auf die ehrliche Weise gab, war ich nach ein paar Tagen wieder ich selbst. Lieber kurz auf die Fresse kriegen und dann ist gut, als tausend Nadelstiche über Monate hinweg. Diese Erlebnisse sind nie schön, so konnte ich sie wenigstens verarbeiten und weiter meines Weges gehen—mit allem anderen trieb ich mich nur selbst in den Wahnsinn.

Verzichte lieber darauf, dir die Wahrheit selbst zurecht legen zu wollen. Diese stillschweigenden Einverständnisse, die darauf schliessen lassen, dass wir die ehrliche Art gar nicht wollen, sind kompletter Schwachsinn. Lass es nicht mit dir machen und tu es niemandem an. Fakt ist: Für die Person, die dich sitzen gelassen hat, bist du nichts wert. Scheisse, oder?

Niemand sollte so behandelt werden und dennoch können wir es manchmal nicht lassen, uns gegenseitig zu verarschen. Stets rennen wir dem hinterher, was wir nicht kriegen können. Vor lauter Egoismus bleiben wir schlussendlich alleine. Du und ich haben eine Generation der Einsamen erschaffen und niemand will verantwortlich sein. Daughter fand mit dem Song „Youth" die richtigen Worte: „If you're still bleeding, you're the lucky ones, cause most of our feelings, they are dead and they are gone."

Ivan twittert auch über sein Dating-Leben: @iiivanmarkovic

VICE Schweiz auf Twitter: @ViceSwitzerland


Titelbild: Public Domain

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