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Warum haben so viele Leute die Geschichte vom erfrorenen Syrer geglaubt?

Fast alle Berliner Medien haben einen Toten gemeldet, den es gar nicht gab. Wie konnte das passieren?

von Matern Boeselager
01 Februar 2016, 5:00am

Foto: imago | Christian Mang

Letzte Woche berichten Berliner Medien, dass der Verein „Moabit Hilft" den Tod eines 24-jährigen Asylbewerbers aus Syrien gemeldet hat. Der Mann sei nach tagelangem Anstehen vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales zusammengebrochen. Gegen zwei Uhr morgens soll er von einem Krankenwagen abgeholt worden und kurz darauf im Krankenhaus verstorben sein.

Die Nachricht wird sehr schnell von sehr vielen Medien aufgegriffen—von Boulevardblättern über seriöse Tageszeitungen bis hin zum öffentlich-rechtlichen RBB und der Deutschen Welle. Auch VICE meldet. Die allermeisten Medien weisen zwar in Überschrift und Artikeltext darauf hin, dass die Meldung bis jetzt nur vom Verein selbst stamme und von offizieller Stelle noch nicht verifiziert worden sei. Trotzdem verbreitet sich die Geschichte mit enormer Geschwindigkeit in den sozialen Medien und löst eine Welle der Empörung aus, die sich vor allem gegen die desolaten Zustände im LaGeSo richtet. Eine Grünen-Politikerin legt dem Sozialminister Czaja nahe, zurückzutreten, „wenn sich der Fall bestätigt". Am LaGeSo wurden die ersten Kerzen niedergelegt.

Trauer am LaGeSo | Foto: imago | Christian Mang

Im Laufe des Vormittags versuchen dann sowohl Journalisten als auch die Behörden, den Verstorbenen zu identifizieren. Das stellt sich jedoch als überraschend schwierig heraus: Die Berliner Feuerwehr findet keinen Eintrag über einen Notarzt-Einsatz zu der angegebenen Zeit. In keinem Berliner Krankenhaus ist in der Nacht zum Mittwoch der Tod eines 24-jährigen Syrers gemeldet worden. Der Helfer, der den Tod des Mannes gemeldet hatte, ist plötzlich für niemanden zu erreichen und hat sich offenbar in seiner Wohnung eingesperrt.

Bei den Berliner Behörden geht man deshalb bereits gegen Mittag davon aus, dass die Geschichte nicht stimmt. Die ersten Medien melden Zweifel an der Geschichte an, es herrscht allgemeine Verwirrung. Schließlich bestätigt die Polizei am Mittwochabend, dass der Mann im Verhör zugegeben hat, sich die Geschichte ausgedacht zu haben, später entschuldigte sich der Mann damit, er sei betrunken gewesen.

Das ist ein Fiasko: Für die Medien, die eine Falschmeldung verbreitet haben, und besonders für den Verein „Moabit Hilft", der seit Monaten freiwillige Helfer organisiert und Spenden sammelt, um die katastrophalen Zustände am LaGeSo zu lindern. Für die „Lügenpresse"-Rufer ist das ganze Debakel natürlich Gold wert: Sie vermuten einen perfiden Manipulationsversuch, der Stimmung für Flüchtlinge machen soll.

Einen Manipulationsversuch hat es natürlich nicht gegeben. Einen massiven Fehler haben die berichtenden Medien (auch wir) aber trotzdem gemacht. Im Bemühen, die Schreckensnachricht möglichst schnell zu berichten, haben alle beteiligten Redaktionen die Entscheidung getroffen, nicht auf eine externe Bestätigung zu warten. Sondern den vermeintlichen Todesfall, wenn auch unter Vorbehalt, so früh wie möglich zu melden—im Vertrauen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die offizielle Bestätigung eintrudelt.

Wie konnte es dazu kommen? Wieso wurde das Zwei-Quellen-Prinzip (zwei unabhängige Quellen müssen einen Vorfall bestätigen, bevor er als gesichert gilt) hier von so vielen Redakteuren auf einmal außer Kraft gesetzt? Und warum waren so viele Leser bereit, die Geschichte zu glauben und weiterzuverbreiten? Wir haben ein paar der Gründe zusammengetragen:

Die Details

Der Auslöser für die Meldung war ein Text, den eine freiwillige Helferin kurz nach fünf Uhr morgens auf Facebook postete. Darin berichtete sie in ziemlich aufgewühltem Ton, dass ein befreundeter Helfer, Dirk V., einen Mann ins Krankenhaus gebracht und dort beim Sterben begleitet habe. Ans Ende ihres Aufrufs kopierte sie Auszüge aus ihrem Chat mit Dirk, der ihr sozusagen Live-Updates aus dem Krankenwagen und später aus dem Krankenhaus schickte—zumindest glaubte sie das.

Aus dem Post und dem Chart erfahren wir unter anderen: Dass es sich bei dem Mann um einen 24-Jährigen Syrer handelte. Dass er „tagelang am LaGeSo bei Minusgraden im Schneematsch angestanden" hatte. Dass er zuerst Fieber bekam—„39,4 Fieber"—und dann Schüttelfrost, und dass er schließlich einen Herzstillstand erlitt.

Das sind eine Menge Details, die der Geschichte zuerst einmal Glaubwürdigkeit verleihen—genauso wie der Umstand, dass sie fast alle im Laufe einer Unterhaltung bekannt wurden, die man praktisch mitlesen konnte. Man konnte natürlich nicht sehen, dass V. seine Nachrichten statt aus dem Krankenwagen offenbar betrunken in seiner Wohnung sitzend schrieb.

Die Situation vor dem LaGeSo

Eine normale Nacht im November am LaGeSo | Foto: imago | Christian Mang

Die Nachricht, dass ein Flüchtling beim Warten vor dem Landesamt so krank wurde, dass er schließlich starb, kam in gewisser Weise genau zur „richtigen" Zeit. Seit Monaten berichten die Medien über die desolaten Zustände vor dem Amt, wo Asylbewerber oft tage- und nächtelang anstehen müssen, um sich als Flüchtlinge registrieren zu können und lebensnotwendige Leistungen zu erhalten. Mit dem Kälteeinbruch verschlimmerte sich die Lage noch weiter. Schließlich wurde erst Dienstag bekannt, dass das Amt mittlerweile auch Probleme damit hat, registrierten Flüchtlingen das Geld für Lebensmittel auszuzahlen.

Das LaGeSo war in der letzten Zeit also deutschlandweit zum Symbol für Überforderung, Inkompetenz und unmenschliche Bürokratie auf Kosten der Flüchtlinge geworden. Schon Mitte Oktober 2015 bezeichnete der Tagesspiegel die Zustände am Amt als „lebensgefährlich". Kurz zuvor war ein sechsjähriger Junge direkt vor dem Gebäude entführt worden, ohne dass es im Chaos jemand bemerkt hätte.

Das alles führte dazu, dass kaum jemand überrascht war, als der Tod eines Flüchtlings vor dem LaGeSo gemeldet wurde—überraschend war fast eher, dass das noch nicht früher passiert war.

Die „Bestätigung"

Ein einzelner Facebook-Post—und wirke er noch so authentisch—reicht meist nicht aus, um kollektiv alle Hauptstadtmedien zu überzeugen. Was der Geschichte aber bald einen zusätzlichen Anschein von Legitimität gab, war die Reaktion des Vereins. Der Verein, der seinem Helfer bedingungslos vertraute, übernahm die Geschichte nicht nur, sondern erstellte gleich eine Todesanzeige für den Verstorbenen. Und um kurz nach 9 bestätigte die Pressesprecherin des Bündnisses, Diana Henniges, den Tod des Mannes vor mehreren Journalisten.

Im Tagesspiegel wird Henniges mit folgenden Worten zitiert: „Wir kannten den jungen Mann seit Wochen. Er hatte kein Geld für Essen, stand immer an vor dem Lageso, hat dort übernachtet." Dann sei er krank geworden, ein Helfer habe ihn schließlich mit zu sich nach Hause genommen. In der Nacht habe er „gestöhnt, geächzt, sich komisch benommen".

Die Pressekonferenz am Nachmittag | Foto: imago | Christian Mang

Das Bizarre daran ist, dass Henniges sich dabei offenbar vollständig auf die Informationen aus dem Facebook-Post verließ. Gleichzeitig behauptete sie aber aus irgendeinem Grund, den Verstorbenen zu kennen—obwohl sie nicht mal seinen Namen wusste. Selbst später behauptete „Moabit Hilft" noch, den Namen des Krankenhauses zu kennen, ihn aber nicht öffentlich machen zu wollen—was einfach nicht stimmen kann.

Diese Bestätigung durch eine vermeintliche „zweite Quelle" hatte wahrscheinlich erheblichen Anteil daran, die Glaubwürdigkeit der Geschichte zu steigern. Nur ahnte zu diesem Zeitpunkt offenbar niemand, dass die zweite Quelle sich einfach auf die erste Quelle verließ—also eigentlich keine zweite war. Am Nachmittag ruderte Henniges dann zurück und erklärte, dass man beim Verein eigentlich auch nur neue Informationen abwarte.

Der gesunde Menschenverstand

Ein wichtiger Faktor bei der ganzen Geschichte ist auch, dass es einfach kaum vorstellbar war, dass sich jemand eine solche Geschichte von vorne bis hinten ausdenkt. Warum zur Hölle sollte jemand so etwas tun? Wie kommt man auf die Idee, einer Freundin zu schreiben, man säße gerade im Krankenwagen—und das ganze dann nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern das Theater noch bis zum Tod eines (ausgedachten) Menschen weiterzutreiben? Müsste einem nicht klar sein, dass das sofort auffliegen wird? Und wie viel Vertrauen man damit zerstört? Eine gewisse Fassungslosigkeit bleibt, auch jetzt noch.

Und was passiert jetzt?

Dirk V. hat sich entschuldigt und angekündigt, sich komplett aus dem Ehrenamt zurückzuziehen. Der Verein „Moabit Hilft" hat sich für die Kommunikationsfehler entschuldigt und gleichzeitig erklärt, man fühle sich „verraten". „Wir werden schlussendlich Glaubwürdigkeit verlieren", bedauerte Diana Henniges.

Die beteiligten Medien werden sich noch mehr bemühen müssen, auch unter Geschwindigkeitsdruck so sorgfältig wie möglich zu arbeiten. Anders ist das verlorene Vertrauen nicht wieder herzustellen.

Das Wichtigste, das man wohl aus dieser bizarren Geschichte lernen konnte, ist das: Die Freiwilligen am LaGeSo leisten extrem wichtige Arbeit, um Flüchtlinge mit Grundlagen zu versorgen, die der Senat der Stadt Berlin nicht leisten kann oder will. Dass das für viele Helfer physisch und psychisch enorm belastend ist, ist auch schon länger bekannt. Was diese Episode vielleicht am meisten verdeutlicht: Wenn der Staat sich nur auf unausgebildete Freiwillige verlässt, um derart schwere Arbeit zu leisten, dann sind diese Menschen einem enormen Druck ausgesetzt. Dirk V. hat den offenbar nicht mehr ausgehalten.

Dass jemand eine solche Geschichte erfindet, ist tragisch. Noch tragischer ist aber vielleicht, dass die Verhältnisse vor dem LaGeSo immer noch so verzweifelt sind, dass so viele Menschen sie geglaubt haben.