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10 Fragen

10 Fragen an einen Wrestler, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Wie entscheidet ihr vor dem Kampf, wer gewinnt? Nimmst du Anabolika? Wie homoerotisch ist Wrestling?

von Tim Geyer
04 Juli 2017, 8:19am

Foto: Rebecca Rütten

Crazy Sexy Mike heisst eigentlich Hussein Chaer. Wrestling ist für ihn mehr als 80er-Jahre-Klischees – sagt er –, auch wenn sein Name danach klingt. In der deutschen Wrestlingszene ist der 40-Jährige eine Berühmtheit. Er ist Wrestler, Manager, Trainer in seiner eigenen Wrestlingschule, Schauspieler, Stuntman, Veranstalter und laut eigener Aussage "der grosse Vater für viele, die Probleme haben". Inzwischen hat er mehrere Schwergewichtstitel geholt.

Einer seiner Wrestlingschüler hat gerade den Sprung in die Staaten geschafft: Alexander Wolfe tritt jetzt in der amerikanischen WWE auf. Ein anderer GWF-Wrestler, Cash Money Erkan, war vor Kurzem in der Gangsterserie 4 Blocks zu sehen.

Bereits Crazy Sexy Mikes Vater war im Libanon Profiwrestler. Gemeinsam mit seinem Bruder Ahmed betreibt Mike seit fast 22 Jahren eine eigene Wrestling-Promotion und veranstaltet Kämpfe. Die German Wrestling Federation (GWF) hat ihren Sitz auf dem ehemaligen Gelände der Berliner-Kindl-Brauerei in Neukölln. An den Wänden des Büros hängen Plakate von Kämpfen, auf einem Schrank thront ein riesiger Pokal, daneben stapeln sich Kisten mit GWF-Shirts. "Du stellst jetzt hier böse Fragen, ja?", sagt Crazy Sexy Mike und lehnt sich grinsend in seinem Chefsessel zurück. "Dann wäre meine Gegenfrage, ob du hier wieder gesund rauskommst. Aber mach ruhig."

Vielleicht sollten wir an der Stelle auch erwähnen, dass es im Wrestling ein ziemlich altmodisches Prinzip namens "Kayfabe" gibt, das so viel besagt wie: "Erzähl niemals irgendwelchen Noobs die Wahrheit darüber, wie Wrestling funktioniert und behaupte hartnäckig, dass nichts davon abgemacht ist." Während in den USA Wrestler längst als Entertainer auftreten und gegenüber Medien "Kayfabe brechen", ist man da in Europa manchmal noch ein bisschen old-school und versucht, das Business gegenüber Unwissenden zu "schützen". Das solltet ihr bei den Antworten im Hinterkopf behalten.

Oder anders gesagt: Es gibt einen Grund, warum hier steht, dass Crazy Sexy Mike und nicht Hussein Chaer unsere Fragen beantwortet hat.


Auch bei Vice: Liebe zum Spiel – Crazy Sexy Mike


VICE: Wie entscheidet ihr vor dem Kampf, wer gewinnt?
Crazy Sexy Mike: Bei uns gibt es keine Abmachungen. Derjenige, der keine Luft mehr hat oder nicht mehr kann, bleibt liegen. Das ist in Deutschland anders als in den USA. In den Staaten hast du einen Zwei- bis Zehnjahresvertrag, egal ob du verlierst oder nicht. Dort gewinnt dann der, der am besten in der Show zieht. Aber in Deutschland sind wir selbstständig und nur wenn ich bei einem Promoter [einer Firma, die Wrestler managt und Kämpfe veranstaltet] Champion bin, müssen die mich weiterhin buchen. Wer gibt da freiwillig einen Titel ab? Wir proben die Kämpfe auch nicht.

Wenn ihr euch einen Stuhl über die Rübe zieht, ist der angesägt, oder?
Nein. Wir ziehen ihn total durch. Schmerzen sind nur Gefühle, und mit denen müssen Wrestler umgehen können. Wenn man das nicht aushält, sollte man weder wrestlen noch boxen oder Karate machen.

Woran erkennt man gespielte Schmerzen?
Ich hoffe doch, gar nicht. Aber wir setzen da auch keine Tricks ein. Dort, wo hingelangt wird, tut es weh. Wir Wrestler zeigen unsere Schmerzen dem Publikum, um uns gut zu verkaufen, während andere Kampfsportler versuchen, sie zu verstecken. Deswegen ist bei uns das Publikum auch lauter als beim Boxen. Da wird es nur laut, wenn einer angeknockt ist oder Schmerz zeigt. Aber wenn Wrestler beim Fallen schreien, liegt das nicht an den Schmerzen. Du musst schreien, damit die Luft aus der Lunge kommt und sie sich nicht staucht.

Crazy Sexy Mike in Aktion | Foto: Grey Hutton

Nimmst du Anabolika, um Muskeln aufzubauen, oder Aufputschmittel vor Kämpfen?
Ich hab mal Anabolika genommen, da bin ich ganz ehrlich. Mir ging der Muskelaufbau nach einer Verletzungspause nicht schnell genug. Ich würde trotzdem jedem davon abraten. Es wirft deine Hormone durcheinander. Anabolika schalten in dem Zeitraum, in dem du sie nimmst, dein Eigen-Testosteron aus und das ist dann schwer wieder zu regenerieren, vor allem wenn du keine Ahnung hast. Das kann zu Schlafstörungen, Angstzuständen, Depressionen und Erektionsstörungen führen. Und keiner nimmt Aufputschmittel oder Schmerztabletten vor Kämpfen. Du musst es spüren und wissen, wo dein Grenzen sind. Sonst kann es sein, dass du während des Kampfes einfach tot umkippst.

Warum machst du keinen richtigen Kampfsport?
Hier sind so viele Kampfsportler mit einer Riesenschnauze reingekommen und haben diese Frage gestellt. Die haben nicht einen Tag überlebt. Einmal kam ein 120-Kilo-Mann ins Training. So ein richtiges Vieh, ein Bodybuilder. Er wollte Wrestler werden, sofort Geld verdienen und richtig gross rauskommen. Er meinte, er hätte es schon drauf. Dann hab ich ihm einen ganz dünnen 60-Kilo-Mann gegenübergestellt und meinte, wenn du den platt machst, kriegst du sofort Kohle von mir. Es hat nicht mal 30 Sekunden gedauert, da lag der Hühne am Boden. Du darfst keine Arroganz zeigen. Du musst Schauspieler sein und einen Charakter verkörpern. Aber du musst im Wrestling so viel Disziplin haben wie in keiner anderen Sportart. Neben dem richtigen Fallen lernen unsere Schüler zuerst klassisches Ringen, bevor sie überhaupt irgendwas anderes machen dürfen. Ich würde mich in erster Linie als Sportler bezeichnen. Dann als Kampfsportler und Entertainer.

Wie homoerotisch ist Wrestling?
Wrestling ist überhaupt nicht homoerotisch, weil du im Kampf generell alles ausschaltest. Da gibt es keine Gefühle. Bei uns haben auch Schwule trainiert, aber da hat sich auch keiner gedacht, dass er sich von denen nicht anfassen lassen will. Wir trainieren und kämpfen auch mit Frauen. Man versucht natürlich, die Frau nicht da anzufassen, wo sie es nicht möchte. Aber wenn wir da sexistisch denken würden, also die Frau weniger hart angehen als einen Mann, wäre das natürlich auch nicht gut. Sex und seine Auslebung sind eine Sache und der Sport ist etwas ganz anderes.

Wegen seines Rückens macht Mike gerade wieder eine Verletzungspause | Foto: Grey Hutton

Hast du dich schon mal für eines deiner Outfits geschämt?
Ich schäme mich für die alten Sachen, aus den Anfangstagen. Ich nannte mich "White Ninja". Als "Ninja" trug ich eine weisse Sturmmaske und einen billigen Kampfanzug. Es sah scheisse aus, war billig und ich habe genau das gemacht, was ich heute verurteile: Ich war ein Turnschuh-Wrestler. Das sind Leute, die kein Outfit haben, sondern Strassenklamotten oder von der Stange kaufen.

Wird Backstage gesoffen und gekokst?
Eigentlich ist das tabu. Bei unseren Shows wirst du im Backstage noch nicht mal zu viele Kohlenhydrate oder Softgetränke sehen. Es gibt Wrestler, die vor der Show heimlich trinken, und ich habe schon Kollegen besoffen im Ring gesehen. Aber eigentlich gibt es die Regel: Wenn ihr trinken wollt, dann nach der Show. Ich selber trinke gar keinen Alkohol. Ihr dürft nur nicht immer das amerikanische Wrestling mit dem deutschen gleichsetzen. Die Amerikaner haben einen ganz anderen Druck. Wenn die verletzt sind, kann die Karriere vorbei sein. Davor haben sie Angst und nehmen dann lieber Schmerzmittel und Drogen, um am Ball zu bleiben.

Wann hast du das letzte Mal geweint?
Da war ich auf Anabolika. Da hast du so komische Phasen, wenn du damit runtergehst und die Hormone verrückt spielen. Ich habe Armageddon geguckt und habe geheult.

Sind Wrestler am Ende ihrer Karriere körperliche Wracks?
Meistens schon. Ich weiss jetzt schon, dass ich ziemlich viele Probleme haben werde, wenn ich alt bin. Meinen linken Arm kann ich nicht mehr richtig drehen. Ich habe ihn mir bei einer Rückwärtsrolle an zwei Stellen gebrochen. Ich bin sechs Monate lang damit rumgerannt und hab noch vier Kämpfe damit bestritten. Ich hab mir ein Lineal raufgeklatscht, das zugetapet und bin rein. Würde ich aber nicht jedem raten. Ausserdem hatte ich schon zweimal einen Trommelfellriss, eine Schulterverletzung und jetzt gerade einen verletzten Rücken. Aber um Angst um meine Gesundheit zu haben, ist es jetzt zu spät.

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