10 Fragen

10 Fragen an eine Bulimikerin, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Wer ist Schuld an deiner Bulimie? Wie viel Geld haben dich die Fressanfälle gekostet? Warum hast du dir nicht früher Hilfe gesucht?

von Nora Pauelsen
18 November 2019, 9:06am

Foto: Privat von Sina Hildmann

Sina Hildmanns grösstes Ziel war es, dünn zu sein. Anderen zu gefallen. Wenn ihre Eltern wieder einmal darüber redeten, wie schön die Nachbarstochter seit ihrer Diät aussehe, habe sie sich auch diese Bestätigung gewünscht, sagt Sina. Mit 15, während einer von vielen Diäten, überkam sie erst Heisshunger und dann ein Fressanfall. Es war der Beginn ihres drei Jahre dauernden Kampfes mit Bulimie.

Bulimie ist eine Krankheit, die bei Betroffenen regelmässig zu unkontrollierbaren Essanfällen führt. Aus Angst vor einer Gewichtszunahme treiben Menschen mit Bulimie übermässig Sport, hungern oder fasten. Viele erbrechen und nutzen Appetitzügler. Im Alter von 12 bis 35 sind 0,5 bis 1,2 Prozent der Frauen in Deutschland betroffen. Männer leiden seltener an Bulimie.

Während der drei Jahre, in denen Sina ihre Bulimie versteckte, hatte sie pro Tag fünf bis acht Fressanfälle – danach übergab sie sich. Doch auf die schnelle Lustbefriedigung sei immer sofort das Erwachen gefolgt, sagt sie. Scham. Reue. "Wieso habe ich es wieder nicht geschafft?", habe sie sich dann gefragt – und wieder von vorne begonnen.

Die schlimmste Bulimie-Phase ist jetzt neun Jahre her. Danach folgten in ihrer Heilungsphase noch einige Rückfälle, in denen Sina zwischenzeitlich eine Orthorexie entwickelte, den Zwang so gesund wie möglich zu essen. Inzwischen ist Sina 27 und sagt, dass sie ein gesundes Essverhalten habe. Mit ihrem Mann und ihrer einjährigen Tochter lebt sie in der Nähe von Karlsruhe und bloggt als @mutimbauch auf Instagram über Body Positivity und ihr Leben als Mutter.

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VICE: Wer ist Schuld an deiner Bulimie?
Sina Hildmann: Mehrere Faktoren. Ich bin ein sehr sensibler Mensch. Das war ich immer schon. Der Leistungsdruck in der Schule hat mich kaputt gemacht. Zu Hause lief auch einiges schief. Bei den Frauen in meiner Umgebung war immer das Gewicht ein Thema. Wenn man über andere gesprochen hat, wurde gesagt: "Hast du gesehen, wie toll die abgenommen hat?" Oder: "Früher war sie so pummelig und jetzt ist sie so schön schlank." Der Tenor war immer: Schlank sein ist schön. Abnehmen ist etwas Gutes. Das hat mich zerstört.

Wie viel Geld haben dich die Fressanfälle gekostet?
Ich habe jeden Tag einen Grosseinkauf gemacht, bei dem ich 50 Euro für Essen ausgegeben habe. Mein Weg ging direkt in die Süssigkeitenabteilung. In meiner Hochphase habe ich dann das Billigste vom Billigen gekauft. Am Ende habe ich auch Lebensmittel mitgehen lassen, weil ich mir dieses Pensum nicht mehr leisten konnte. Mein komplettes Gehalt als Kellnerin ist dafür draufgegangen. Ich habe alles gegessen, was ich finden konnte. Von meinen WG-Mitbewohnern geklaut. Die Vorräte meiner Eltern heimlich gegessen.

Wie fühlt man sich nach einem Ess-Brech-Anfall?
Beschissen. Nach der Schule hatte ich fünf bis acht Fressanfälle nacheinander und danach körperliche Schmerzen. Ich war müde, hatte das Gefühl, dass mein Kopf explodiert. Ich konnte mich einfach nur noch hinlegen und schlafen. Während der Zeit der Essstörung hatte ich auch eine Depression. Ich dachte, ich fahre mein Leben komplett gegen die Wand, und wollte nicht mehr aus dem Bett aufstehen.

Wie hast du die Bulimie vor anderen Leuten versteckt?
Ich hatte zu Hause ein eigenes Stockwerk. Da haben meine Eltern nichts mitbekommen. Wenn ich in einer Beziehung war, habe ich die beendet, sobald mir jemand zu nah kam. Ich war mit jemandem zusammen und als er dann auch mal unangekündigt vorbeikommen wollte, war das natürlich der absolute Horror. Da habe ich gesagt: Das geht nicht. Das halte ich nicht aus. Ich beende die Beziehung.

Auch meine Freunde haben nichts gemerkt. Ich habe mich meistens nur zu Hause übergeben, nicht auswärts. Wenn wir nach einer Party etwas gegessen haben, bin ich nach Hause gefahren. Ich habe es nicht ausgehalten, mich nicht zu übergeben. Wenn ich doch vor Freunden etwas gegessen habe, ist es auch in einem Fressanfall ausgeartet. Allerdings nicht so animalisch wie zu Hause, wenn ich alleine war. Es war noch gesellschaftsfähig. Die Leute haben sich nur gewundert, dass ich so viel essen kann, obwohl ich so dünn bin.

Meine Bulimie war schambesetzt für mich. Ich dachte, dass ich nie in meinem ganzen Leben je einer Person davon erzählen werde. Meine grösste Angst war es, dass es jemand herausfindet. Die erste Person, der ich davon erzählt habe, war mein Mann. Das erste Mal war mir jemand wichtiger als meine Essstörung. Ich war noch nie so verliebt in jemanden und hatte Angst, ihn zu verlieren. Seine Reaktion war sehr positiv. Er war betroffen und es tat ihm Leid, was ich durchmachen musste. Sein grösstes Ziel war es, mir zu helfen. Er hat Fachliteratur über Bulimie gelesen. Ich bin zusammen mit ihm zur Psychotherapeutin gefahren. Er stand mir auch bei, als ich es meinen Eltern erzählt habe. Als mehr Leute in meinem Umfeld davon erfahren haben, waren die Rückmeldungen super positiv. Ich breche ein Tabu, indem ich offen darüber rede, und das wird wertgeschätzt.

Warum hast du dir nicht früher Hilfe gesucht?
Ich habe mir eingeredet, dass ich jederzeit aufhören könnte. Dass jeder sein Laster hat und die Bulimie halt mein Laster ist. Ich habe mich gegenüber anderen Menschen überlegen gefühlt, weil ich dachte: Obwohl ich so viel esse, bleibe ich dünn, aber nur ich kenne das Geheimnis dahinter. Es ist wie bei einem Kettenraucher oder Alkoholiker: Man kennt die Folgen, aber verdrängt sie. Ich wollte die Sucht nicht aufgeben.

Wolltest du Aufmerksamkeit?
Nein, ich wollte genau das Gegenteil. Ich wollte ja gar nicht, dass jemand meine Bulimie entdeckt. Ich wollte Aufmerksamkeit, was meinen Körper betrifft. Dass Leute mich schön finden.


Sind wegen der schlechten Ernährung deine Zähne ausgefallen?
Nein. Aber meine Zähne haben sehr gelitten. Die Magensäure, die beim Übergeben hochkommt, greift die Zähne massiv an. Ich bin jahrelang vor Angst nicht zum Zahnarzt gegangen. Als ich mich dann getraut habe, mussten Zahnstein und Karies entfernt werden. Aber ich hatte noch Glück. Ich kenne andere Bulimiker, denen die Zähne ausgefallen sind.

Hast du dich vor dir selbst geekelt?
Ja, wahnsinnig. Wenn ich im Supermarkt war, habe ich es nicht ausgehalten zu warten und habe schon im Auto angefangen, die Einkäufe zu verschlingen. Überall Verpackungsmüll. Ich hatte nicht die Kraft, nach den Fressanfällen das Klo zu putzen. Das war voll mit Kotze.


Wie hat sich die Bulimie auf deinen Körper ausgewirkt?
Ich hatte meine Tage sechs Jahre lang überhaupt nicht. Von 17 bis 23. Nach der Genesung bekam ich die Periode wieder. Am Anfang noch sehr unregelmässig. Es hat sich nach einer Zeit alles eingependelt. Aber eine Essstörung kann auch unfruchtbar machen. Ich hatte Glück.

Wie gross ist deine Angst, rückfällig zu werden?
Bei Null. Ich weiss, dass ich nicht mehr rückfällig werden kann. Ich habe einige Therapien angefangen, aber keine zu Ende gebracht. Gesund werden konnte ich erst, nachdem ich einen Tapetenwechsel hatte. Ich bin für vier Monate nach Österreich für ein Praktikum gezogen. Das war ein Neustart für mich. Ich habe mir fest vorgenommen, die Krankheit in den Griff zu bekommen. Betroffenen kann ich raten, sich Hilfe zu suchen. Der Genesungsweg ist bei jedem unterschiedlich. Manchen hilft ein Klinikaufenthalt. Wichtig ist es, offen mit der Bulimie umzugehen. Damit nimmt man ihr die Macht. Es gibt körperliche und psychische Krankheiten. Man muss sich für keine der beiden schämen. Auch nicht für eine Essstörung oder Depression.

Erkennst du Anzeichen einer Essstörung bei dir oder einem nahestehenden Menschen? In Deutschland bekommst du Hilfe unter der Nummer 0221 89 20 31 und bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. In der Schweiz informiert die Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen und bietet Hilfe an. In Österreich findest du Expertinnen und Experten über dieses Suchtportal.

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