Optimismus

Wie die Vergangenheit uns helfen kann, die Klimakrise zu bewältigen

Die ganzen Berichte über den drohenden Untergang der Menschheit ignorieren, wie lange wir schon überlebt haben – und unsere Chance auf eine bessere Zukunft.

von Shayla Love
18 Juni 2019, 7:59am

Foto: Benjamin Lee | EyeEm | Getty

Unsere Zivilisation könnte 2050 zusammenbrechen, der "Point of no Return" ist bereits überschritten, das arktische Eis schmilzt unaufhaltsam. Kurz: Wir sind im Arsch. An diesen apokalyptischen Szenarien mag etwas dran sein, aber sie motivieren uns oft nur dazu, resigniert ins Freibad zu gehen und lecker Eis zu essen. Was sollen wir denn noch machen? Eh schon alles zu spät!

Klimapsychologe Per Espen Stoknes vom Centre for Green Growth der Norwegian Business School nennt diesen Effekt "Doom Barrier", die Untergangshürde. "Viele Studien zeigen, dass Menschen sich bei solchen Untergangsszenarien ausklinken, weil sie Angst und Schuldgefühle auslösen", sagte Stoknes der Deutschen Welle.

Zahlreiche Forschende und andere, die sich eingehend mit dem Klima befassen, sprechen sich gegen Schwarzmalerei und Fatalismus aus. "Letzten Endes ist Pessimismus nicht akzeptabel", sagte Naomi Oreskes, Wissenschaftshistorikerin an der Harvard University, 2016 in einem Interview. "Der Pessimismus wird zur Entschuldigung dafür, einfach gar nichts zu tun."

Dramatische Worst-Case-Szenarien erregen zwar viel Aufmerksamkeit, gleichzeitig schränken sie aber unsere Kreativität ein und verstärken Furcht und Stress. Interessanterweise sind es gerade Forschende, die sich intensiv mit der Erd- und Menschheitsgeschichte befassen, die pragmatisch-optimistisch auf die Klimaprobleme der Zukunft blicken.

Auch Paläoökologin Jacquelyn Gill von der University of Maine gehört zu den selbsternannten Klima-Optimistinnen. Sie und andere Paläowissenschaftler und Archäologinnen durchsuchen die Vergangenheit nach Hinweisen, die uns bei der Bewältigung der Zukunft helfen können. "Anhand von Fossilienfunden zeigt uns die Erde, wie wir die Sache durchstehen", schreibt Gill in einem Twitter-Post. "Das motiviert mich dazu, die Ärmel hochzukrempeln."


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Optimismus bedeutet in diesem Fall aber keineswegs, einfach zu behaupten, dass alles schon irgendwie gut wird. Auch wenn wir als Spezies wahrscheinlich überleben werden, wird es Verluste geben. "Einige Korallenriffe werden für unsere Enkelkinder wahrscheinlich nicht mehr da sein", sagt Gill.

Die Paläoökologin stellt den Klimawandel nicht infrage – auch nicht, dass er vom Menschen verursacht ist. Die Lage sei definitiv ernst. Trotzdem sieht Gill einen Lichtblick: "Wir können auf einen grossen Informationsschatz zurückgreifen, auf unseren unfassbaren Einfallsreichtum – und auf dieser Grundlage können wir für die Zukunft planen", sagt sie. "Die Werkzeuge und die Kapazitäten haben wir schon. Wir brauchen nur noch den Willen."

Mit dem "Willen" meint sie aufmerksame Städteplanerinnen und Gesetzgeber, die diese Probleme in Betracht ziehen und Lösungen umsetzen. Aber immerhin haben sie und zukünftige Generationen das Glück, dass Forschende ihnen zeigen, was sie wissen müssen:

Vergangene Klimakrisen hatten auch positive Auswirkungen

In den vergangenen Jahrtausenden mussten sich Menschen, Tiere und Pflanzen immer wieder mit Klimaveränderungen arrangieren. Dürren, Überschwemmungen, Massensterben und der Untergang ganzer Zivilisationen: Diese Ereignisse geben uns ein besseres Verständnis davon, was auf uns zukommt. In manchen Fällen können sie uns vielleicht sogar zeigen, was wir tun müssen.

Gill hat Fossilienfunde analysiert und festgestellt, dass sich manche Arten besser an Klimaveränderungen anpassen als andere. Sie siedeln um oder finden neue Wege, um in der veränderten Umwelt zu überleben. Gerade wir Menschen teilen viele Eigenschaften mit den Überlebenden früherer Massensterben. Wir sind mobil und anpassungsfähig, wir können unsere Umwelt nach unseren Bedürfnissen gestalten. Und wir können aus der Geschichte lernen.

Ein Beispiel: Im 10. Jahrhundert kämpften die Maya mit Dürren, Waldzerstörung und ausgefallenen Ernten. Aufgegebene Siedlungen und Städte seien oft als Zusammenbruch ganzer Gesellschaften interpretiert worden, sagt Tim Kohler, Archäologe und Evolutionsanthropologe an der Washington State University. Wie wir heute wissen, sind die Maya nicht einfach alle gestorben, sondern haben sich neu organisiert und überlebt. Heute leben über sechs Millionen Maya in Mittelamerika.

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Pueblo Bonito im Chaco Canyon im US-Staat New Mexico. Forschende untersuchen anhand von Baumringen, wie das Klima war, als diese und ähnliche Siedlungen verlassen wurden | Foto mit freundlicher Genehmigung von Nathan Crabtree

In vielen Fällen bedeutete der vermeintliche Zusammenbruch einer Zivilisation vor allem, dass politische und religiöse Eliten gestürzt wurden. "Aber alles in allem leben viele Menschen weiter", so Archäologe Kohler. Umweltveränderungen können also eine Gelegenheit für kulturelle Innovationen sein – oder mit alten Ungerechtigkeiten abzurechnen.

Jede und jeder Einzelne von uns stammt von Menschen ab, die vergangene Klimakatastrophen überlebt haben. "So funktioniert die Evolution. Und das ist für sich genommen schon ein guter Grund für Optimismus", sagt Kohler.

Lehren aus der Vergangenheit, die wir sofort anwenden könnten

Wenn sich Forschende frühere Klimakatastrophen anschauen, sehen sie nicht nur, was dabei alles zerstört wurde, sondern auch was überlebt hat. Das kann dabei helfen, zukünftige Fehler zu vermeiden.

Kenneth Sassaman, Archäologe an der University of Florida, hat sich eingehend mit dem Inseldorf Cedar Key befasst, das 1896 von einem Hurrikan verwüstet wurde. Die Bewohner der kleinen Insel Atsena Otie im Nordwesten Floridas hatten zu viele Zedern gefällt und die Küste damit anfälliger für Sturmschäden gemacht. Ausserdem hatten sie die Austernbänke fast leergefischt, die einen natürlichen Schutz vor Sturmfluten geboten hatten.

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Die Eberhard Faber Mill auf Atsena Otie, acht Monate bevor ein Hurrikan sie 1896 zerstörte | Foto: Florida Memory Project

Um das Ganze etwas anschaulicher zu machen, hat Sassaman eine detaillierte Virtual-Reality-Simulation des Dorfs vor dem Hurrikane erschaffen. "So verstehen die Leute, dass dieser Ort ein Kartenhaus war, obwohl er damals als Paradebeispiel für eine gelungene Küstenbebauung galt", so der Archäologe.

Leider sieht es so aus, als hätten wir seitdem weitere Kartenhäuser gebaut: permanente Siedlungen in Küstengebieten, an denen der Meeresspiegel steigt. Aber dieses Mal verstehen die Wissenschaftler besser, was auf uns zukommt. Sie versuchen vorauszusagen, wohin die Menschen umsiedeln werden, was sie dort erwartet und was uns durch den Temperaturanstieg verlorengeht. Ein Blick weit zurück in die Erdgeschichte hilft ihnen dabei.

"Erst wenn wir die Vergangenheit kennen, können wir Aussagen über die Zukunft treffen", sagt Marinegeologe und Paläoklimatologe Peter de Menocal vom Lamont-Doherty Earth Observatory an der Columbia University in New York. Vor 55 Millionen Jahren gab es eine Warmzeit, das sogenannte Paläozän/Eozän-Temperaturmaximum, in der sich das Klima aufgrund eines extremen Kohlendioxidanstiegs für etwa 200.000 Jahre um mindestens sechs Grad erwärmte. Ein Massensterben war die Folge.

Das klingt nicht besonders ermutigend, aber anhand der Daten sehen wir, wie katastrophal die Auswirkungen waren. Nicht nur sehen wir, was durch die Erderwärmung auf uns zukommt, gleichzeitig motiviert es uns dazu, ein solches Szenario um jeden Preis zu vermeiden. Erkenntnisse über vergangene Epochen liefern gute Argumente für aktuelle politische Massnahmen.

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Illustration: Emily Bernstein

Wir müssen unser Wissen auch umsetzen

Auch früher haben Menschen die Natur nicht einfach walten lassen, sondern sind selbst aktiv geworden. Wenn die Ureinwohner Kaliforniens erwarteten, dass der Wasserspiegel über mehrere Jahrzehnte ansteigen würde, gruben sie die Überreste ihrer Vorfahren aus und beerdigten sie in höheren Lagen. "Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass diese Menschen längere Zeitspannen berücksichtigt haben als moderne Menschen", sagt Sassaman.

Für den Archäologen ist das die vielleicht wichtigste Erkenntnis. Wir brauchen eine Perspektive, die über unsere direkte Vergangenheit und Zukunft hinausreicht. "Geschäftsleute planen in Quartalen und Geschäftsjahren", sagt Sassaman. "Politiker denken in Wahlperioden. Aber wer zur Hölle denkt schon an die nächsten 100 Jahre?"

Bei den Irokesen gibt es das sogenannte Sieben-Generationen-Prinzip. Es sieht vor, dass man bei jeder grossen Entscheidung bedenkt, wie sie sich über sieben Generationen auf die Gesellschaft auswirken wird. Auch wenn es das einzige Konzept wäre, das wir aus der Vergangenheit übernehmen, würde das für Sassaman einen riesigen Unterschied machen: "Das würde komplett verändern, wie wir Dinge tun."

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE US.