Stuff

Ich habe dem bekanntesten Body-Mod-Künstler der Welt bei der Arbeit über die Schulter geschaut

Erst als die Narbenverzierung schon fast fertig war, dämmerte es mir, dass ich tatsächlich dabei zusah, wie einem Fremden ein Muster ins Gesicht geschnitten wurde.

von Maddison Connaughton
19 Mai 2016, 4:00am

Luna Cobra | Alle Fotos: bereitgestellt von der Autorin

Ich habe weder Tattoos noch irgendwelche Piercings. Als ich Luna Cobra genau das erzähle, zieht er seine Augenbrauen hoch und legt damit die Mond-Tätowierung auf seiner Stirn in Falten. Er schlägt vor, dass ich mir die Ohren anspitzen oder die Augäpfel in einem zarten Blauton tätowieren lasse.

In der Welt der Body Modifications ist Luna Cobra eine Legende. So lassen ihn die Leute auch schon mal einfliegen, damit er ihnen die Zunge spaltet, ihnen Implantate unter Haut setzt oder ihnen die Augäpfel tätowiert (Cobra hat nämlich die entsprechende Technik erfunden).

Derzeit sind Nippel- und Bauchnabel-Entfernungen voll im Trend, erklärt mir der Body-Mod-Experte und scrollt sich dabei auf seinem Handy durch die Fotos von kürzlich durchgeführten Prozeduren. Viele Menschen machen das aufgrund ihrer Tätowierungen, denn wer will schon ein großflächiges Brust-Tattoo, das dann durch die Nippel gestört wird? "Diese junge Frau fand ihren Bauchnabel einfach uncool", erzählt Cobra und dreht den Bildschirm zu mir, auf dem so etwas wie eine Nabelschnur zu sehen ist. Mir wird klar, dass dieser Vergleich sogar zutrifft. "Der Bauchnabel stand nach außen", fügt er hinzu.

Ich habe mich mit Luna Cobra getroffen, um einer Narbenverzierung beizuwohnen. Dabei handelt es sich um eine Prozedur, bei der Cobra mithilfe eines Skalpells ein bestimmtes Motiv in die Haut des Kunden schneidet. Nach dem Abheilen bleibt dann ein Narbenmuster zurück. "Irgendwie sieht das Ganze aus wie ein Tattoo mit weißer Tinte", erklärt er mir.

Sam, dessen Gesicht bald mit einer Pyramide verziert sein wird

Der Kunde, der heute eine Narbe bekommen wird, ist der Tätowierer Sam. Er erzählt mir, dass er schon drei Narbenverzierungen hinter sich hat. Ich versuche auszumachen, wo genau. Er hilft mir: ein langer Schnitt auf der linken Seite seines Gesichts, ein Dreieck unter seinem rechten Auge und einige Kreise auf seinem Kopf. Besagte Kreise komplettieren dabei seine Mond-Tätowierung.

Außerdem hat sich Sam anscheinend ein Implantat in den Finger einsetzen lassen—und zwar eins in der Form des Kreuz des Südens. Ich weiß nicht, ob das Ganze nun ein Scherz ist oder nicht.

Dieses Mal ist jedoch Sams Kinn an der Reihe. Cobra soll es mit einem Pyramiden-Motiv verschönern. Als ich Sam frage, ob er nervös ist, schüttelt er nur lachend den Kopf. Er macht sich scheinbar nur Sorgen, weil er seiner Freundin erzählt hat, dass er die Narbenverzierung auf seiner Brust machen lassen würde. Sie geht davon aus, dass das Kinn tabu ist.

Schon bald bewegt Cobra die Motivvorlage hin und her und versucht so, die richtige Position auf Sams Kinn zu finden. Das Ganze stellt sich aufgrund der Furche zwischen Unterlippe und Kinn jedoch als relativ schwer heraus. Sam kneift die Augen zusammen, als er sich im Spielgel betrachtet, und ist sich sicher, dass sich die Pyramide nach links neigt. Cobra geht hingegen davon aus, dass Sams Gesicht einfach nur unsymmetrisch ist. Für mich sieht das Ganze OK aus—und das bedeutet wahrscheinlich, dass es wohl besser ist, wenn ich das Aussehen eines anderen Menschen nicht dauerhaft verändere.

Motherboard: Der älteste Tintling der Welt: Warum hatte Ötzi so viele Tätowierungen?

Als die Vorlage endlich richtig positioniert ist, bittet Cobra Sam, sich auf der Liege niederzulassen. Derweilen legt er auch seine Werkzeuge auf einem Beistelltisch bereit. Ich sehe eine Pinzette, Mullverbände sowie ein Skalpell, in das der Body-Mod-Künstler eine frische Klinge einsetzt. Cobra erklärt mir, dass er nur wenige Millimeter in die obersten Hautschichten schneiden wird und deshalb auch nicht allzu viel Blut fließen sollte.

Dann beginnt Cobra mit einem langen Schnitt an der linken Seite der Pyramide. Sam atmet lautstark ein—so wie jemand, der zwar wusste, dass gleich Schmerzen kommen, sich dann aber nicht mehr genau daran erinnern konnte, wie genau sich diese Schmerzen anfühlen. Die oben erwähnte Furche zwischen Unterlippe und Kinn, also dort, wo sich die Pyramidenspitze befindet, scheint dabei am empfindlichsten zu sein.

Achtung: Es folgen nun einige Bilder, die unter Umständen nichts für schwache Nerven sind.

Als nächstes macht Cobra wenige Millimeter parallel neben dem ersten Schnitt einen zweiten. An den Ecken schneidet er zwischen diese beiden Schnitte und zieht dann mithilfe des Skalpells und der Pinzette den Hautstreifen weg. Darunter kommt viel Rot zum Vorschein. Cobra nimmt ein wenig Mullverband, tupft das Blut weg und macht sich wieder ans Werk.

Cobra hat sich dieser Kunst nun schon seit Jahrzehnten verschrieben. Angefangen hat alles während des Studiums in Kanada. Sein Bruder Aaron, der inzwischen als berühmter Schönheitschirurg in Los Angeles arbeitet, war damals sein Mitbewohner und die Body-Modification-Szene steckte noch in den Kinderschuhen. Das BMEzine, also quasi die Bibel der Bewegung, wurde zum Beispiel erst im Jahr 1994 ins Leben gerufen. Während Cobra also Religion und Psychologie studierte, ackerte er sich nebenbei zusammen mit den Medizin-Kommilitonen seines Bruders durch deren Anatomie-Lehrbücher und erfand dabei neue Body-Mod-Techniken.

Und selbst heute redet Cobra noch wie ein waschechter Medizinstudent und streut immer wieder Fachbegriffe in seine Gespräche ein. In Bezug auf seine Arbeitsweise geht er außerdem immer sehr genau nach medizinischen Richtlinien vor—und das, obwohl es bei Body Modifications keine Vorschriften gibt. Die Körperkunst existiert bis heute noch in einer Art Grauzone: Man könnte meinen, dass es in diesem Feld strenge und spezifische Vorschriften geben müsste, aber dem ist nicht so.

Was Cobra jedoch niemals machen würde, sind sogenannte Nullifications. Dabei handelt es sich um eine der extremsten Formen von Body Modifications, die das komplette Entfernen der Nippel oder der Genitalien beinhaltet. Der Künstler hat keine wirkliche Lust darauf, tief in die Psyche eines Menschen einzutauchen, der im Grunde zum Eunuchen gemacht werden will. "Solchen Leuten sage ich dann immer, dass sie nach Südostasien reisen sollen", meint Cobra. Dort sind solche Eingriffe nämlich legal und dazu auch noch günstiger.

Nachdem er sich wieder der Liege zugewandt hat, säubert Cobra die letzte Seite von Sams Pyramide und fährt danach noch einmal mit dem Skalpell an der Wunde entlang, um sicherzugehen, dass alle Schnitte gleichmäßig sind und alles planmäßig abheilen wird. Man kann dabei richtig hören, wie die Klinge durch die Haut gleitet. "So klingt es, wenn die Haarfollikel durchgeschnitten werden", erklärt er mir. Sams Kinn ist mit Blut überzogen und Cobra tropft zum Abschluss pures Adrenalin auf die Wunde, um diese auszubrennen.

Erst dann, also eine halbe Stunde nach Beginn der Prozedur, dämmert es mir, wie komisch es eigentlich anmutet, dass ich in einem leeren Tattoo-Studio stehe und dabei zusehe, wie einem Fremden ein Muster ins Gesicht geschnitten wird. Von außen betrachtet erscheinen Body Modifications wie eine düstere und bizarre Praxis. Wenn man jedoch etwas genauer hinsieht, dann verschwimmt die Grenze zwischen dem, was die Gesellschaft als akzeptabel ansieht und was darüber hinausgeht.

Wenn man in der Großstadt U-Bahn fährt, dann gehören Septum-Piercings inzwischen irgendwie zum natürlichen Bild. Und obwohl ich schon fast schräg angeschaut werde, nur weil ich eben keine Tattoos habe, ist alles, was sich auf den Händen, dem Hals oder im Gesicht befindet, trotzdem noch eine Stufe zu extrem. Als ich Cobra beim Säubern der Wunde zusehe, frage ich mich, ob Body Modifications einfach eine Sache sind, die auch irgendwann ganz normal sein werden. Im Grunde ist es relativ einfach: Je mehr wir davon sehen, desto unspektakulärer wird das Ganze.

Sam ist inzwischen aufgestanden und betrachtet seine neue Pyramide im Spiegel. Cobra schaut ihm dabei über die Schulter und inspiziert sein Werk. Beide wirken glücklich, aber mich würde eher interessieren, ob Sams Freundin genauso glücklich sein wird. Zumindest macht die Pyramide von meinem Blickwinkel aus einen geraden Eindruck.

Mehr von Luna Cobras Arbeiten findest du bei Instagram.