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Kranker Scheiß aus der Notaufnahme

"Als ich das Skalpell ansetzte, spritzten Maden und Eiter durch den OP-Saal."

von Yannah Alfering
30 November 2018, 1:19pm

Bild: Mann: imago | imagebroker || Frau:  imago | allOver-MEV || Hintergrund: imago | Westend61 || Collage: VICE

Nach 14 Staffeln Greys Anatomy zuckt nicht nur automatisch der Arm, wenn im Flugzeug nach einem Arzt verlangt wird – man hat auch mehr kranken Scheiss gesehen als alle RTL-Liebhaber zusammen. Flugzeugabstürze, Amokläufe und gefühlt mehr verstorbene Ärzte als Patienten geben der Serie zugegebenerweise etwas Unrealistisches, aber fest steht: Die Notaufnahme ist ein Ort voller Überraschungen.

In Wirklichkeit besteht der Alltag von Menschen, die in der Notaufnahme arbeiten, grösstenteils aus lebenden Lappalien mit kleinen Platzwunden, Schnittverletzungen und eitrigen Abszessen – und aus Maden, Kacke und Sexunfällen. Ernsthaft, Leute, diese Menschen haben Jahre mit der Vorbereitung darauf verbracht, euch im Notfall rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr den Arsch zu retten. Wir haben mit Pflegekräften, Ärztinnen und Ärzten aus unterschiedlichen Krankenhäusern Deutschlands gesprochen und können eines vorwegnehmen: Wenn der Mann an der Anmeldung euch das nächste Mal wieder mit einer Mischung aus Verachtung und Wut anschaut, weil ihr wegen eures kleinen Zehs mitten in der Nacht vor ihm steht, geht einfach nach Hause und schämt euch – der arme Mann wurde vielleicht zehn Minuten vorher angekotzt.

Maden und Scheisse

Lukas: Wir bekamen eine OP rein, eine Frau mit einer saftigen Wunde im Bauchraum, die gereinigt werden musste. Als ich das Skalpell ansetzte, explodierte sie förmlich, und Eiter und Maden (!) spritzen durch den ganzen OP-Saal. Das war besonders problematisch, weil wir das gesamte OP-Besteck danach entsorgen konnten. Bei OPs können wir natürlich nur sterile Instrumente verwenden.

Karim: Ich hatte mal einen Patienten mit entzündeten, von Maden besetzten Beinen. Ich bin eigentlich nicht sehr geruchsempfindlich, aber ich musste den Behandlungsraum nach zwei Sekunden verlassen, weil das so gestunken hat. Ich hätte wirklich fast gekotzt. Ich hab mir dann ätherische Öle auf meinen Mundschutz getröpfelt und bin wieder rein. Das hat die Sache dann etwas erträglicher gemacht, aber der Gestank war wirklich unbeschreiblich. Was man als Arzt alles zu riechen bekommt, ist echt nicht feierlich.

Einmal wurde ich sogar angeschissen. Eine Frau kam mit Bauchschmerzen und einem stark aufgeblähten Bauch in die Notaufnahme. Die Darmschlingen waren so aufgebläht, dass ich auf dem Ultraschall und den Röntgenbildern nichts erkennen konnte. Die Frau konnte weder auf die Toilette gehen noch furzen. Bevor der Darm platzt, muss man operieren. Das wollte sie aber nicht. Also habe ich versucht, die Luft von hinten rauszulassen. Sie hat sich in Position gebracht und ich stand quasi genau hinter dem Kanonenrohr. Dann hab ich meinen Finger reingesteckt und direkt gemerkt, dass ein bisschen Luft rauskam. Damit mehr Luft kommt, wollte ich, dass sie leicht presst. Statt etwas Luft kam da der längste Furz mit so viel Scheisse raus, wie du dir nur vorstellen kannst. Mein ganzer Kittel war voll. Keiner meiner Kollegen konnte sich das erklären. Aber immerhin habe ich der Dame eine OP erspart.


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Dreiste Hypochonder

Karim: Natürlich bekommen wir auch ab und an Fälle rein, für die ich gerne nachts aufstehe, weil ich genau dafür studiert habe. Hirnblutungen, Brüche, ein Loch im Darm. Wenn du aber um drei Uhr nachts für jemanden aufstehen musst, der sich vor einer Woche den Fuss umgeknickt hat und meint, das Krankenhaus wäre nachts ruhiger und er müsse dann nicht so lange warten, dann ist das einfach nur asozial. Es kam mal ein Mädchen mit dem Krankenwagen zu uns, sie hatte eine "Schnittverletzung". Ich habe da aber keine Schnittverletzung gesehen. Ich musste wirklich verdammt nah dran gehen, um eine leichte Rötung zu erkennen. Oder ein Mann, der sich verlegen und deshalb Nackenschmerzen hatte. Wir sind eine Notaufnahme. Alle Probleme, die seit längerem bestehen, sind in der Regel erstmal ein Fall für den Hausarzt.

Nina: Ich hatte mal einen 21-Jährigen, der sich am Zeigefinger in die Kuppe geschnitten hatte. Der kam panisch in die Notaufnahme und meinte, er sei ein dringender Notfall. Das war ein wirklich kleiner Schnitt, der mit zwei Stichen genäht werden konnte. Beim Nähen fing er plötzlich fast an zu weinen und sagte, dass er nicht mit neun Fingern leben könne. Er habe einen Job, bei dem er mit zehn Fingern tippen müsste. Ich habe ihm dann erstmal erklärt, dass wir den Schnitt nähen und nicht amputieren.

Misslungene Fetisch-Spiele

Marie: Um die Weihnachtszeit kam mal ein relativ überraschender Notfall rein – ein Mann, der sich einen Tannenzweig in die Harnröhre eingeführt hatte. Und ihn nun nicht mehr herausbekam, weil die Nadeln beim Zurückziehen wie Widerhaken wirkten. Er hatte eine leicht offene Hose an und hielt ein Handtuch über seinen Schoss, weil er die Zacke auch nicht abschneiden wollte – aus Angst, man bekomme sie dann gar nicht mehr raus.

Karim: Ich hatte mal einen Familienvater, der behauptet hat, im dunklen Bad ausgerutscht und mit dem Hintern auf einen Glasball gefallen zu sein. Die Leute führen sich alles Mögliche ein: Fäuste, Mega-Dildos, Besenstiele mit Holzsplittern …

Karla: Weihnachten bekamen wir einen Patienten rein, der sich ein paar Wochen vorher seinen Hoden im Reissverschluss eingeklemmt hatte. Das Ei hatte sich entzündet, war riesig dick und knalleheiss. Der Arzt hat da dann mehrere grossen Spritzen voller Eiter rausgezogen.

Betrunkene

Karim: Besonders am Wochenende kommen viele betrunkene Patienten rein. Entweder wegen Alkoholvergiftungen oder weil sie sich besoffen geprügelt haben oder gestürzt sind. Das ist meistens super anstrengend. Die bewegen ständig ihren Kopf während der Untersuchung oder schlagen wild um sich. Uns Ärzten ergeht es da oft wie Taxifahrern: Wir werden unnötig vollgelabert. Die wenigsten Leute bleiben angenehm, wenn sie so voll sind. Ein Patient kam mit einem blutenden, bereits verbundenen Finger rein. Weil ihm alles zu lange dauerte, machte er sich den Verband ab und spritzte mit seinem Blut absichtlich in jede Ecke.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.