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Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
Bis so guet

Mein Nachbar ist ein Wichser

Wir alle wissen: Masturbieren macht dich fröhlich, lustig und gesund. Falsch. Es macht dich verbittert, schlaflos und verstört.

von René Wiederkehr
21 November 2013, 12:20pm

Foto: Bob Pagani

Mein Nachbar stöhnt. Und das nicht erst seit gestern, sondern bereits seit ich vor geschlagenen sechs Jahren in diese Wohnung  in der Zürcher Altstadt gezogen bin. Sein Appartement liegt direkt über meinem, sein Schlafzimmer genau über meinem. Die Decke ist dünn. Das Stöhnen beginnt für gewöhnlich etwa um kurz nach ein Uhr in der Früh. Dann gönnt er sich ein kleines bisschen Erholung. Und meistens ziemlich genau um elf Uhr morgens legt er wieder los. 

Mein Nachbar arbeitet in einer alten, traditionsreichen Bar im Oberdorf. Wenn er dann spät nach Hause kommt, ist er total gestresst. Und dann wird gewichst. Aber so richtig. Besuch hat er keinen. Nie. Das hat er mir sogar schon bestätigt. "Nie werde ich jemanden bei mir in der Wohnung empfangen. Ich trenne Beruf und Privates strikt." 

Foto: Davida de la Harpe Golden

Mein Nachbar ist homosexuell. Das tut eigentlich nichts zur Sache. Ich störe mich nicht an seiner sexuellen Ausrichtung, sondern daran, dass er mich notorisch am Einschlafen hindert. Oder in einer sehr sensiblen Phase des Einschlafens aufweckt. Oder mich in einer ebenso sensiblen Phase des Aufwachens aus meinen Träumen stöhnt. Von den Bauarbeitern, die seine Wohnung umbauten, weiss ich, dass er bei sich ein Arsenal an armdicken Dildos beherbergt. Man muss nicht Mathematik studiert haben um hier zwei und zwei zusammen zu zählen.

Der Gedanke, dass er das tut, weil er kein anständiges Sexleben hat, macht mich irgendwie traurig. Womöglich auch ihn selbst. So traurig, dass er darüber zwei mal täglich sein bemitleidenswertes Liedchen anstimmt. Früher feuerte er sich manchmal auch selbst an. "So geil... !" Und so weiter. Aber das ist unterdessen auch schon eine Weile her. Vielleicht lag es ja an meiner Notiz, die ich ihm nach einer besonders schlaflosen Nacht an die Tür pappte.

"Lieber Nachbar. Sind Sie krank? Haben Sie Schmerzen? Dann gehen Sie bitte zum Arzt. Ist es etwas anderes, das sie nächtens laut stöhnen lässt, bitte ich Sie, ihre Frequenzen runter zu schrauben (Wortspiel!). Sie hindern mich am Schlafen. Ihr Nachbar."

Foto: 

Leider verfehlte die Attacke gewissermassen ihr Ziel. Während wahrscheinlich jeder andere nur mit allergrössten Schamgefühlen und mucksmäuschenstill darauf reagiert hätte, wäre er bei einer derart intimen Tätigkeit ertappt worden, ging mein Nachbar in die Offensive. Noch am selben Tag stürmte zu mir und klingelte. Was mir eigentlich einfalle, er wohne schon seit zehn Jahren in dem Haus und es habe sich noch nie jemand beklagt und wenn er einmal pro Monat onaniere sei das wohl seine Sache und überhaupt, ich hätte wohl ein sexuelles Problem oder sonst ein Problem mit Homosexuellen.

Es war einer dieser Momente, in denen ich die Möglichkeit gehabt hätte, mit ihm wie auf einem südländischen Bazar zu feilschen: Irgendwo zwischen der von ihm genannten Zahl und meiner Wahrnehmung hätten wir uns treffen können. Aber hier ging es nicht um ein Kilo Datteln, sondern um krampfhaft lautes Gewichse, verdammt! Also war alles, was mir übrig blieb, leicht angespannt zu lächeln und stillschweigend darauf zu hoffen, dass er ganz von alleine zu Vernunft und Einsicht gelangt.

Gestern war es wieder einmal so weit, dass mir von seinem morgendlichen Stöhnkonzert der Kragen platzte. Als er die Tür öffnete, trug er eine Art Stützstrümpfe. Er war sich keiner Schuld bewusst. Was zeigt mir diese Geschichte? Alles hat seinen Preis. Auch die bezahlbare Wohnung in der Altstadt.

Am besten wäre es natürlich, die Nächte durch nur auf Achse zu sein. Dazu haben wir natürlich ein paar Vorschläge:

Am Donnerstag wird es CHurz und CHnapp im Treibhaus. Oder lasst Feuer in euer Herz mit Phosphorescent in der roten Fabrik. 

Spätestens am Freitag solltest du dich Hals über Kopf ans dreitägige Saint Ghetto Festival in der Dampfzentrale gestürzt haben. Deine Musiksüchtigen Ohren werden dir auf ewig dankbar sein. Falls du eher auf gemütlichere Bässe stehst kannst du dir auch einen Reggae-Abend mit Jamaram im Gaswerk gönnen. Und für alle, die freie Eintritte für Frauen und weibliche Dj's eine tolle Sache finden, gibt’s in der Kiste die  Party Sie&Sie

Wenn du am Samstag von den fiesen Novemberwinden noch nicht erfroren bist, raten wir dir an das erste, einzige und wahrscheinlich letzte Jahresfest vom Karussell zu gehen. Alternativ oder weil wir sie so sehr lieben, feiern wir den achten Geburtstag der Longstreet Bar.

Am Sonntag gibt es die ideale Möglichkeit uns ein hartes Stück schweizer Gegenwart reinzuziehen. Im Xenix läuft die letzte Vorstellung von Life in Paradise. Unbedingt ansehen! 

Und weil das Wochenende so verdammt kurz ist, wagen wir uns Montags in die Perla Mode, auf das  künstlerisches Stelldichein Still White Shutpräsentiert von Friction. Oder für ganz abgefahrene Hunde empfehlen wir das bizarre, überraschende, verheissungsvolle, Zornesausbrüche heraufbeschwörende Emotional learning from Brasil.

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