Alle Fotos von Mathieu Ménard

Wir waren bei einem Ritual im Wald mit modernen Druiden und Druidinnen

"Viele, die zu uns kommen, haben absurde Vorstellungen und wollen zaubern. Das ist wahnsinnig."

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14 Januar 2019, 8:26am

Alle Fotos von Mathieu Ménard

Auf einer Waldlichtung steht eine Handvoll Druiden, die Augen zum Gebet geschlossen. Regen prasselt laut auf die Bäume und das Gras, er durchnässt ihre weissen Gewänder, aber sie scheinen nichts davon zu merken. Unter den Gewändern tragen sie Jeans und Turnschuhe, denn wir befinden uns nicht in der Antike, sondern Ende September 2018 in Frankreich. Ihr Ritual zur Tag- und Nachtgleiche, mit Feuer, Weihrauch und einem Drachentotem, meinen die Druiden trotzdem ernst.

Einer von ihnen: der Franzose Lanon. Er lebt in Val-d'Oise, etwa eine Stunde nördlich von Paris. Lanons Haus dient als Treffpunkt für die örtliche druidische Vereinigung, die "Clairière Bellovaque" – das bedeutet "Waldlichtung der Bellovaker", nach einem gallischen Stamm, der zu Caesars Zeiten in dieser Region lebte.

Zauberei und magische Tränke – beim Wort "Druide" denken viele schnell an Figuren wie Miraculix aus den Asterix-Comics. Dabei gab es diese Menschen vor Tausenden Jahren in der keltischen und gallischen Kultur wirklich. Und die Asterix-Autoren lagen gar nicht mal so daneben: Wie Miraculix dienten die echten Druiden – und einigen Quellen zufolge auch Druidinnen – ihren Volksstämmen als fürstliche Berater, Richter, Lehrer, Heiler und Geistliche. Heute gibt es Menschen, die das Druidentum wiederbeleben. Oder sich zumindest eine moderne Version davon stricken.

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Optisch hat der 67-jährige Lanon nichts gemeinsam mit rauschbärtigen Miraculixen und Gandalfs: Er hat kurzes, weisses Haar, eine dicke Brille und einen Wohlstandsbauch. Sein Name ist Bretonisch – die einzige keltische Sprache in Kontinentaleuropa – für "heilige Lichtung". Die Bellovaker, Lanons druidische Vereinigung, besteht aus zwölf Personen im Alter von 27 bis 67. Sie arbeiten in sehr unterschiedlichen Bereichen – Vertrieb, öffentlicher Dienst, Fitness. Aber alle haben sich beim Eintritt in die Druiden-Gemeinschaft bretonische Namen gegeben, wie Imrinn, "poetische Masseinheit", oder Huel doch' gescoët, "die Kraft des Spechts".

Auch Lanons Ehefrau Gwenfea – "weisse Fee" – ist dabei. Sie arbeitet in der Immobilienbranche und ist klein, blond und zurückhaltend. Ihr Sohn Kélios – "Kämpfer" – ist 43 und Labortechniker. Seit 15 Jahren studiert er das Druidentum, aber ein richtiger Druide wie sein Vater ist er noch nicht. Sein Rang heisst "Ovate", das ist bei Lanons Gruppe eine Vorstufe. Die Tag- und Nachtgleiche an diesem verregneten Abend Ende September ist für Kélios eine besondere: Er will die anderen bitten, ihn zum Rang des Druiden zu befördern.

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Um zum Druiden oder zur Druidin zu werden, muss man in der Bellovaque-Gruppe mindestens zehn Jahre in die Lehren investiert haben und älter als 40 sein. Lanon sagt, es gebe einige Interessierte mit falschen Erwartungen. "Viele, die zu uns kommen, haben absurde Vorstellungen von unserer Weltanschauung und wollen zaubern. Das ist wahnsinnig." Stattdessen gehe es ihm und seinen Leuten um lebenslanges Lernen, Meditieren und ein eingehendes Studium alter Symbole, Legenden und Mythen.

Lanon erzählt, Mitglieder lernen im Laufe der Jahre, mit Heilpflanzen, Steinen oder Magnetismus umzugehen. Die Aufgabe eines Druiden sei es, anderen dabei zu helfen, ihr eigenes Potential zu verstehen. "Ein Gärtner wünscht sich, dass seine Pflanzen so gut gedeihen, wie sie können – und das wünschen sich Druidinnen und Druiden für ihre Schüler", sagt Lanon.

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"Natürlich sahen die Bräuche unserer Vorfahren völlig anders aus", sagt Lanon hinterher gegenüber VICE. Seine Gruppe konzentriere sich heute auf die Energien der Natur. Niemand wird verurteilt, alle verdienen Respekt: Frauen, Männer, Pflanzen, Tiere und Steine. Für ihre Dienste Geld zu verlangen, wäre gegen die Prinzipien der Gruppe. Lanons Sohn Kélios zum Beispiel mache aus eigenem Antrieb mit, sagt er. "Wir versuchen niemanden zu überzeugen. Mein Ältester hat sich gegen die Tradition entschieden." Das müsse jede Person mit sich selbst ausmachen.

An diesem Abend, an dem Kélios die anderen bitten will, ihn als echten Druiden aufzunehmen, verlassen die Bellovaker Lanons und Gwenfeas warmes Haus und laufen zu einer Waldlichtung mit Steinmarkierungen. Hier steht eine grosse Eiche, die der Gruppe heilig ist. Manche Gruppenmitglieder tragen eine Saie, eine lange Tunika aus weissem Leinen, über ihrer normalen Kleidung. Sie stellen zwei runde Tische mit weissen Tischtüchern auf. Der eine Tisch ist für die Männer, darauf stehen zwei Holzschüsseln mit Salz, Kohle, Wasser und Weihrauch – für die vier Elemente – und Brot, ein Symbol fürs Teilen. Auf dem Tisch der Frauen: Kerzen und ein kleiner Kessel, für den Kreislauf des Lebens.

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Zu Beginn der Zeremonie wird der heilige Ort gereinigt: Der Druide Sira Lucna hält das Totem der Gruppe, einen hölzernen Drachen, an dem grüne, violette und blaue Bänder hängen, die gesamte Gruppe folgt ihm mehrmals im Kreis um die Lichtung.

Danach nehmen alle vorher festgelegte Positionen ein. Lanon, Gwenfea und Kélios holen einen Plan für die Zeremonie und gedruckte Gebete aus einem Koffer. Die Druidengruppe ruft die vier Elemente an, zollt den Toten Respekt und sagt Litaneien auf: Eine Person betet vor, der Rest antwortet. Immer wieder trinken sie aus einem Horn. Regen und Kälte scheinen den Druiden nichts auszumachen.

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Dann ist Kélios' Moment gekommen. Er bittet die versammelten Mitglieder einzeln, ihn zum Druiden zu ernennen. Jede Person stimmt zu, indem sie ihren Daumen an seinen drückt. Kélios' neuer Rang bedeutet, dass er gleich für ein Jahr der symbolische "Anführer des Clans" ist. Die anderen krönen ihn mit einem Kranz aus Eichenblättern.

Nacheinander legen die Bellovaker Symbole für das vergangene Jahr – eine Eichel und ein Blatt – in den Kessel und verbrennen sie, ein Symbol für den Lebenszyklus. Das Brot wird geteilt, ein Stück davon legen sie am Fusse der heiligen Eiche ab, als Gabe für die Toten. Dann stellen sich alle in einem engen Kreis auf, die Arme verschränkt und Hand in Hand, und beten mehrere Minuten lang mit geschlossenen Augen.

Lanon verkündet das Ende des Rituals. Sira Lucna hebt das Drachen-Totem auf und alle gehen ein letztes Mal still im Kreis um die Lichtung. Küsse und gute Wünsche werden ausgetauscht, dann kehrt die Gruppe zu Lanons Haus zurück. Angeführt vom Neudruiden Kélios mit seiner Krone.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE FR.