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Gefängnis

Porträt eines stolzen Mörders: Der erschütterndste Tag meiner Haft

Ich dachte, ich hätte im Gefängnis schon alles gesehen. Dann machte ein junger Mitinsasse etwas, von dem mir bis heute schlecht wird.

von Aaron Ernst; illustriert von Nicole Xu
27 August 2018, 10:18am

Illustration: Nicole Xu

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit dem Marshall Project entstanden.

Es schien, als würde auch dieses Telefonat mit meiner Freundin Taemi darin enden, dass ich mich scheisse fühlte. Obwohl es meistens so lief, rief ich immer wieder bei ihr an. Jeden Abend stand ich mit den anderen Häftlingen Schlange, um die Hälfte meiner 45-minütigen Freizeit mit ihr am Telefon zu verbringen und mir sagen zu lassen, was ich alles falsch gemacht hatte.

So ging es nicht nur mir, sondern vielen meiner Mithäftlinge: Auch wenn am anderen Ende der Leitung Menschen waren, die kaum nette Worte für uns fanden, riefen wir weiter zu Hause an. Viele von uns stecken in ungesunden Beziehungen, die von Missbrauch geprägt waren, und kannten es gar nicht anders. Einige von uns empfanden es sicher auch so, dass sie das verdient hatten; sie sahen die Beleidigungen am Telefon als eine Form von Strafe. Andere übten selbst den Missbrauch aus.

Auch an diesem Abend im Juli schien alles wie sonst zu sein. Im Gefängnis von St. Cloud in Minnesota war es wie immer viel zu heiss. Selbst in unseren offenen Zellen war es so erdrückend, dass wir uns bis auf die weissen Gefängnisunterhosen auszogen und versuchten, an etwas Kühles zu denken. Zum Glück war meine Zelle im Erdgeschoss, aber das half nicht viel.


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Ich hatte gerade angefangen, mit Taemi zu reden, als ein Häftling an der Schlange vorbeilief, der ein Blatt Papier an seine Brust geheftet hatte. Ich sah ihn nur kurz aus den Augenwinkeln und konnte nicht erkennen, was auf dem Zettel stand. Ich machte mir nichts draus, immerhin musste man sich ganz schön konzentrieren, wenn man im B-Block telefonieren wollte. Der Mann am Apparat nebendran bettelte vielleicht gerade darum, dass ihm jemand Guthaben für eine Packung Ramen-Nudeln und Kaffee überweisen solle. Meist weinte irgendwo ein Häftling und versprach zwischen Schluchzern Besserung. Man hörte auch immer mindestens einen gemeinen Bastard, der gerade am Telefon eine Frau fertigmachte und ihr alle erdenklichen Schimpfwörter an den Kopf warf.

Aber die grösste Ablenkung kam immer von denen, die noch Schlange standen. Denen war es völlig egal, ob wir unsere Angehörigen und Freunde hören konnten. Sie schrien einander an, rissen derbe Witze und stritten sich über banalen Kleinkram, wie etwa welcher Promi reicher ist (im Gefängnis hat jeder zu allem eine Meinung, aber von nichts Ahnung).

Ich bemerkte, dass einige der Wartenden auf den Typen deuteten, der das Blatt Papier an der Brust hatte, und sich darüber austauschten. Weil Taemi aber gerade wieder fliessig schimpfte, konzentrierte ich mich darauf, was sie sagte.

Ein paar Minuten später kam der Typ noch mal vorbei. Diesmal hatte er mir den Rücken zugekehrt und schaute zu den Wartenden, also konnte ich immer noch nicht sehen, was er da mit sich herumtrug. Während ich mit Taemi sprach, versuchte ich zu kapieren, was los war.

Der B-Block war im Grunde die "Bildungsabteilung" des Gefängnisses. Ein Grossteil der Insassen dort war dabei, den Highschool-Abschluss nachzuholen. Dazu gehörten Insassen mit Lernschwierigkeiten und junge Männer, die eigentlich noch Jungs waren, häufig mit Verhaltensstörungen. Es gab deshalb eine interessante Dynamik unter den Häftlingen – teilweise fühlte es sich mehr an wie eine Jugendherberge als ein Gefängnis, inklusive reichlich Übermut und Prahlerei.

Der Mann mit dem Blatt Papier war ein gutes Beispiel für die Insassen des Blocks. Er gab ständig mit seiner Gang-Zugehörigkeit an und feierte sein kriminelles Verhalten, den "Ehrenkodex" unter Häftlingen und die Strassen-Mentalität. Jeder zweite Satz handelte von einer Prügelei, einem Raubüberfall oder einer guten Methode zum Dealen. Ich wünsche das niemandem, aber er war einer von denen, bei denen man wusste: Wenn der aus dem Knast kommt, bleibt er nicht lange draussen.

Er kam noch einmal an den Telefonen vorbei, diesmal warf er triumphierend seine Hände hoch wie Muhammad Ali im Kampf gegen Joe Frazier. Dann hopste er herum wie eine Art Gangster-Cheerleader. Manche von den Häftlingen kicherten oder lachten lauthals, anderen sprangen auf und ab, mit aufgerissenen Augen, die sagten: "Das hat er jetzt nicht wirklich gemacht!" Vereinzelt schauten ein paar Typen angewidert. Andere, ganz am Ende der Schlange, sahen unfassbar wütend aus und zeigten mit ihren Händen Gang-Zeichen.

Ich hatte in meiner Zeit im Gefängnis schon viel Schlimmes gesehen – tätliche Angriffe, sexuellen Missbrauch, Erpressung und Drogenkonsum. Aber etwas an dieser Sache erschütterte mich besonders.

Jetzt wollte ich doch wissen, was der Typ da tat, das alle so aufstachelte. Als er das nächste Mal an mir vorbeikam, sah ich endlich, was auf dem Papier war. Vorne an seinem Hemd hing ein ganzseitiges Farbfoto von einem jungen Mann, der tot auf der Strasse lag. Man hatte ihm ins Gesicht und in die Brust geschossen.

Das war keine theatralische Hollywood-Inszenierung, sondern echtes Blutvergiessen. Das Opfer lag in der Gosse, den Rücken leicht aufgestützt, neben einem geparkten Auto. Um seinen Kopf war eine Blutlache, ein Bein lag umgeknickt wie bei einem Hürdenläufer im Sprung. Seine Augen waren offen, er schien etwas anzustarren, das die Kamera nicht sehen konnte. Er sah aus wie ein Highschool-Schüler, höchstens vielleicht 19 Jahre alt.

Es war das Foto, das die Staatsanwaltschaft im Mordprozess dieses Typen als Beweis vorgelegt hatte. Der junge Mann auf dem Foto war sein Opfer. Und hier stolzierte er nun herum und gab damit an, das Foto an seiner Brust wie eine Ehrenmedaille.

Die Szene in der Telefonschlange war surreal. Manche der Häftlinge jubelten ihm tatsächlich zu, sogar ältere Männer ermutigten ihn. Jüngere Typen, die total im Sog des Strassenlebens gefangen waren, starrten ihm ehrfürchtig hinterher. Man konnte ihnen ansehen, dass er für sie ein Vorbild war.

Mir wurde ganz schlecht. Ich erkannte, dass es nicht nur die erdrückende Scham gab, die ich und so viele andere angesichts unserer Verbrechen empfanden. Nein, manche hier waren unheimlich stolz auf ihre Taten.

Ich hatte in meiner Zeit im Gefängnis schon viel Schlimmes gesehen – tätliche Angriffe, sexuellen Missbrauch, Erpressung und Drogenkonsum. Aber etwas an dieser Sache erschütterte mich besonders. Es war die Art Moment, die nicht ganz zu dir durchdringt, weil du es nicht fassen kannst. Vielleicht drehte sich mir der Magen um, weil es so hoffnungslos war. Dieser extreme Stolz auf etwas so Brutales – wie soll da noch jemand ein Umdenken erreichen?

Mein Herz brach nicht nur für das Opfer, sondern auch für diesen jungen Mann, der so in der Dunkelheit gefangen war, dass er vielleicht nie mehr das Licht sehen würde. Ich fühlte den Schmerz der Mutter, die in der Nacht, in der die Polizei dieses Foto schoss, ihren Sohn verlor. Aber ich spürte auch das Leid der Mutter, die ihren Sohn für die nächsten 28 Jahre an die Strafjustiz und diese Kultur der Gewalt verloren hatte.

Ich war sprachlos, der Hörer rutschte mir langsam aus der Hand. Taemis Stimme holte mich wieder zurück ins Hier und Jetzt. Ich unterbrach sie mitten in einem Satz und stiess hervor, was sich gerade vor meinen Augen abspielte. Auch sie war zunächst sprachlos. Wir schwiegen beide eine Weile, die Köpfe voll schwerer Gedanken.

Ich glaube, uns beiden ging da so richtig auf, wo ich mich eigentlich befand. Ich entschuldigte mich dafür, dass ich sie unterbrochen hatte, und fragte, was sie zuletzt gesagt habe. "Nichts", sagte sie mit sanfter Stimme. "Ich liebe dich, Babe."

Aaron Ernst, 42, ist aktuell in der Minnesota Correctional Facility in Faribault, Minnesota, inhaftiert. Dort sitzt er eine sechs- bis zehnjährige Haftstrafe für ein Drogendelikt ab.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE US.