Interviews

​Eine BDSMlerin erklärt mir die Schweizer Szene

Wie lebst du einen Fetisch aus, der dich in der Schweiz ins Gefängnis bringen kann?

von Kamil Biedermann
05 Dezember 2016, 8:00am

Foto von artofhojojutsu

Seit der Verschärfung des Schweizer Strafgesetzes im Jahr 2002 fallen Aufnahmen oder Vorführungen, "die sexuelle Handlungen mit Gewalttätigkeiten zum Inhalt haben" unter Strafe. Viele Menschen in der Schweizer BDSM-Szene, die BDSM-Pornos besitzen oder selbst produzieren, fühlten sich dadurch in die Nähe von Pädokriminellen gestellt. Auch im Alltag sieht sich die BDSM-Szene mit Vorurteilen konfrontiert und führt ihre Treffen deshalb meist abseits jeder öffentlichen Aufmerksamkeit durch.

Seit 2002 organisiert sich die Schweizer Szene deshalb über die Interessensgemeinschaft BDSM. Obwohl die IG nicht den Anspruch hat, alle Schweizer BDSMler zu vereinen, ist sie mit 125 Vereinsmitglieder die wohl grösste BDSM-Organisation der Schweiz. Im Onlineforum der IG sind aktuell 877 User registriert. Auf fetlife, dem internationalen Social Network für BDSM- und Fetisch-Anhänger, geben rund 11.000 Personen an, in der Schweiz zu leben. Ich möchte mehr über diese Menschen erfahren, über die ich nur wenig weiss und beschliesse, mir die grösste BDSM-Organisation der Schweiz genauer anzuschauen.

Die 29-jährige Simona aus dem Kanton Zürich leitet seit einem halben Jahr als Präsidentin den Vorstand der IG. Sie erzählt mir, dass BDSM allgemein sehr schlecht erforscht ist und die wenigen Studien bei Angaben zum Anteil der BDSMler an der Bevölkerung stark schwanken. Am Stadtzürcher BDSM-Stammtisch—einer von etwa 20 Schweizer Stammtischen—treffen sich alle zwei Wochen um die 40 Anhänger. Im Zürcher Café Odeon erzählt Simona mir, wie die Schweizer Szene von innen aussieht und wie die Community ihr geholfen hat, sich als blutjunge Anfängerin zurechtzufinden.

Foto von artofhojojutsu | von Simona zur Verfügung gestellt

VICE: Wie bist du überhaupt in die Szene reingekommen?
Simona: Gewisse Elemente aus der BSDM-Bewegung waren schon immer ein Bestandteil meines Sexlebens. Anfänglich waren das eher harmlose Dinge wie Hände fesseln oder Augen verbinden. Als ich dann mit 26 mal ein Buch zu dem Thema gelesen habe—es war aber nicht 50 Shades of Grey—habe ich mich auf Google über die Szene schlau gemacht, die IG gefunden und bin da ziemlich schnell reingeraten.

Über einen der Schnupperabende, die die IG anbietet?
Nein, ich bin da gleich schon an eine richtige BDSM-Party gegangen. Diese Einsteigerabende sind aber ein wichtiger Teil unserer Arbeit. In dreistündigen Informationsveranstaltungen gehen wir auf die theoretischen Kernpunkte ein. Wir beginnen mit den Begriffserklärungen rund um Beziehungsformen und Fachbegriffe. Ein zweiter Teil handelt von Anatomie und auf welche Arten man jemandem Lustschmerzen zufügen kann. Nach einer kurzen theoretischen Einführung in das Fesseln und wichtigen Sicherheitshinweisen dürfen sich die Neulinge, die noch bleiben wollen, selbst mal darin versuchen. Wir achten darauf, dass immer ein paar unserer Mitglieder vor Ort sind und ein paar Spiele vorführen.

Hat 50 Shades of Grey die Szene mit Frischfleisch geflutet?
Kurzfristig waren die Stammtische schon gefragter als sonst, das hat sich dann aber schnell wieder eingependelt. Manche kamen nur einmalig, andere sind zu einem festen Bestandteil der Szene geworden.

Kommen auch Leute mit Missbrauchs- und Gewalterfahrungen auf euch zu, um diese mit BDSM zu verarbeiten?
Grundsätzlich denke ich nicht, dass es bei uns in der Szene eine Häufung gibt. Es gibt aber durchaus Leute, die BDSM auch als eine Therapieform oder Verarbeitungsstrategie nutzen. Das muss dann aber sehr bewusst geschehen, bestenfalls mit einer vertrauten Person. In der Szene kenne ich einige Frauen, die Vergewaltigungen erleben mussten und diese Erfahrungen teils mit BDSM verarbeiteten. Das ist jedoch nicht der primäre Grund für ihre sexuelle Vorliebe.

Und was ist mit Leuten mit Minderwertigkeitskomplexen?
Ja, die gibt's. Die fallen auf den Partys auch schnell auf. Anstatt sich auf das Spiel selbst zu fokussieren, achten diese Leute vielmehr darauf, wie sie von den anderen Partyteilnehmern wahrgenommen werden und machen eine Show daraus. Denen versuche ich dann einfach aus dem Weg zu gehen. Diese Leute hast du ja überall.

Haben auch Homosexuelle oder die LGBTQ-Szene im Allgemeinen bei euch Platz?
Ich weiss, dass die Schwulen eine separate BDSM-Szene haben, kann dazu aber nicht viel sagen, weil ich als Frau dort fehl am Platz bin. Wir haben aber auch in der "normalen" BDSM-Subkultur viele Schwule und Lesben. Zudem gibt es ganz klar Überschneidungen zwischen der Polyszene sowie der LGBTQ-Szene und der BDSM-Szene. Transsexualität ist definitiv ein Thema bei uns und viele sind bi- oder pansexuell. Das ist allgemein akzeptiert. Unsere Szene muss ein Stück weit auch offen sein, da wir uns sonst in viele kleine Splittergruppen aufteilen würden.

Foto von artofhojojutsu | von Simona zur Verfügung gestellt

Kommen auch immer genügend Frauen an die Partys?
Es stimmt schon, dass mehr Männer alleine an Events kommen als Frauen. Das ist aber wohl auch im Vanilla-Ausgang so. Als Vanilla—ich finde das übrigens einen sehr schönen Begriff—bezeichnen wir einen Menschen, der kein BDSM mag. Das kommt daher, dass die meisten Menschen Vanilleeis mögen, wie auch die meisten Menschen Blümchensex mögen. Der weniger schöne und auch etwas abwertende Begriff hierfür ist "Stino" für stinknormal.

Ich denke, Männer gehen—ebenfalls wie bei den Vanillas—offensiver an die Partnersuche, sei es real oder im Internet. Es gibt definitiv Partys mit klarem Männerüberschuss und andere, bei denen der Veranstalter darauf achtet, dass das Geschlechterverhältnis ausgeglichen ist, was wir bei unseren Partys übrigens auch tun.

Aus rechtlicher Sicht ist BDSM in der Schweiz eine Grauzone: Eure Praktiken können von der Justiz trotz Einwilligung als Körperverletzung angesehen werden und BDSM-Pornos fallen unter das Verbot von Gewaltdarstellungen.
Je nachdem, was auf den Aufnahmen zu sehen ist, kann das gesetzlich problematisch werden. Mir ist aber niemand bekannt, der dadurch Probleme bekommen hat. Bei Trennungen oder Scheidungen, die ungünstig verlaufen, kann es aber durchaus passieren, dass BDSM zu häuslicher Gewalt umgedeutet wird. Im Nachhinein herauszufinden, ob diese Handlungen einvernehmlich waren oder nicht, ist praktisch unmöglich. Solche Fälle sind mir bekannt. Die Szene macht sich dazu schon Gedanken—die Vorträge zum Thema Recht und BDSM sind immer gut besucht. BDSM bewegt sich irgendwo zwischen Körperverletzung, Freiheitsberaubung, dem Waffengesetz und dem Pornografiegesetz—es fehlen klare gesetzliche Definitionen, besonders wenn es um das Einvernehmliche geht. Ich persönlich achte einfach darauf, dass ich nur mit Leuten spiele, denen ich vertrauen kann. Wenn du hingegen im Ausgang jemanden aufreisst und mit nach Hause nimmst, kann dich diese Person—wenn es dumm läuft—ja auch wegen Vergewaltigung anzeigen.

Schon mal jemanden so verletzt, dass die Person zum Arzt musste?
Nein, und auch mich hat noch niemand richtig verletzt. Es gibt grundsätzlich zwei Konzepte. Bei "Safe Sane Consensual" sind alle Praktiken, wie es der Name sagt, grundsätzlich sicher, vernünftig und einvernehmlich. Bei "Risk-aware Consensual Kink" werden auch Sachen gemacht, die zwar nicht mehr ganz so sicher sind, aber das Risiko bewusst und möglichst kontrolliert ist. Darunter fällt beispielsweise alles, was mit Würgen zu tun hat. Aus Workshops und Literatur wissen wir aber alle beispielsweise, dass Schläge gegen die Nieren tabu sind, weil das schnell gefährlich werden kann.

Was war die härteste Praktik, die du selbst bis jetzt abgezogen hast?
Waterboarding.

Wie kamst du dazu?
Ich war mal an einer Party dabei, wo Waterboarding gemacht wurde und habe selbst auch Lust darauf bekommen. Einen Monat später fragte ich einen Bekannten aus der Szene, dem ich sehr vertraue, ob er mit mir das machen könnte. Damit kein Wasser in die Lunge läuft, liegt die Person mit dem Kopf leicht nach unten. Man darf sich das nicht so wie im Fernsehen vorstellen—ein Glas Wasser reicht da wirklich lange aus und es besteht nie echte Ertrinkungsgefahr, auch wenn das Gefühl ständig da ist. Ein nasser Strumpf um den Mund erschwert das Atmen erheblich und in dem Moment, in dem nur schon etwas Wasser fliesst, verfällst du in echte Panik. Trotzdem weisst du, du kannst jederzeit das Safeword sagen und abbrechen. Dieser innere Kampf zwischen "eigentlich finde ich es voll scheisse" und "irgendwie will ich trotzdem weiter machen" macht für mich eben einen Teil des Reizes aus.

Versteckst du eigentlich deine blauen Flecken im Sommer?
Nein, gar nicht. Es ist mir wirklich egal. Einerseits finde ich es sogar ziemlich schön, andererseits führen die Flecken bei Leuten, die von meinen Vorlieben noch nichts wissen, zu Fragen und ich kriege im Gespräch die Chance, für mehr Akzeptanz gegenüber BDSM zu werben. Ich kenne aber viele Leute, die ihre Flecken entweder verstecken oder darauf achten, dass an sichtbaren Orten überhaupt erst keine entstehen.

Was denken eigentlich deine Eltern darüber?
Mein Vater nichts, weil er nicht mehr lebt aber meine Mutter war anfangs schon etwas besorgt, als ich ihr gleich nach meiner ersten Party davon erzählt habe. Nachdem ich ihr all die Vorsichtsmassnahmen erklärt habe, war es dann OK für sie. Ich erzähle ihr aber keine Details von meinen SM-Partys.

Können BDSMler nur mit Gleichgesinnten Beziehungen führen?
Nein, grundsätzlich ist alles möglich. Durch die vielen Überschneidungen mit der polyamorösen Szene kenne ich verschiedene Konstellationen. Manche Paare leben sexuell BDSM nur innerhalb der Beziehung aus, dürfen aber rein spielerisch auch ausserhalb der Beziehung praktizieren. Dann gibt es auch die offenen Vanilla-Beziehungen, wo der Partner seine Vorlieben ausserhalb der Beziehung praktizieren kann. Dass ein BDSMler auf die Ausübung seiner Vorlieben verzichtet, gibt es wahrscheinlich auch, kommt auf Dauer aber selten gut.

Wann hattest du eigentlich das letzte Mal gewöhnlichen Sex?
Letztes Wochenende mit meinem Freund, mit dem ich in einer offenen Beziehung bin. Wäre auch schade, wenn ich das nicht mehr hätte.

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