Anzeige
Sprache

Wir haben schwarze Menschen gefragt, was sie vom Begriff 'Mohrenkopf' halten

Und ein Experte erklärt uns, warum der Begriff eben doch rassistisch ist.

von Rebecca Wey
18 September 2017, 12:31pm

Alle Fotos von VICE Media

Mit Schokolade überzogener weicher Schaumzucker, der auf einer Waffel dressiert ist – das klingt zunächst harmlos. Problematisch daran ist seine Bezeichnung: Mohrenkopf. In einigen deutschsprachigen Regionen wird die schaumige Süssigkeit immer noch N****-Kuss genannt. Nun hat sich in der Schweiz das "Komitee gegen rassistische Süssigkeiten" zusammengefunden und eine Petition lanciert, die fordert, dass die Aargauer Firma Dubler ihre Süssigkeit umbenennen soll.

Wir haben Bernhard Schär, Dozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für die Geschichte der modernen Welt an der ETH Zürich und Mitglied am Zentrum Geschichte des Wissens der Universität und der ETH Zürich, gefragt, was es mit dem Begriff des Mohrenkopfs auf sich hat.

"Wer Rassismus abbauen will, muss mit der Sprache beginnen", meint der Historiker. Dass der Begriff "Mohr" rassistisch ist, steht für ihn ausser Frage. Das Schweizerische Idiotikon definiert ihn als Synonym für "N****" – ein Wort, das in der Schweiz seit dem 16. Jahrhundert abwertend konnotiert ist. Entgegen der Aussagen vieler Kritiker, die behaupten, die Kampagne lenke von den "wirklichen Problemen" ab, würde die Petition nicht nur die Firma Dubler, sondern die weisse Mehrheitsschweiz insgesamt zu einer Art Coming-out zwingen. "Will die Schweiz aktiv eine weniger diskriminierende, weniger rassistische Zukunft mitgestalten? Oder aber: Ist sie insgeheim doch mit dem Status Quo zufrieden?", fragt Schär. Einem Status Quo, der Menschen mit weisser Hautfarbe weltweit und auch in der Schweiz stets mehr Chancen auf Bildung, Wohlstand, Gesundheit, Sicherheit und Zufriedenheit einräumt als Menschen mit dunkler Hautfarbe.

Nach dem aufschlussreichen Gespräch mit dem Historiker bin ich auf die Strassen Zürichs gegangen. Mit einem Exemplar der Süssigkeit habe ich bei den Menschen, die von dem Begriff betroffen sind, direkt nachgefragt, was das Wort bei ihnen auslöst.

Yannick, 20

VICE: Fühlst du dich vom Begriff Mohrenkopf diskriminiert?
Yannick: Es geht. Ein Kopf. Mehr ist es eigentlich nicht. Und "Mohren", das hatten wir in der Schule. Ach nein, ich verwechsle es mit Moränen, das ist nochmal etwas anderes.

Mohren gilt als diskriminierende Bezeichnung für Dunkelhäutige.
Davon weiss ich gar nichts.

Deshalb gibt es nun eine Petition, die den Namen ändern möchte. Was denkst du davon?
(Lacht) Ich finde es schon irgendwie übertrieben, wenn man bedenkt, dass die meisten gar nicht wissen, dass Mohren für Schwarze steht. Ich zum Beispiel bin in der Schweiz aufgewachsen und wusste das nicht. OK, dann ist es vielleicht doch besser, wenn der Name geändert wird. Kann ja nicht schaden. Wie sollen wir die Dinger eigentlich nennen? Schokokopf vielleicht?

Dave, 24

VICE: Wie nennst du diese Schokolade hier?
Dave: Ich weiss, auf was das hinausläuft. Es gibt viele Synonyme dafür. Ich würde es Schaumküsschen nennen.

Viele nennen es Mohrenkopf. Findest du das beleidigend?
Der Ursprung vom Wort Mohrenkopf greift mich schon an.

Das "Komitee gegen rassistische Süssigkeiten" will den Begriff jetzt verbieten. Ist diese Idee unterstützenswert?
Ich habe eigentlich andere Sorgen. Aber sollen sie das doch machen.

Möchtest du einen haben?
Ich hätte lieber einen Schluck N****schweiss. So haben sie in den Siebzigern zu Coca Cola gesagt.

Janina, 20

VICE: Fühlst du dich von dieser Süssigkeit angegriffen?
Janina: Das ist Schokolade. Warum sollte ich mich angegriffen fühlen?

In der Schweiz nennt man es Mohrenkopf.
Ach so, jetzt verstehe ich. Wenn man es persönlich nimmt, dann ist es ein Problem. Aber mir selbst ist es egal, ich fühle mich nicht angegriffen.

Anthony, 45

VICE: Wie nennst du das?
Anthony: Das ist ein Kuss.

Im Schweizerdeutschen nennt man dieses Teil Mohrenkopf. Nun hat das "Komitee gegen rassistische Süssigkeiten" eine Petition lanciert, dass der Name geändert werden soll.
Verstehe, ja. Findest du Kuss als Bezeichnung angebrachter? Am Ende ist es nur Schokolade mit Marshmallow. In England ist der Name beispielsweise genau umgekehrt: Wir nennen es "a marshmallow chocolate". Marshmallow ist wichtiger – die Schokolade ist ja eigentlich der offensichtliche Teil davon.

Aathavan, 18

VICE: Wie nennt man diese Süssigkeit hier?
Aathavan: Ich habe keine Ahnung, sorry. Die habe ich schon lange nicht mehr gegessen.

Hier in der Schweiz heissen sie Mohrenköpfe. Sagt dir das was? Kann das verletzend sein?
Ich finde nicht. Wir leben im Jahr 2017, da kann vieles beleidigend sein. Mohrenkopf sagt man halt schon lange. Wie würde man sonst sagen? Mich stört das nicht speziell.

Findest du, wir sollten Mohrenköpfe anders nennen?
Es ist nicht zwingend nötig, die umzubenennen. Man muss jetzt nicht jedes Wort rauspicken und ändern wollen.

Folge VICE auf Facebook und Instagram.

Tagged:
Essen
Schweiz
Rassismus
deutsch
politisch Korrekt
Alltagsrassismus