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Medien

Fragen, die die Hetze gegen eine Schweizer Gender-Forscherin aufwirft

Eine Basler Dozentin wird gerade wegen eines eineinhalb Jahre alten Blogbeitrags zu Rechtspopulismus auseinandergenommen und wir haben Fragen.

von Kamil Biedermann
16 November 2017, 6:14pm

Foto: Vice Media 

"Dozentin schreibt gegen die Meinungsfreiheit", titelte am Mittwoch die Basler Zeitung, die zu Teilen Christoph Blocher gehört und seitdem immer weiter nach rechts driftet. Kaum ein Schweizer Medium liess es sich darauf nehmen, seinen Senf zu der Debatte um einen einfachen, eineinhalb Jahre alten Blogbeitrag zu geben. Politiker von links bis rechts versuchen sich seitdem in Statements gegenseitig zu überbieten, wer die Meinungsfreiheit als Grundpfeiler unserer Demokratie am lautesten verteidigt.

Serkan Abrecht, der Autor des Textes, erklärt auf Anfrage von VICE per Mail, warum er so alte Blogartikel ausgräbt (er sagt, er hätte auf dem Blog rumgestöbert und den Text so gefunden): "Der Inhalt von Schutzbachs Artikel ist kontrovers und kann als ‘Widerspruch’ zum konventionellen, demokratischen Miteinander in unserem Land gesehen werden."

Der Tenor in den Medien ist klar: Franziska Schutzbachs Thesen, Rechtspopulisten einfach keine Bühne mehr zu geben und aus dem öffentlichen Leben auszuschliessen, treffen die Schweiz in ihrem demokratischen Herzen. Dass ein einfacher Blogeintrag mit losen Gedanken eine derartige Diskussion auslösen kann und für einen Tag die innere politische Stabilität eines Landes zu gefährden scheint, wirft bei uns dann doch einige Fragen auf:

Dürfen wir überhaupt noch Blogeinträge schreiben?

Kannst du dich noch an diesen peinlichen Reise-/Musik-/Random-Shit-Blog erinnern, den du damals 2009 auf Wordpress eröffnet hast und nach drei Texten für immer in die Versenkung des Internets entlassen hast? Wenn nein, gut für dich. Wenn ja: Das Internet vergisst nie. Stell dir vor, jemand gräbt einen dieser Einträge wieder aus und würde den jetzt gegen dich verwenden wollen. Würdest du nicht ganz fair finden, nicht?

Ein persönlicher Blog bleibt das, was er ist: Ein persönlicher Blog und der darf nicht der Anstoss zu einer nationalen Krise werden. Vorallem nicht, wenn der Eintrag eineinhalb Jahre alt ist und einfach mal ein paar lockere Gedankengänge enthält.

Warum zur Hölle schreibt ein Medium über einen eineinhalb Jahre alten Blogeintrag?

Medientechnisch gesehen ist einen einfachen, privaten Blogeintrag aufzunehmen, schon ziemlich schwierig – sind das News oder kann das weg? Die Autorin des Beitrags durch geschicktes Drehen aber auch noch als eine linksextreme Feminazi-Intellektuelle, um es im rechten Jargon auszudrücken, darzustellen, ist dann schon wieder eine höhere Eskalationsstufe. Vielleicht ist es ja gar nicht Franziska Schutzbach, die mit ihren Thesen die Meinungsfreiheit einschränken möchte. Vielleicht sind es ja auch rechtsgerichtete Medien, die Menschen zunehmend für ihre privaten kritischen Haltungen verurteilen.

Warum fahren alle anderen Medien auf die BAZ-Geschichte ab?

Der Fall von Franziska Schutzbach zeigt, wie Schweizer Medienlogik 2017 funktioniert. Er enthält praktisch alle Schlagworte, die ein von den Medien aufgebauschter Skandal braucht: Akademikerin, links, Feminismus, SVP, Meinungsfreiheit und bestenfalls auch noch ein Foto von einer Frau, die empört in die Kamera blickt. Wie in einem Setzkasten, kannst du diese aneinanderreihen und mit Füllwörtern zu einem Satz formen – hohe Klickzahlen und Shares (fast 2.500 allein auf dem ersten Artikel von der Basler Zeitung)sind garantiert.

Und weil es sich kein Medium leisten kann, diese billigen Klicks rechts liegen zu lassen, springen sie alle mit auf den Zug auf. So sind sie mitschuld daran, dass die Gräben in unserer Gesellschaft immer tiefer werden – und nicht irgendwelche privaten Blogeinträge von vor eineinhalb Jahren, die angeblich im Widerspruch zu unserem demokratischen Miteinander stehen.

Wird Träumen bald verboten?

Franziska Schutzbachs Blogartikel fängt mit den Worten "Jetzt mal als utopisches Gedankenspiel" an. Sie spricht von Ideen und Gedankenspielen – sogar von explizit utopischen Gedanken. Googelt man dieses schöne Wort "Utopie", spuckt die Suchmaschine als erstes die Definition "eine Idee, die so wirklichkeitsfern oder fantastisch ist, dass man sie nicht verwirklichen kann" raus. Wenn eine Träumerei eine Gesellschaft so aufwühlen kann, müssen wir uns vielleicht sorgen machen, ob Träumen nicht bald verboten wird.

Warum giesst Franziska Schutzbach auch noch Benzin in das Feuer der Rechten und gibt jedem Medium ein Interview zu ihrem Blogeintrag?

Vielleicht hat das Feuer schon so dermassen gebrannt, dass Schutzbach sich gezwungen sah, ihre Utopie noch nicht umzusetzen und ihre eigene Version der Geschichte zu erzählen. In einem neuen Beitrag erklärt sie nun, dass die Basler Zeitung herzlich wenig Interesse hatte, dass sie sich mit ausreichendem Gehör zu einem eineinhalb Jahre alten Blogbeitrag aus ihrer heutigen Sicht erklären konnte. Gegenüber VICE erklärte der Autor des BaZ-Artikels Serkan Abrecht später per Mail, dass der Rückruf des Zitates in der Print-Zeitung erst nach Redaktionsschluss eintraf und die Stellungnahme von Schutzbach heute deswegen im Ganzen abgedruckt wurde. Wie es auch sei, wir hoffen einfach nur, dass wir in Zukunft von weiteren konstruierten Diskursen von Rechts verschont werden. Momentan spricht aber vieles dagegen.

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