Warum euer EU-Fetisch nur noch zum Kotzen ist

Die EU ist in Wahrheit ein riesengrosser Haufen dampfender Stierscheisse.

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15 Mai 2019, 11:20am

Screenshot: Facebook

Wenn man der etwas fragwürdigen Geschichtsschreibung glauben darf, ist es ungefähr 3.000 Jahre her, dass der griechische Gottvater Zeus sich in einen Stier verwandelte, um die junge Königstochter Europa zu entführen. Weird flex, but OK. Mehrere tausend Jahre später ist Europa erneut das Opfer von zweifelhaften Gestalten, die sich ohne jegliche Scham mit ihr beziehungsweise ihrem Namen schmücken.

Von Günther "Ich bin nicht happy, aber glücklich" Oettinger, über den Posterboy der studentischen WG-Küchen Jan Böhmermann und Muttis Lieblingsschauspieler Lars Eidinger, bis zu EU-Fangirl Sophie Passmann, Yung "Zalando" Hurn, Polit-Experte Jay Z oder Philipp Amthor, dem ältesten Menschen der jemals in einem jungen Körper gefangen war – Europa begeistert sie offenbar alle. Und sie alle tragen zur Zeit folgerichtig und voll tumber Glückseligkeit, einen blauen EU-Hoodie. Wahlkampf nennt man das anscheinend. Heiko Maas, der auch gerne mal im Midlife Crisis-Outfit zu Pressekonferenzen erscheint, lässt sich gar mit einer überdimensionalen Europa-Fahne ablichten.


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Denn Europa ist toll. Und im Idealfall auch trendy und fresh und überhaupt. Zumindest wird uns das zur Zeit mit einer überbordenden Vehemenz verkauft und von so gut wie niemandem bezweifelt. Geht wählen Leute, denn die EU ist unser aller Zukunft und Hort der Freiheit! Wenn doch mal jemand gegen die EU ist oder die Institution einfach in Frage stellt, gerät er oder sie schnell in den Verdacht des Nationalismus. Während man in der Schule lernen sollte, alles zu hinterfragen, werden bei Themen wie Europa ganz klare Grenzen des Zweifels gezogen. Jeder wie er will, aber so nun nicht.

Das Problem an diesem Schmierentheater ist nur: Europa beziehungsweise die EU ist ein riesengrosser Haufen dampfender Stierscheisse, ein patriarchaler Zeus im Schafspelz. Und vor allem ist der EU-Fetisch alles andere als antinationalistisch. Vielmehr handelt es sich bei der Dauerberieselung um einen glasklaren, umgewälzten Nationalismus. Dort die bösen Amerikaner/Russen/Chinesen (choose your fighter) und hier wir: Das aufgeklärte Abendland, die Verteidiger der Demokratie.

Leider hält dieses Bild nicht einmal der geringsten Überprüfung stand. Während wir – vollkommen zurecht – empört mit dem Finger auf Trump und seine Flüchtlings-Käfige zeigen, ertrinken tagtäglich Flüchtlinge im Mittelmeer oder erleiden unvorstellbare Qualen in den von der EU finanzierten libyschen Folterknästen. Während jeder Deutsche genau zu wissen meint, dass Chinesen aus Prinzip die Luft verpesten und Flüsse vergiften, verpasst Deutschland und auch die EU zum wiederholten Mal die selbst gesteckten Klimaziele. Dass Journalisten in Russland immer wieder immensen Gefahren ausgesetzt sind, ist common sense.

Dass in Ungarn, Mazedonien, Moldau, Montenegro und dem Kosovo ähnliche Zustände herrschen, ist hingegen kaum ein Thema. Aber für die meisten gehören diese Länder ja auch irgendwie gar nicht zu Europa. Oder zumindest gehören sie zu einem Europa zweiter Klasse. Und das autokratische Polen? Ungarn? Und was ist eigentlich mit Frankreich, Italien und Griechenland, denen die Bundeszentrale für politische Bildung eine problematische Verflechtung von Medien und Grosskonzernen mit Geschäftsinteressen attestiert? Aber hey, die Pullis sind halt einfach geil. Und so schön inhaltsleer.

Dabei steht die EU für ziemlich viel: Abschottungspolitik, Waffenlieferungen, der stetige Ausverkauf der Menschenrechte – die Liste ist beliebig erweiterbar. Der neuerwachte EU-Fetisch ist nichts weiter als ein Nationalismus auf Umwegen, getrieben von der Grossmannssucht von Politikern und Nationen. Oder können sich all diese Menschen in ihren blauen Pullis, auch vorstellen in einem albernen Pullover mit Deutschlandfahne herumzustiefeln. Nun, Phillipp Amthor bestimmt, aber der Rest?

Sophie Passmann stellt in ihrer Liebeserklärung an Europa vollkommen richtig fest: "Jede politische Kultur bekommt das Kleidungsstück, das sie verdient." Die EU-Fanboys und -girls stecken alte verkrustete Gedanken in neue Gewänder, die so sehr nach Poetry Slammern aussehen und nach Sparkassen-Werbung riechen, dass einem das Kotzen kommt.

Wenn ihr also schon mit Honigpferdgesichtern 60 Euro teure Pullover tragen müsst, die danach aussehen, als wenn ihr euch unbedingt noch zum Hacky-Sack spielen verabreden wollt, dann seid euch doch bitte auch bewusst, was dieser Hoodie aussagt. Denn spätestens als der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, in dem Kapuzenpulli auftrat, hätte man verstehen können, dass das Europa-Emblem kein Zeichen der Gemeinschaft, sondern der Abschottung ist. Und dass es keinen Sinn macht, die EU zu bejubeln.

Denn Machtkonstrukte wie Europa sind nichts weiter als der Versuch, sich im grossen Massstab von den anderen abzugrenzen. Wenn die SPD mit dem Slogan "Kommt zusammen!" für die anstehende Wahl wirbt, in der es übrigens nicht eine relevante Partei gibt, die an den menschenunwürdigen Zuständen, die auch auf diesem Kontinent herrschen, etwas ändern wird, dann ist das nicht nur eine amüsante Empfehlung an Sexualpartner und Sexualpartnerinnen, sondern eine Lüge, die ihresgleichen sucht. Denn Europa ist kein bunter Instagram-Account und kein schicker Pullover, sondern eine Festung der neokolonialen Ausbeutungs- und Verelendungspolitik. Klingt nach Wursthaaren und Steineschmeissern, ist aber nun mal die bittere Wahrheit.

"Europa ist die Antwort", ist eine weitere Phrase der SPD in diesem todestraurigen Wahlkampf. Wow! Das ist natürlich eine total zufriedenstellende Antwort auf dringende Fragen wie: Warum finde ich keine bezahlbare Wohnung? Wer gibt mir einen unbefristeten Vertrag? Wie viel hundert Jahre muss ich arbeiten für eine vernünftige Rente? EUROPA IST DIE ANTWORT!

Wenn ein bescheuerter Pulli und leere Parolen die Antwort sind, dann sollten sich die Einheizer der fröhlichen EU-Parade einfach mal folgende Frage stellen: Auf einer Skala von "Ich mag einfach umgewälzten Nationalismus" bis "Ich wollte auch so hippe Kapuzenpullis wie 90 Prozent der anderen Hampelmänner tragen" – wie sehr feier ich die EU und all das wofür sie steht eigentlich wirklich?

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.