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Ein Schweizer Erfinder könnte gerade das Leben von Rollstuhlfahrern revolutionieren

Teile aus dem 3D-Drucker sollen den Rollstuhl bezahlbar machen.

Kamil Biedermann

Kamil Biedermann

Alle Fotos von Reto Togni

Für einen Menschen, der durch Unfall oder Krankheit querschnittsgelähmt wurde, sind die Arme das wichtigste Mittel zur Fortbewegung. Damit Querschnittsgelähmte alltägliche Dinge erledigen können, müssen ihre Hände möglichst frei bleiben. Genau hier liegt das Problem von handelsüblichen Rollstühlen: Um sie zu manövrieren, braucht es stets beide Hände – beschleunigst du bei einem Rollstuhl lediglich auf einer Seite, wirst du dich einfach nur im Kreis drehen. Für den Grossteil der Menschen selbstverständliche Dinge wie unterwegs sein Handy zu bedienen oder einen Kaffee zu trinken, sind für Gehbehinderte deswegen nicht möglich.

Um einen gewöhnlichen Rollstuhl zu lenken, muss der Rollstuhlfahrer zudem während der Fahrt einen der Reifen abbremsen. Was für einen Gehenden auf den ersten Blick banal erscheint, ist für Rollstuhlfahrer auf Dauer ein Problem: Bei jeder Lenkbewegung geht durch das Bremsen Energie verloren – und das kann sich über einen ganzen Tag ganz schön summieren. Trottoirs, die abschüssig gebaut werden, damit Regenwasser abfliessen kann, bewirken bei einem Rollstuhl das gleiche wie bei einem Einkaufswagen: Sie lassen den Fahrer stetig zur Seite abdriften.

Das seit vielen Jahren gültige Konzept des Rollstuhls stellt der Schweizer Designer Reto Togni jetzt in Frage. Er hat einen Rollstuhl entwickelt, der eine feste Vorderachse besitzt und sich durch seitliches Kippen mit dem Oberkörper steuern lässt. Der Vorteil dabei: Die Hände des Rollstuhlfahrers bleiben frei. "Anstatt wie ein gewöhnlicher Davoser-Schlitten, bei dem man mit den Füssen durch bremsen lenkt, manövriert sich der Rollstuhl wie ein Bob mit Lenkvorrichtung", erklärt Reto VICE. Klinische Studien hat Reto für seinen "Reagiro" zwar noch keine, doch erste Testpersonen bestätigten ihm schon einen therapeutischen Effekt: Durch die Steuerung mit dem Oberkörper wird der Rumpf des Rollstuhlfahrenden gestärkt.

Auch der Rollstuhlrugbyspieler Edwin Ramirez zeigt sich am neuen System interessiert, wenn auch mit Abstrichen: "Ich bin skeptisch, ob dieser Mechanismus robust genug für Sportarten wie Rollstuhlrugby oder -basketball ist. Da könnte diese Flexibilität sogar hinderlich sein. Für den Alltagsgebrauch stimmt mich diese Erfindung – wenn die Rollstühle denn auch bezahlbar sind – durchaus hoffnungsvoll", erklärt er VICE auf Anfrage.


Hier erklärt ein Gynäkologe aus der Schweiz, wie er Querschnittsgelähmte wieder zum Gehen bringt:


Ein konventioneller Rollstuhl kostet heute bis zu 10.000 Franken, da viele Teile für die Behinderung und den Körperbau des Fahrers angepasst werden müssen. Reto Togni hat seinen Rollstuhl so geplant, dass die anzupassenden Teile mit 3D-Druckern produziert werden können und dadurch günstig für den individuellen Nutzer herzustellen sind. Über den Rollstuhlspitzensport möchte Reto seine Erfindung – die seine Abschlussarbeit am Imperial College und Royal College of Arts in London ist – auch für den Alltagsnutzer etablieren. Und so vielleicht mit einer kleinen Idee das Leben von einigen Millionen Menschen mit Behinderung erleichtern.

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