Junge Brasilianer über ihre Angst wegen des neuen Präsidenten Jair Bolsonaro

"Ich wünsche mir ein Land, in dem Schwarze und LGBTQ-Menschen frei leben können. Als Frau will ich hier nicht ständig Angst davor haben, dass man mich vergewaltigt."

von Gislene Ramos
02 November 2018, 11:14am

Alle Fotos: Felipe Larozza / VICE Brazil

Am Dienstag gingen Tausende junge Menschen im brasilianischen São Paulo auf die Strasse. Ihr Protest richtete sich gegen die radikalen Ansichten von Jair Bolsonaro, ihrem frisch gewählten Präsidenten. Laut den Organisatorinnen und Organisatoren der Demonstration zogen über 20.000 durch die Metropole. Mit ihrem Leitruf "Ele Não" ("Nicht er") und Schildern gegen Faschismus, Hass, Hetze, Homofeindlichkeit und Rassismus forderten die jungen Leute Veränderungen. Auch prominente Politiker waren da und begeisterten die Massen mit ihren Reden.

Unsere Kolleginnen und Kollegen aus Brasilien haben mehrere Demonstranten und Demonstrantinnen gefragt, was sie sich angesichts der gestarteten Protestbewegung von den kommenden vier Jahren erhoffen.

Erica Santana, 18

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Erica Santana

"Wir gehen auf die Strasse, um zu zeigen, wie wir uns fühlen. Bolsonaro hat zwar die Wahl gewonnen, aber wir kämpfen trotzdem weiter für unsere Rechte. Ich hoffe, dass unsere Freiheit weiter bestehen bleibt. Wir sollten keine Angst haben müssen, nur weil wir homosexuell sind. Ich wünschte, dass die Leute sich hier ohne Furcht frei ausleben könnten. Ich will in einer Welt leben, in der die Menschen offen sind und sich gegenseitig respektieren."

Daiane, 19

Daiane, 19 anos
Daiane

"Ich kämpfe und leiste in einem Land Widerstand, in dem immer noch sehr viele Vorurteile herrschen. Ich wünsche mir ein Land, in dem Schwarze und LGBTQ-Menschen frei leben können. Als Frau will ich hier nicht ständig Angst davor haben, dass man mich vergewaltigt. Ich will mit meinen Freunden rausgehen können, ohne irgendetwas befürchten zu müssen. Ich kämpfe dabei nicht nur für mich selbst. Ich kämpfe für alle meine Freunde und für die Menschen, die jetzt Angst haben.

Ich glaube nicht, dass alle Leute, die für Bolsonaro gestimmt haben, auch Faschisten sind. Manche von ihnen wissen einfach nur nicht weiter und haben sich nicht richtig informiert. Meiner Meinung nach wird Bolsonaro in den kommenden vier Jahren als Präsident nicht viel verändern. In seinen 27 Jahren als Kongressabgeordneter hat er das ja auch nicht getan."

Julia Bernardino, 17

Julia Bernardino, 17 anos
Julia Bernardino

"Ich lebe in einer Gegend mit geringem Durchschnittseinkommen ausserhalb der Stadt. Ich bin heute hier, weil ich weiss, dass die zukünftige Regierung faschistische Züge hat und Minderheiten unterdrücken will. Ich habe keine Angst vor Bolsonaro, sondern vor den Menschen, die ihn gewählt haben. Das sind Fanatiker und Radikale, die nur Hass kennen. Leute, die sich früher nie als homofeindlich oder rassistisch geoutet hätten, kommen jetzt aus ihren Löchern. Ich will keine Regierung, die Minderheiten unterdrückt. Ich finde das furchtbar schlimm für die brasilianische Bevölkerung."

Gabriela Cristina, 19

Gabriela Cristina, 19 anos
Gabriela Cristina

"Bolsonaro ist ein extrem rassistischer, frauenfeindlicher und homofeindlicher Mensch. Ich glaube, dass ihn viele Leute gewählt haben, ohne darüber nachzudenken. Meine Eltern zum Beispiel. Jetzt demonstriere ich hier. Die letzten Tage waren nicht einfach für mich, aber ich muss mich der Realität stellen und versuchen, etwas zu verändern. Diese weisse Rose ist jetzt ein Symbol für unsere Hoffnung auf Frieden."

Ana, 18

Ana, 18 anos
Ana

"Ich bin eine nicht heterosexuelle Frau mit Behinderung, die am Rande der Stadt lebt. Ich gehöre somit einer soziopolitischen Minderheit an. Ich bin hier, um zu zeigen, dass es mich gibt. Die Leute, die für Bolsonaro gestimmt haben, müssen erkennen, dass ich hier nicht alleine bin. In Momenten wie diesen dürfen wir nicht klein beigeben und alles stumm hinnehmen. Wir fühlen uns hier immer noch willkommen.

Einen Menschen zu wählen, der Gewalt befürwortet, steht im Widerspruch zu all den Dingen, für die wir stehen. Jeder kennt jemanden, der einer Minderheit angehört. Ja, ich habe Angst. Die Jazz-Pianistin Nina Simone hat aber mal gesagt, dass Freiheit für sie bedeute, keine Angst zu haben. Und ich habe keine Angst davor, mich meinen Ängsten zu stellen."

Rodrigo, 25

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Rodrigo

"Ich demonstriere heute hier, um mich für die Menschen einzusetzen, die angegriffen und in die Ecke gedrängt werden. Sie müssen sich ihre eigenen Räume schaffen, damit unsere Gesellschaft vielfältig bleibt. Ich hoffe, dass alle Minderheiten, deren Rechte jetzt in Gefahr sind, ebenfalls auf die Strasse gehen und zeigen können, dass wir durch Frieden Widerstand leisten. Kein einziges Leben und kein einziges Recht wird uns weggenommen werden!"

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE BR.