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Die hippen Zungen von Instagram

2015 war das Jahr, in dem das Selfie die Popkultur endgültig erobert hat. Dabei hat ein gewisser Körperteil das Selbstporträt für coole Mädchen salonfähig gemacht.

Lauren Oyler

Lauren Oyler

Dieser Artikel ist zuerst auf Broadly erschienen.

Ende 2014 erklärte die chaotische Trendmaschine namens Twitter das vergangene Jahr zum „Jahr des Selfies". Dabei wurden die frenetischen Retweets von Ellen DeGeneres' Massen-Promi-Selfie bei der Oscarverleihung sowie der fragwürdige Hashtag #nomakeupselfie ins Feld geführt, doch Artikel zum Thema verloren kaum ein Wort über die Kritik, der sich Selfie-Fotografinnen gegenüber sehen, und bombardierten uns stattdessen mit Zahlen: Die Verwendung des Wortes „Selfie" sei zwischen 2013 und 2014 um 500 Prozent gestiegen, und auch die Google-Suchanfragen hätten massiv zugenommen.

Doch auch wenn die Zeiten des unbewussten Duckface schon lange hinter uns liegen, hat dieses Jahr auch der Diskussion um die Selbstporträts des 21. Jahrhunderts eine neue Richtung gegeben. Die Leute gingen in die Defensive. „Selfies sind im Grunde politisch!", riefen sie und stilisierten es zu einem feministischen und LGBT-Thema, Fotos von sich selbst zu schießen. Essays, in denen Kim Kardashian als Kulturschaffende bezeichnet wurde, schossen als präventive Verteidigung gegen etwaige Angriffe auf die „Kween", die im Mai ihren Selfie-Fotoband Selfish veröffentlichte, aus dem Boden. Inzwischen scheinen viele einen erbitterten Kampf um das Recht zu führen, größtenteils nicht repräsentative Fotos von sich der Öffentlichkeit zum Konsum (und natürlich zur Bewunderung) vorzusetzen. Beziehungsweise geht es um das Recht, dieser Aktivität nachzugehen, ohne dafür kritisiert zu werden.

Auch wenn das Thema so aggressiv politisiert worden ist, beweist ein Trend-im-Trend, dass wir den Narzissmus des Selfies vielleicht doch nicht so entspannt sehen, wie es die ellenlangen Abhandlungen dazu glauben machen wollen:

die Zunge.

Ich frage mich, ob jemand sich noch treffender zu dieser Sache geäußert hat als Laurie Patsalides auf brighthubeducation.com: „Ob es dir gefällt oder nicht, es ist kulturell akzeptabel, die Zunge herauszustrecken." Als das schmollmündige, wangenknochige Modelgesicht mit dem geschlossenen Lächeln nur noch ein ausgelutschtes Klischee zur Ansammlung von Instagram-Bewunderern geworden war, entdeckte die junge Kreative des Post-Hipstertums, die müde über Hoverboards lächelt, dass sie sich einen dreidimensionaleren Look geben konnte. Die Zunge herauszustrecken liefert Instagram-Nutzerinnen, die nicht sexualisiert werden wollen (aber andererseits auch irgendwie doch), die keine Selfies schießen wollen (aber auch irgendwie doch), die perfekte Kombination aus Sexualität und Ironie. Zungenzeigen gibt es in verschiedensten historischen Kontexten, von einer Folklore-Tradition (in Tibet grüßt man einander bereits seit dem 9. Jahrhundert auf diese Art) bis hin zur Rock-Rebellion in einer Zeit der sexuellen Revolution (die Rolling Stones, Gene Simmons). Doch heute haftet der Zunge weder altes Brauchtum noch etwas wirklich Radikales an. Als zur Schau gestellte Apathie, die nur fadenscheinig ein legitimes Bedürfnis nach dem Gesehenwerden versteckt, kann sie nur mehr Haltungen wie „Fick dich (ironisch)", „Ist mir scheißegal (ironisch)" oder „Ich hatte schon Sex (ironisch)" ausdrücken.

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In anderen Worten: Die Zunge herauszustrecken bietet eine Lösung für die Selfie-Frage. Im echten Leben gäbe es diverse Gründe, die Zunge zu zeigen, bei denen sich uns durchaus die Frage aufdrängen könnte, was zuerst kam: das Emoji oder die Geste? Auf Fotos ist die Bedeutung der Zunge schon etwas limitierter. Im Jahr 2015 haben sich drei unterschiedliche Looks herausgebildet, und während sie sich im Stil schon unterscheiden, sagen sie im Grunde alle dasselbe aus. Die Ekelhaftigkeit der Zunge, in Fotos noch deutlicher sichtbar und verewigt, verschleiert die aufrichtige Bemühung um zwischenmenschlichen Kontakt bzw. Bewunderung, die dem Selfie innewohnt. Sie impliziert, dass die Fotografin weder die Situation noch sich selbst besonders ernst nimmt und einfach einem spaßigen und flirtlastigen Lebensstil nachgeht. Doch gleichzeitig lässt sich auch nicht abstreiten, dass eine herausgestreckte Zunge meist so einigermaßen dem Aussehen der Person schmeichelt ... tja, und wenn nicht: Darauf warst du ja sowieso nicht aus.

Die Party-Zunge

Ein Klassiker bei „Bad Girls" in aller Welt. Die Party-Zunge machte im August Schlagzeilen, als Miley Cyrus im Rahmen ihrer VMA-Moderation mehrere Extrembeispiele darbot. (Cyrus ist bekannt dafür, ihre Zunge zu zeigen, doch die Kombination ihrer augenverätzenden Outfits und der kritikwürdigen Cultural Appropriation ihres Auftritts verlieh dem Ganzen den nötigen übertriebenen und „lächerlichen" Charakter). Die klassische Pose, die man auf so ziemlich jeder Großveranstaltung und während jeder langen Clubnacht zu sehen bekommt, erfreut sich weiterhin großer Beliebtheit, auch wenn ihr ursprünglicher Zweck—sein Zungenpiercing zur Schau stellen—leider, oder auch zum Glück—aus der Mode gekommen ist.

Die 90er-Zunge

Die momentan angesagteste Dekade brachte einen Zungen-Stil hervor, der ein fester Bestandteil der Spielplatz-Neckerei war: Diese Zunge spottet und zwinkert zugleich. Und es ergibt auch nur Sinn, dass mit der wachsenden Beliebtheit der 90er-Mode auch die 90er-Attitüde ein Comeback feiert. Je nachdem, wie du anatomisch veranlagt bist, kann sich die 90er-Zunge in einer spitzeren, schlangenartigen Version oder einer niedlichen, runderen manifestieren. Die bekanntesten Vertreterinnen dieses Stils sind die verrückteren Spice Girls, Geri „Ginger Spice" Halliwell und (die gepiercte) „Scary Spice" Mel B—allerdings gibt es Fotos, auf denen „Posh Spice" Victoria Beckham sich in dieser Pose zeigt.

Die beiläufige Zunge

Sowohl überraschend als auch völlig unüberraschend ist die beiläufige Zunge der einzige Trend, der 2015 komplett neu aufkam. Dieser Stil ist deutlich im Hipstertum und der gleichgültigen Internetkultur der frühen 2000er zu Hause, wie eine Art Selfie-Inkarnation des #Snackwave und Pizzacore. Es ist die Zunge, die um 16 Uhr vom Bett aus darüber tweetet, dass wir alle eigentlich scheiße sind, und selbstironische Witze reißt.

Ich habe allerdings ein wenig tiefer gegraben und festgestellt, dass es beim Schießen dieser Selfies mit der beiläufigen Zunge—was ich natürlich nicht oft tue, auch wenn ich gerne würde—eigentlich um Sex geht. Diese Pose lässt sich unmöglich einnehmen, ohne dass es so aussieht, als würde man einen Blowjob machen, vor allem weil, wie wir alle wissen, der schmeichelhafteste Winkel für ein Selfie von oben ist. Inzwischen sehe ich in allen Fotos der beiläufigen Zunge—beliebt bei allen, die Tumblr nutzen oder etwas mit Mode machen—die wahre Bedeutung, um die es letztendlich bei allen Zungen geht, ob ironisch oder nicht: Geschlechtsverkehr.

Außer natürlich, du bist ein Hund.

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