Einsiedelei

Kein Strom, kein fliessend Wasser: 50 Menschen haben sich auf den Job als Einsiedler beworben

Wir haben uns den Wohn- und Arbeitsplatz des neuen Eremiten von Saalfelden angesehen – und dabei unter anderem erfahren, dass es gar nicht so unwahrscheinlich ist, als Einsiedler erschossen zu werden.

von Paul Donnerbauer
25 April 2017, 6:34am

Alle Fotos: Paul Donnerbauer / VICE Media

Anfang des Jahres hat Saalfelden, ein kleiner Ort im Pinzgau, eine Jobausschreibung veröffentlicht, die es international in die Schlagzeilen geschafft hat: Für die auf 1001 Meter gelegene Einsiedelei am Palfen wurde ein neuer Einsiedler gesucht.

Ein besonderes Jobprofil gab es nicht, die Bewerber sollten allerdings dem christlichen Glauben nahe stehen, ohne Strom, fliessendes Wasser, Computer und Fernseher auskommen und ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten können – denn Gehalt wird für den Job keines gezahlt.

Tatsächlich meldeten sich bis zur Bewerbungsfrist am 15. März trotzdem mehr als 50 Kandidaten aus aller Welt, die das Erbe der über 350 Jahre alten Tradition des Eremiten-Daseins am Palfen antreten wollten. Es folgte ein mehrwöchiges Auswahlverfahren.

Die in den Berg gebaute Einsiedelei in Saalfelden.

Seit Anfang März versuchte ich mehrfach, mit dem Pfarrer von Saalfelden, der neben dem Bürgermeister hauptverantwortlich für die Wahl des neuen Eremiten war, Kontakt aufzunehmen – leider vergeblich.

Weil ich aber trotzdem wissen wollte, wer sich um ein unbezahltes Einsiedler-Dasein bewirbt und ob die Wahl 2017 eher auf Henry David Thoreau, Antonius den Grossen, oder Christopher McCandless fällt, fuhr ich am Osterdienstag mit dem Zug nach Salzburg und von dort weiter mit dem Auto ins zirka 80 Kilometer entfernte Saalfelden.

Ohne Reisepass, dafür mit Grenzkontrolle am Walserberg, die ich – GoogleMaps sei Dank – aber umfahren konnte, kam ich schliesslich immer dem Verlauf der Saalach folgend zu Mittag in Saalfelden an.

Vom Ortsteil Bachwinkl aus beginnt dort der Aufstieg zur Einsiedelei. Allerdings dauerte es einige Zeit, bis ich im Schneetreiben den richtigen Weg fand. Bei dem Wetter war ausser mir weit und breit kein Mensch zu sehen.

Der Weg führt vorbei am Schloss Lichtenberg, das im Jahr 1130 erbaut wurde. Das ehemals von Raubrittern bewohnte Schloss liegt etwas unterhalb der im 17. Jahrhundert erbauten Einsiedelei. 1243 kaufte Erzbischof Eberhard den Raubrittern das Schloss um 400 Mark Silber und 10 Mark Gold ab – die kirchliche Ordnung war wieder hergestellt, im Ort und Wald kehrte wieder Ruhe ein.

Schloss Lichtenberg

Drei Jahrhunderte später wurde das Schloss dann aber während der Bauernkriege gestürmt und angezündet. Die Bauern verloren den Aufstand jedoch und wurden gezwungen, das Schloss wieder aufzubauen.

1816 wanderte das inzwischen wieder baufällig gewordene Schloss in den Besitz des österreichischen Staates, der es 1872 an den Ritter Weiss verkaufte. Heute gehört es dessen Nachkommen und ist die letzte Station vor der Einsiedelei. Unter einem kleinen Unterstand können Spenden für den Einsiedler abgestellt werden und von Besuchern zur Einsiedelei getragen werden.

"Danke sehr" reimt sich hier auf "Einsiedler".

Auch wenn unter dem Unterstand nichts als Laub und Schnee zu finden war, stimmte mich die an einen Holzbalken genagelte Nachricht des Einsiedlers optimistisch, ihn an diesem Osterdienstag noch zu treffen.

Der Weg führte weiter vorbei an kleinen Holztafeln und Gedenkstätten, die an all die in diesem Wald verunglückten Menschen erinnern.

Schon bevor die Einsiedelei ab 1664 vom ersten Einsiedler Thomas Pichler erbaut wurde, pilgerten die Menschen aus der Umgebung zu der Felshöhle, wo heute die Kapelle der Einsiedelei steht, um dem heiligen Georg zu huldigen.

"Christliches Andenken an den tugendhaften Jüngling Anton Kalkschmied welcher am 25. März 1926 tödlich verunglückte in seinem 12. Lebensjahr."

Immer wieder finden sich am Weg durch den Wald daher Marterl und Taferl, die auf die Bedeutung der Einsiedelei als Pilgerort hinweisen. Generell erschien mir dieser Teil des Berges sehr katholisch.

Am meisten beeindruckte mich aber ein Holzhütte mit zahlreichen sogenannten Leichenbrettern an der Aussenwand. Ein mir bis dahin unbekannter alpenländischer Brauch, bei dem die Namen von Verstorbenen samt Gebet auf ein Brett geschrieben werden, das dann wiederum an die Aussenwand eines Stadls, einer Kapelle oder sonstiger Befestigungen genagelt wird.


Dass das Leben als Einsiedler nicht immer ruhig und ungefährlich ist, und vielleicht gerade deshalb der Tod am Weg zur Einsiedelei so omnipräsent ist, zeigt die Geschichte des Steirers Karl Kurz, der ab 1967 die Einsiedelei bewohnte.

Der spätere Eremit Franz Wieneroiter schreibt in seiner Chronik über den Einsiedler Kurz: "Am Sonntag, 27. September 1970, um 19 Uhr versperrt Karl Kurz die Klause und läutet mit dem Glöckchen das Ave-Maria."

Als Karl Kurz kurz darauf in der Wohnstube sass und betete, fielen plötzlich Schüsse: "Ein Unbekannter hatte auf die Eingangstüre der Klause acht Schüsse abgefeuert. Die Projektile durchdrangen das Holz der Türe und schlugen im Inneren der Klause in Holz und Mauerwerk ein. Auch ein Fensterglas zersplitterte", erzählt Franz Wieneroiter.

Der Steirer Karl Kurz blieb unverletzt, erlitt allerdings einen Schock, von dem er sich nie wieder ganz erholte. Mit der Glocke schlug er schliesslich Alarm. Die vom Gendarmerie-Postenkommandanten auf den Berg entsandte Patrouille suchte allerdings vergeblich nach dem Schützen. Dafür fanden sie auf dem Fensterbrett einen Zettel auf dem stand: "Nur eine Warnung, später zu spät!"

Eingang zur Einsiedelei.

Später trafen weitere Drohbriefe ein. Sowohl bei der Polizei, als auch im Pfarramt und bei Karl Kurz selbst. Auf einer Postkarte, die der Einsiedler am 2. Oktober 1970 erhielt, wurde ihm mit einem "Bauchschuss und zwei Dum-Dum-Geschossen in die Knie" gedroht. Laut Franz Wieneroiter war Karl Kurz "zu der Zeit schon sehr beunruhigt und zeitweise nicht mehr ansprechbar".

Nachdem sich Karl Kurz im Zuge der Ermittlungen in widersprüchliche Aussagen verstrickt hatte, verdächtigte ihn die Polizei schliesslich, das Attentat selbst inszeniert zu haben, um seine Popularität zu steigern. Vor dem Attentat war Kurz in Robert Lembkes TV-Sendung Was bin ich aufgetreten, was zu einem enormen Besucheransturm auf die Einsiedelei geführt hatte.

Am 15. Oktober gestand der Einsiedler schliesslich, die Schüsse selbst abgefeuert zu haben und "verl[iess] Saalfelden als gebrochener Mann", wie Wieneroiter schreibt. Wenige Tage später, am 11. November, warf sich Karl Kurz aus einem fahrenden Zug und starb. Bei der Polizei trafen dennoch weiterhin Drohbriefe ein.

In einem dieser Briefe stand, Karl Kurz sein unschuldig verdächtigt worden. Als Beweis hinterlegte der Absender acht Projektile in einem Opferstock der Einsiedelei-Kapelle, die allerdings erst am 7. Oktober 1972 gefunden wurden.

Aufgang zur Kapelle der Einsiedelei.

Im Zuge von Ermittlungen in einem anderen Kriminalfall fiel der Verdacht schliesslich auf einen Mann aus dem 10 Kilometer entfernten Ort Maishofen, der sich ebenfalls für die Stelle als Einsiedler beworben hatte, wegen seiner kriminellen Vorgeschichte allerdings abgewiesen wurde.

Ein Schriftvergleich brachte schliesslich Gewissheit: Die Drohbriefe stammten vom Mann aus Maishofen, der schliesslich auch gestand, die Schüsse auf die Einsiedelei abgegeben zu haben – er wollte seiner Wut auf den Einsiedler aus der Steiermark freien Lauf lassen.

Blick von der Einsiedelei auf Schloss Lichtenberg und Saalfelden.

Solche Eifersuchtsdramen zwischen den Bewerbern werden diesmal hoffentlich ausbleiben. Ansonsten lebt der frisch auserkorene, aus Belgien stammende Stan Vanuytrecht gefährlicher, als er es als Einsiedler im alpinen Gelände ohnehin schon tut.

Getroffen habe ich den angehenden Eremiten leider nicht, als ich die Einsiedelei schliesslich erreicht habe. Er wird erst Ende April auf den Berg ziehen. Dafür habe ich seinen zukünftigen Wohn- und Arbeitsplatz und die Umgebung inspiziert und für euch ein paar Fotos geschossen. Wir wünschen Stan Vanuytrecht jedenfalls alles Gute – mögen die Salzburger Berggötter und Waldgeister dem Belgier wohlgesonnener sein, als sie es dem Steirer waren.

Paul auf Twitter: @gewitterland

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