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"Trennt euch so selten wie möglich"

Mit Ende 20 haben wir öfter Schluss gemacht als unsere Großeltern in ihrem Leben. Aber mit neuem Partner werden wir auch nicht glücklicher, sagt die Psychiaterin Adelheid Kastner.

von Wlada Kolosowa
15 November 2016, 11:22am

Foto: Andrea Rose | Flickr | CC BY 2.0

Kaum etwas in unserem Leben tut so weh wie Trennungen. Sie krempeln Zukunftspläne, Freundeskreise, Mietverträge um, und den Glauben daran, dass die Welt ein freundlicher Ort ist. Laut der Stressskala der Psychologen Thomas Holmes und Richard Rahe löst nur der Tod eines Partners mehr Stress aus als eine Trennung. Viele von uns haben aber mit Ende 20 schon mehr Trennungshöllen hinter sich als ihre Großeltern im ganzen Leben. Nur sieben Prozent der 30-Jährigen in Deutschland sind noch mit ihrem ersten Partner zusammen, dafür fast ein Drittel aller 60-Jährigen.

Aber sind Trennungen unbedingt schlecht? Ist es nicht besser, wenn Paare nur zusammenbleiben, wenn sie glücklich sind—und nicht, weil die Gesellschaft und das Bankkonto es vorschreiben? Nicht unbedingt, sagt die Psychiaterin Adelheid Kastner, 54, die das Buch Tatort Trennung. Ein Psychogramm geschrieben hat. Sie leitet die Klinik für Psychiatrie am Kepler Universitätsklinikum in Linz. Bekannt wurde sie als Gerichtsgutachterin im Fall Josef Fritzl. Auf die Idee, dieses Buch zu schreiben, sei sie gekommen, weil sie sich die Biografie vieler Menschen angeguckt hat—und feststellte, dass viele Trennungen oft eine Bruchstelle im Leben der Menschen waren. Und dass die meisten dieser Trennungen vermeidbar gewesen wären.

VICE: Ihr Buch heißt Tatort Trennung. So, als sei es fast schon ein Verbrechen, Schluss zu machen.

Trennungen belasten uns zumindest massiv. Die Menschen leiden unglaublich darunter. Und wenn man ihr Wohlbefinden danach über eine längere Zeit beobachtet, sind sie nicht unbedingt glücklicher geworden. Partnerbörsen suggerieren, dass man Partner tauschen kann wie Räder am Wagen. Und viele hoffen, dass der nächste ihr Leben um Dimensionen besser macht. Aber es kann ja auch sein, dass da niemand mehr kommt.

Auch wenn man sich Ende 20, Anfang 30 trennt?
Natürlich ist da die Wahrscheinlichkeit höher, jemand Neues kennenzulernen. Aber ja, auch mit 35 könnte es schwierig werden. Nachdem die Hauptphase, in der Menschen Partner suchen, vorbei ist, ist der Markt nicht mehr so toll bestückt. Diejenigen, die bindungsfähig sind und gut in Partnerschaften funktionieren, sind vergeben.

Wenn ich mir vorstelle, ich würde immer noch den Kerl daten, mit dem ich mit 16 zusammengekommen bin, wäre das keine gute Idee. Meine wichtigsten Partnerwahlkriterien waren damals: coole Haare, dass er Gitarre spielen und formschöne Joints drehen konnte. Dass der Typ verantwortungslos war, war mir egal. Weiß man nicht erst, wer zu einem passt, nachdem man sich ein paar Mal getrennt und sich selbst besser kennengelernt hat?
Die zentralen Werte, die einem in der Beziehung wichtig sind, kennt man schon mit Anfang 20. Wie steht man zur Treue? Was für eine Familie möchte ich haben? Diese Grundhaltungen nimmt man oft schon mit der Muttermilch auf, sie werden sich nicht dramatisch ändern. Was sich verändert, sind die Lebensumstände. Aber erfolgreiche Partnerschaften können sich an Veränderungen anpassen, müssen sie sogar. Der Mensch, mit man zusammengekommen ist, bleibt ja nicht für die nächsten 10, 20 Jahre derselbe. Wie stabil eine Beziehung ist, hängt also hauptsächlich davon ab, ob man dieselben Werte teilt—und ob man gemeinsam durch Schwierigkeiten gehen kann. Es kommt weniger auf den perfekten Partner an, der wie ein Schlüssel zum Schloss passt.

Adelheid Kastner | Foto: imago | Rudolf Gigler

Gibt es denn gar keine Situationen, in denen es besser wäre, sich zu trennen?
Doch, natürlich. Wenn mich der andere in meiner Würde beschädigt. Wenn er mich demütigt, nicht akzeptiert, nicht ernst nimmt. Aber die Überlegung, die hinter einer Trennung steht, sollte nicht sein: Finde ich noch einen Besseren. Sondern: Allein bin ich zufriedener. Wer sich auf der Suche nach neuem Glück ständig trennt, kommt nie in den Genuss der emotionalen Beheimatung. Wer seinen Partner alle paar Jahre wechselt, wird es schwer haben, sich bei einem Menschen zu Hause zu fühlen.

Wir schmeißen Beziehungen also zu leichtfertig weg.
Wir sollten das zumindest nicht so oft machen, wie wir es tun. Momentan trennen wir uns eher vom Partner als von unserem Ideal der Liebe. Dabei ist es oft nicht der Freund oder die Freundin, die nicht passt, sondern die eigenen zu hohen Erwartungen.

Oft ist es so, dass der Mensch, mit dem man zusammen ist, alles sein soll: Seelenverwandter, bester Liebhaber, der Antriebsmotor und der Ruhehafen. Der Partner ist der Mittelpunkt des Universums—und nach der Trennung der furchtbarste Mensch auf Erden.
Dass man am Anfang sehr verletzt ist, ist verständlich. Aber nachdem man aus dem akuten Trennungsschmerz draußen ist, hilft es, realistisch zu sein. Der Ex hat mir sehr weh getan, aber es gab auch schöne Zeiten. Man wäre ja nicht mit jemandem zusammen, der absolut widerlich war. Das würde ja auch nichts Gutes über einen selbst sagen. Zu verstehen, dass der Ex-Partner kein Idiot oder Psychopath war, versöhnt einen auch mit der eigenen Biografie. Man versteht, dass man die Jahre nicht vergeudet hat.

Meine Großmutter war über 40 Jahre mit meinem Opa verheiratet, bis zu seinem Tod. Als ich sie nach dem Geheimnis fragte, sagte sie: "Das Geheimnis von langen Beziehungen ist: Trennt euch nicht." Aber damals war es ja nicht nur Liebe, sondern auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Zwänge, die Ehen zusammen hielten.
Es waren nicht nur Zwänge, es war viel mehr. Es gab mehr Fokus darauf, zueinander zu stehen. Untersuchungen an Paaren zeigen: Der wichtigste Faktor für langfristige Beziehungen ist, dass man sich dazu bekennt, durch dick und dünn zueinander zu stehen. Heutzutage ist es einfacher, Dinge zu ersetzen, als sie zu reparieren: Handys, Waschmaschinen, Laptops. Aber Menschen sind keine Gebrauchsgegenstände. Mein Rat wäre: Geht Beziehungen nicht nur wegen eines Gefühlhöhenflugs ein. Und dann trennt euch so selten wie möglich.

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