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Sex

"Auf welche ART willst du es haben?"

Wir haben im Normalsterblichen-Sexgewerbe gefragt, ob sich die Kundschaft während der ART Basel ändert.

von Benjamin von Wyl
23 Juni 2014, 10:41am


Alle Fotos von Diana Pfammatter

Basel ist eine Messestadt. Und jede Messe ist ein Prostitutionskatalysator. Das war bei den katholischen Konzilen im Mittelalter nicht anders. Wir haben uns während der ART im Basler Sexgewerbe abseits von Edel-Escorts umgesehen.

In meiner Vorstellung wollen die von aller Kunst seit der klassischen Moderne verdorbenen Messebesucher nicht nur schnellen Luxussex, sondern auch Erniedrigungsfetische ausleben. So nach dem Claim „Für den Preis des Quarzphallus, den ich mir gekauft habe, könnte ich es mir leisten, dich ein Leben lang zu penetrieren." Ich habe geglaubt, dass sich all die Galeristen, Künstler und Käufer in Basel verhalten wie Fussballteams aus Newcastle in Amsterdam. An dem Punkt stoppe ich das Fabulieren; ich lag nämlich falsch.

Schon der ehemalige Sexkinomitarbeiter, den ich noch steril per Facebookchat angeschrieben habe, erklärte mir, dass im normalen Rotlichtgewerbe weder die ART noch die Basel World spürbar sei: „Die Baumesse alle zwei Jahre ist da schon einträglicher. All die Innerschweizer, die endlich wieder mal Sex haben."

Am Samstag um 23 Uhr mischen wir uns dann unter die Leute in der „Toleranzzone" an der Webergasse, etwa fünf Gehminuten vom Messezentrum. Wir hören die Public Viewer von der Kasernenwiese johlen, aber in der „Toleranzzone" ist nicht viel los. Eine Bekannte stellt uns den zwei Afrikanerinnen von ihrem Hauseingang vor.

Eine verschwindet als sie das Wort „magazine" hört, aber die andere öffnet sich uns in einem Schwall: Rückenschmerzen, ein todkranker Ehemann und Leute, die blöde Fragen stellen und wahrscheinlich heimlich filmen. „Ich bin auch vom FBI. Ihr auch? Wo habt ihr die Kamera?" Kurze Pausen bieten uns die Chance, über französische Wortschatzlücken nachzudenken.

„Die Polizei sagt, das sei Ghetto, Ghetto, Ghetto! Keine Touristen kommen hierher. Es heisst, dass gestohlen wird. Schwupps, Portemonnaie weg! Aber das echte Problem sind die aus Osteuropa, die es immer billiger machen. Für 30 Franken ohne Kondom und in den Arsch."

Auch die Angeklagten aus Osteuropa sagen, dass wenig bis nichts los sei. Mehrere verweisen uns nach „Grand Bâle" oder an die Brantgasse. Die Brantgasse ist eine Seitenstrasse, nur etwa eine Minute Fussweg von der Messe. Gegenüber von einem Altersheim (Auch am Strich an der Webergasse hat es ein Altersheim—Kundschaftskalkül?) befinden sich zirka ein Dutzend Sexstudios.

Ich klingel mich durch. Die zwei Frauen im ersten Zimmer erklären mir: „No, there's nobody coming. It's extremely quiet." Auch in den anderen Räumen ist niemand Zahlendes da. Noch nichtmal Fussballfans. Eine Prostituierte fragt zurück: „Welche ART? Auf welche Art willst du es haben?" Nein, die ART ist hier kein Begriff.

Wir entscheiden uns nach „Grand Bâle" zu fahren, um die Reichen im Stadtteil der Reichen zu fragen. Vor dem ersten Puff an der Heuwaage werde ich gefragt: „Sind Sie von Basel Zeitung?" „Nein, ich bin nicht von der Basler Zeitung." „Das ist sehr schade. Ich mag Basel Zeitung. Basel Zeitung erzähle ich alles. Kommen Sie wieder, wenn Sie von Basel Zeitung sind."

Beim nächsten—vis à vis vom Radisson Blu-Hotel—sagt man uns klar: „ART-people coming. This kind of people coming. A lot." Mehr aber auch nicht.

Der wiederum nächste (für uns relevante) Eingang an der Heuwaage ist ein Appartementmiethaus. Die Klingelschilder haben fast alle nur Nummern. Ein „Appartement" heisst Acapulco, auf wenigen Schildern steht was mit „Love" oder „Angel". Das Appartmenthaus ist ein sechsstöckiges Gebäude mit langen Gängen und kahlen, schweren Türen. Auf manchen stehen Handynummern, auf anderen Frauennamen, Transsex oder was Sadomaso-Likes.

Über dieses Haus hätte Kafka einen Roman geschrieben, wenn ihn sein Vater ordentlich aufgeklärt hätte. Aber auch im Kafka-Haus ist es für Samstagnacht verdammt ruhig. Nur hie und da stöckelt jemand über den Gang. Einen einzigen Freier sehen wir und der trägt keinen Galeristen-Foulard, sondern ein „Würth"-Baseballcap.

Die Türen, auf denen kein Besetzt-Schild ist, öffnen sich schnell, sobald ich geklingelt habe. Das erste Zimmer ist gemütlich eingerichtet. Ein Fernseher zeigt eine Tierdoku mit dem Logo vom Bayerischen Rundfunk.

Eine ältere Dame bittet mich herein, schliesst die Tür hinter mir ab und nimmt den Schlüssel aus dem Schloss. „Si, si, si. Es kommen Touristen. Auch Leute von der ART. Aber was ist mit dir, Querido?" Ich kann glaubhaft erklären, dass ich nicht deswegen hier sei und darf gehen.

Wir verlieren den Überblick auf welcher Etage wir sind. Viele der Prostituierten hier sind Spanischsprachler. Eine Frau ist nackt, als sie mir im Türrahmen so ziemlich das gleiche erzählt, wie die ältere BR-Zuschauerin. (Ausser dass sie mich nicht „Querido", sondern „Amor" nennt.) Die Türen mit Sadomaso-Annoncen lass ich aus, denn die Gänge im Horroranstalt-Stil schüchtern schon genug ein.

Mein Bild von genusssüchtigen Kunstsammlerhorden, die für drei Tage das Basler Milieu überschwemmen, stimmt anscheinend nicht. Auch dort, wo Messebesucher zu den Kunden zählen sollen, war business as usual und usually scheinen die Geschäfte nicht gut zu laufen. Entweder sind die ART-People durch Kunst geläuterte „neue Menschen" oder sie wählen halt doch nur Telefonnummern von Edelagenturen, um sich in Hotelzimmern von ihrer männlichen Potenz überzeugen zu lassen.

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