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Wie mir die Ehe mit einem eifersüchtigen Türken meine Eifersucht genommen hat

Wenn ich heute nach Liebesdingen befragt werde, sage ich immer: Eine richtige Beziehung hatte ich eigentlich noch nie. Dass ich aber schon verheiratet war, lasse ich dabei gerne mal aus.

von Samantha Tobisch
02 August 2016, 4:00am

Symbolbild: Roy Blumenthal | Flickr | CC 2.0

Wenn ich heute nach Liebesdingen befragt werde, sage ich immer: Eine richtige Beziehung hatte ich eigentlich noch nie. Dass ich aber schon verheiratet war, lasse ich dabei gerne mal aus. Viele würden es wahrscheinlich nicht einsehen, dass ich diese Ehe nicht als eine Beziehung sehen kann. Ich war für ein Dreivierteljahr mit einem Türken verheiratet. Nein, Geld habe ich dafür keines bekommen. Das hat mich schon mein Vater an meinem Hochzeitstag gefragt. Ich habe es gemacht, weil es mal bequem war, nicht alleine zu sein. Und weil ich allen beweisen wollte, dass ich es auch kann: Wie jeder normale Mensch lieben und geliebt werden.

Mein Beziehungsmuster läuft bis heute immer gleich ab. Ganz oft bleib ich eine Zeitlang mit einem Mann im Bunde, ohne fest an ihn gebunden zu sein. Schon immer. Obwohl es ein Miteinander war, blieb es dann meistens eher eine einseitige Angelegenheit. Ich habe gerne solche Dinge laufen lassen, bis es mir wehtat, weil sich gar nichts mehr tat.

Als ich dann diesen einen Sommer auf der Wiener Copa Kagrana in der Küche gearbeitet habe, war ich gerade so ein frisch verletztes Opfer. Dort habe ich auch meinen Ex-Mann kennengelernt; er war mein Arbeitskollege. Bei so einem Saisonjob verabschiedet man sich etwas von seinem regulären Leben. Man arbeitet mindestens sechs Tage die Woche, an die 13 Stunden pro Tag. Danach besäufst du dich üblicherweise etwas mit der Belegschaft.

Irgendwann hatte ich dann mit meinem Jetzt-Ex-Mann was laufen. Und weil ich wieder wissen wollte, wie es sich anfühlt, eine "Freundin" zu sein, wurde ich seine. Obwohl ich eigentlich gar nicht auf ihn gestanden bin, ging ich mit ihm eine Beziehung ein. Weil er da war, weil er mich wollte. Und weil ich dachte, das Gewollt-werden zu benötigen.

Ich habe mich damals auch ein bisschen auf mein Umfeld berufen. Auf meine Freundinnen und ihre glücklichen oder unglücklichen Liaisons, und wie sie trotzdem in ihnen verharrten. Nur um nicht alleine sein zu müssen. Vielleicht gehört das ja so, habe ich mir eingeredet. Vielleicht ist meine romantische Idee von der Liebe einfach Schwachsinn.

Er war ein türkischer Student in Wien, er wollte arbeiten gehen, wir waren zusammen, also war das für uns beide ein logischer Schritt.

Somit habe ich mich darin bestärkt gefühlt, dort zu bleiben, wo ich war. In der Beziehung in der ich eigentlich nicht sein wollte. Es hat sich nach einiger Zeit auch normal angefühlt. Auch wenn ich es jetzt nicht mehr nachvollziehen kann, aber vielleicht war ich sogar wirklich etwas glücklich, oder zumindest zufrieden. Stockholm-Syndrom ist oft etwas, das wir uns selbst antun.

Wir freunden uns lieber mit den Ungereimtheiten an, als hellhörig zu werden. Viele sind einfach zu faul, oder geben schnell die Hoffnung auf. Das Problem ist, dass wir glauben, es wäre normal, schnell wieder Anschluss zu finden und mit ihnen das Ding "Beziehung" zu zelebrieren. So wie es die meisten im Fernsehen und in Filmen eben machen. So wie es die Medien einem vorführen. Aber es ist nicht normal. Sein Gegenstück zu finden, ist eigentlich etwas Besonderes. Und verdammt selten.

Nach nur drei Monaten Beziehung haben mein Ex-Mann und ich beschlossen, zu heiraten. Er war ein türkischer Student in Wien, er wollte arbeiten gehen, wir waren zusammen, also war das für uns beide ein logischer Schritt. Wir sind auch gleich zusammengezogen. Schon in der Verlobungszeit kamen die ersten groben Streitereien. Er war extrem eifersüchtig.

Ist Sexting schon ein Grund für Eifersucht? Wir haben nachgefragt.

Wenn er sah, wie ich mit einem anderen Mann redete, explodierte er vor Wut. Er hat mich auch angeschrien, aber handgreiflich wurde er nie. Er konnte auch meine Scherze und Albernheiten nicht verstehen: Als ich mich mal still und leise angepirscht habe, um ihn zu erschrecken, bekam ich eine cholerische Reaktion darauf. Natürlich hat mir das Angst gemacht. Jeder Freundin hätte ich damals geraten, die Fliege zu machen. Aber ich gab Freundinnen damals nicht einmal die Chance, mir diesen Ratschlag zu erteilen, ich habe diese Unannehmlichkeiten für mich behalten. Sogar meiner Mutter habe ich das alles verschwiegen.

Mir war es einfach peinlich. Ich—die selbstbewusste und starke Person—tut sich diesen Mann freiwillig an. Mein Stolz bestand weiterhin darauf, diese Sache durchzuziehen. Mit dem Bekanntwerden unserer Verlobung kamen natürlich auch die Vorurteile und blöden Kommentare. Nie im Leben wollte ich so einer Gruppe von Menschen auch nur annähernd das Gefühl geben, sie könnte Recht haben.

Denn sein Verhalten hatte mit seiner Herkunft wenig zu tun. Er nahm regelmäßig Xanax und litt unter Depressionen. Extreme Eifersucht ist keine herkunftsbedingte Eigenschaft, die unter einer bestimmten Mentalität geboren wird. Es ist unter anderem ein Symptom von Depressionen. Es kann auch der Umstand gewesen sein, dass er kaum ein soziales Umfeld außer meiner Wenigkeit hatte. Seine Jobsuche war auch erfolglos—trotz Eheschließung blieb nämlich die Arbeitsgenehmigung aus.

Es gibt an einem Menschen wenig, das so unattraktiv ist wie irrationale Wut.

Somit wurden die Eifersuchtsattacken häufiger und immer unlogischer. Wenn ein Gast im Restaurant mich nach der Toilette fragte oder Lob aussprechen wollte, hat mein Ex-Mann gleich rotgesehen. Er machte auch nicht mehr in der Öffentlichkeit halt davor, diese Seite von sich auszuleben.

Es gab eine Zeit, damals war ich noch sehr jung, in der auch ich extrem eifersüchtig war. Ich habe meinem Ex-Freund ganz scheußliche Szenen geliefert. Ich habe sein Handy kontrolliert und bis zu hundertmal am Tag angerufen.

Seit meiner Ehe ist Eifersucht für mich aber eine Sache, die ich nur mehr belächeln kann. Bis zu einem gewissen Grad hat diese Form von Verlustangst ja etwas Entzückendes. Sie ist schmeichelhaft. Aber mir täglich vorwerfen zu lassen, ich hätte eine Affäre, schmeichelt einem eher weniger. Es gibt an einem Menschen wenig, das so unattraktiv ist wie irrationale Wut. Eifersucht hat von da an das Regal meiner charakterlichen Eigenschaften für immer verlassen. Denn sie bringt nichts. Sie zeigt dir selbst auf, wie wertvoll dir dein Gegenstück ist—allerdings wird sie immer falsch kommuniziert und die andere Person versteht sie fast immer als Vorwurf.

Broadly: Ein Leben mit tödlicher Eifersucht.

Nach einem halben Jahr Ehe unter der Wolke der krankhaften Eifersucht habe ich schließlich mein Zeug gepackt und bin zu einer Freundin gezogen. Geplant war für eine Woche. Nach einem Monat habe ich mein restliches Zeug abholen lassen und bin bei der Freundin eingezogen. Am Anfang der Trennung war alles noch ganz cool. Wir wollten Freunde bleiben. Er war halt wirklich verletzt, das hat mir sehr wehgetan. Aber ich habe mich nicht dazu hinreißen lassen, Mitleid mit Liebe zu verwechseln. Und da ich bemerkt habe, dass ich ihn gar nicht vermisse, wurde mir schnell klar, dass zweites vermutlich nie gegeben war.

Ich wollte nicht mehr verheiratet bleiben, und er wollte wieder nach Hause. Aus Trotz hat er ein paar von meinen Sachen verschenkt oder weggeschmissen, die er noch von mir hatte. Seine letzten Worte mir gegenüber waren "Du Hure!". Das hat er mir ins Gesicht gesagt, als meine Mutter und mein Bruder neben mir standen. Seither habe ich ihn auf Facebook blockiert und unterbinde auch so jegliche Form der Kontaktaufnahme. Alle Hochzeitsfotos sind gelöscht oder vernichtet. Mittlerweile ist das alles sieben Jahre her.

Aber das ist für mich schon in Ordnung so, denn ich würde nie wieder eine Bindung aus Angst vor dem Alleinsein eingehen.

Inzwischen kreuze ich nicht nur "geschieden" an, wenn ich nach dem Familienstand gefragt werde. Ich bin auch viel vorsichtiger geworden, wenn es um Liebessachen geht. Eigentlich selektiver. Wenn es mal gelingt, dass ich mich für eine Person entscheide, dann musste diese bereits durch viele Tests. Was auch der Grund ist, warum ich dann auch wieder wie früher so hartnäckig verharre. Meistens einseitig. Aber das ist für mich schon in Ordnung so, denn ich würde nie wieder eine Bindung aus Angst vor dem Alleinsein eingehen. Aus Angst, dass etwas nicht mit mir stimmt, weil ich bis jetzt keine echte Beziehung hatte.

Eigentlich beruhigt mich das, denn lieber alleine, als eine freiwillige und selbstauferlegte Stockholm-Syndrom-Geschichte. Ich weiß heute: Es ist OK, extrem wählerisch zu sein. Und dass Eifersucht eine Sache ist, die man sich selbst aussucht. Alles kommt, wie es kommt, und wenn dein Partner in einer anderen kommen will, dann kannst du das auch nicht ändern—auch dann nicht, wenn du davor eifersüchtig warst.