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Trump, Brexit, MEI: Wie die Überalterung unsere Zukunft zerstört

Die Millenials und die Generation Y weigern sich oft, aktiv die politische Zukunft zu gestalten. Ihnen allein die Schuld dafür zu geben ist aber zu einfach.

von Sebastian Sele
13 November 2016, 12:40pm

Foto: Pixabay 

"Selbst schuld", antwortete ein Spiegel-Kommentator, als grosse Teile der Millenials und der Generation Y nach dem Ja zum Brexit den Untergang ihrer Zukunft befürchteten. "Sie hätten einfach zahlreicher abstimmen müssen." Auch die Schuld daran, dass am Mittwochmorgen Push-Nachrichten "Trump ist Präsident" verkündeten, könnte den Jungen zugeschoben werden. Die 18- bis 39-Jährigen wählten gemäss Nachwahlbefragungen grossmehrheitlich Clinton, alle Älteren Trump. Aber: Erfahrungsgemäss geben auch in den USA die jüngeren Generationen seltener ihre Stimme ab. Dasselbe Bild zeichnete sich in der Schweiz schon vor zwei Jahren ab, als die Masseneinwanderungsinitiative (MEI) knapp angenommen wurde. Die 18- bis 29-Jährigen verwarfen die Initiative zwar am klarsten, blieben der Urne aber auch am häufigsten fern. Jene, die die Zukunft westlicher Demokratien gestalten sollten, üben sich in Arbeitsverweigerung.

Ein schlichtes "selbst Schuld" als väterlicher Zeigefinger ist zwar leicht gesagt, wird diesem grundlegenden Problem aber keineswegs gerecht. Denn Junge interessieren sich generell für Politik. In einer Studie gab rund die Hälfte der befragten 17-Jährigen in der Schweiz an, an Politik interessiert zu sein. Wieso nehmen sie aber unterdurchschnittlich oft an Wahlen und Abstimmungen teil? "Junge Erwachsene bevorzugen andere, informellere Formen und Mittel zur politischen Partizipation", schreibt die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände SAJV in einer Studie dazu. Sie betont, der Wahl- und Abstimmungsprozess sowie die dazugehörigen Unterlagen seien nicht jugendgerecht.

Das politische System hinkt den raschen Entwicklungen in Gesellschaft und Technik hinterher. Nie zuvor war die Welt so stark geprägt von Globalisierung und technologischer Entwicklung wie heute. Die jungen Generationen reisen um die Welt, sind im Internet zu Hause und global vernetzt. Während jene, die die Zukunft der Schweiz, Europas und der Welt prägen sollten, mittlerweile sogar Facebook als veraltet ansehen, muss die Demokratie in den meisten Ländern immer noch ohne E-Voting auskommen. Die Demokratie in ihrer heutigen Form scheint ein System für Alte zu sein, von Alten gemacht. Bezeichnend dafür: Das Durchschnittsalter der Nationalräte sinkt zwar, liegt aber immer noch bei 50 Jahren. Dort, wo Junge in der etablierten Politik arbeiten, gibt es kaum mehr als ein schön zu verfolgendes aber bedeutungsloses Feuerwerk. Die Jungparteien prägen mit lauten Forderungen wie der 25-Stunden-Woche die Medien, haben realpolitisch aber kaum Einfluss.

MEI, Brexit und Trump—drei wegweisende Entscheide. Die MEI für die Schweiz, der Brexit für Europa, Trump für die Welt. Wie lange die Folgen nachwirken werden, ist nicht abzusehen. Von Trump wird bis hin zum atomaren Schlag alles erwartet. Der Brexit gilt für manche als Anfang vom Ende der EU, die unserem Kontinent die längste Friedensphase der jüngeren Geschichte brachte. Und wie und mit welchen Konsequenzen die MEI umgesetzt wird, ist immer noch nicht klar. Sicher ist aber: Ihre Annahme brachte sogar wirtschaftliche Forschungsstellen dazu, vor den langfristigen Folgen der Initiative zu warnen. Jene, die am längsten mit all diesen Konsequenzen leben müssen, sind aktuell kein prägender Teil des Systems.

Das liegt nicht nur daran, dass die Jungen stimmfaul sind, sondern auch an Dimensionen, die niemand von uns beeinflussen kann: Die Bevölkerung der Schweiz veraltet. Während vor einigen Jahrzehnten die Älteren einen geringen Anteil an der Bevölkerung ausmachten, sind sie heute in der Überzahl. Vergangenheitsorientierte, protektionistische Positionen bezwingen also auch demografisch gesehen die zukunftsgerichteten und weltoffenen.

Die Bevölkerung der Schweiz wird immer älter | Grafik vom Bundesamt für Statistik

Die Jungen weigern sich also nicht nur, am etablierten System teilzunehmen, sie sitzen auch am kürzeren Hebel. Dieses Problem ist durchaus bekannt und wird auch diskutiert. Organisationen wie der Dachverband Schweizer Jugendparlamente (DSJ) haben es sich zum Ziel gesetzt, Junge vermehrt in die Politik zu holen. "Die Komplexität der politischen Themen und die häufig zu komplizierte Sprache überfordern die jungen Bürgerinnen und Bürger", schreibt Ladina Caprez vom DSJ auf Anfrage von VICE. "Mit dem Projekt easyvote setzt der DSJ genau dort an." Auf der Homepage von easyvote werden aktuelle politische Themen und die demokratischen Prozesse simpel erklärt. Die Politikwissenschaftler Sarah Bütikofer und Georg Lutz beurteilen die Erfolgschancen von Informationsprojekten wie easyvote weniger optimistisch: "Einfachere Informationen zu den Wahlen und spezielle Kampagnen für Junge haben zwar das Potential, die Beteiligung zu steigern, sie erreichen aber vor allem jene, die bereits für Politik sensibilisiert sind."

Die Politologen sehen hingegen in der politischen Bildung grosses Potential. Diese habe in der Schweiz aber lange ein Mauerblümchendasein gefristet—"Diesbezüglich besteht ein gewisser Nachholbedarf." Das hat auch der DSJ erkannt. Caprez sagt gegenüber VICE, der Dachverband arbeite daran, die politische Bildung an Schulen mit konkreten und für Lehrerinnen und Lehrer einfach umzusetzenden Angeboten zu fördern. Sie ergänzt: "Wie sich in verschiedenen Studien gezeigt hat, ist das Elternhaus nach wie vor jener Ort, wo junge Erwachsene am 'erfolgreichsten' politisiert werden." Dort seien jedoch die Eltern gefragt, ihre Aufgabe als Bürger wahrzunehmen.

Doch nicht nur Junge selbst, auch Vertreter älterer Generationen sind sich dem Problem bewusst. In der etablierten Politik stossen ihre Ideen jedoch nur selten auf offene Ohren.

Die Zürcher SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr schlug etwa nach dem Brexit-Ja vor, die Stimmen von Jungen stärker zu gewichten. "Mein Vorschlag ist, dass 18- bis 40-Jährige zwei Stimmen, 40-bis 65-Jährige anderthalb Stimmen und über 65-Jährige eine Stimme erhalten", sagte sie dem Tages-Anzeiger. Junge müssten länger mit politischen Entscheiden leben und seien zudem in der Bevölkerung unterrepräsentiert. Ihr Vorschlag stiess auf wenig Gegenliebe. Sogar sämtliche Jungparteien distanzierten sich vehement von Fehrs Vorschlag. Die demokratische Legitimation sei nur durch den Grundsatz "ein Bürger, eine Stimme" gegeben, betonten Juso und Junge SVP. "Nur, weil die Jungen künftig noch mehr zu einer Minderheit werden, muss man nicht das Stimmrecht anpassen", der Präsident der Jungfreisinnigen Andri Silberschmidt.

Ein weiterer Diskussionsansatz stammt von Lukas Rühli, einem Vertreter des liberalen Think Tanks Avenir Suisse. Er schlug vor, das Stimmrecht auch auf Kinder auszuweiten. Deren Stimmen würden bis zur Volljährigkeit ihren Eltern übertragen. Lukas Rühli erklärte: "Die Eltern tragen die Verantwortung für ihre Kinder. Sie müssen zahlreiche andere Entscheide zum Wohl ihres Nachwuchses fällen, welche diesen vielleicht nicht immer gefallen. Die Kinder haben zahlreiche Rechte, aber bis zur Volljährigkeit werden diese von ihren Eltern wahrgenommen." Die etablierten Parteien lehnten den Vorschlag durchs Band diskussionslos ab.

Der Vorschlag des Präsidenten der Rückversicherungsgesellschaft Swiss Re Walter Kiehlholz setzt ebenfalls bei der Ausweitung der Stimmrechte an. "Etwa 1.3 Millionen Menschen—die allermeisten davon berufstätig—dürfen nicht abstimmen, weil sie Ausländer sind", sagte er gegenüber der Schweiz am Sonntag. "Die urbane Schweiz ist in der Minderheit, obwohl sie entscheidend ist für unsere Wirtschaftskraft. Leider gewinnt so in Abstimmungen meistens der Pessimismus." Ein Nebeneffekt dieser Massnahme: Das Durchschnittsalter der Stimmbevölkerung würde sinken. Während Schweizer im Durchschnitt 43 Jahre alt sind, liegt das Durchschnittsalter bei Ausländern bei 37 Jahren. Doch auch dieser Vorschlag scheint an den derzeitigen Realitäten zu scheitern: Die meisten Versuche, ausserhalb der Westschweiz das Stimmrecht für Ausländer einzuführen, scheiterten—2013 lehnten etwa im Kanton Zürich 75 Prozent der Stimmenden ab, dass Gemeinden das Stimmrecht für Ausländer einführen dürfen.

Die politischen Erdbeben der vergangenen Monate und Jahre zeigen, dass wir ganz grundlegend umdenken müssen. Um die Herausforderung der Zukunft zu meistern, müssen wir auch Ideen diskutieren, die in der etablierten Politik auf wenig Gegenliebe stossen. Denn egal wie die Antwort auf diese Herausforderungen letzten Endes aussehen mag. Klar ist spätestens seit am Mittwochmorgen Trump als Präsident vor die Weltöffentlichkeit trat: Wir brauchen eine. Der nächste Trump, der nächste Brexit, die nächste MEI kommt bestimmt.

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