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Roadkill

Alles, was du über Roadkill in Österreich wissen musst

Ja, du kannst Roadkill essen. Allerdings machst du dich dann wegen Diebstahl strafbar.

von Paul Donnerbauer
10 Februar 2017, 3:13pm

Titelfoto: Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0

Österreichs Straßen sind ein riesengroßes Schlachtfeld. Im Berichtsjahr 2015/16 blieben laut Statistik Austria 77.246 jagbare Tiere wortwörtlich auf der Strecke. Wobei die Statistik eben nur jagbare Tiere erfasst, also zum Beispiel 37.881 Rehe, 23.241 Hasen, 7.248 Fasane, oder auch neun Murmeltiere.

Nicht erfasst werden Tiere, die traditionell in Österreich eher selten am Teller landen: Katzen, Hunde, Schlangen, Eichhörnchen, Igel, Kröten, oder Tauben, um nur ein paar zu erwähnen. Einmal unter die Räder gekommen, verschwinden diese Tiere in der Anonymität der heimischen Tierkadaververwertungsanlagen.

Um das zu ändern, aber vor allem auch, um besser zu erforschen, warum Tiere überhaupt von Autos überfahren werden und die Zahl tierischer Verkehrstoter in Zukunft reduzieren zu können, startete 2013 das Projekt Roadkill. Dabei handelt es sich um ein interaktives Projekt, bei dem im Rahmen von Citizen Science jeder Bürger und jede Bürgerin sogenanntes Roadkill mit Hilfe einer App oder direkt über den Browser in einer Karte markieren kann.

Screenshot via roadkill.at

"Bisher wurden zirka 4000 Tiere von ungefähr 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in die Datenbank eingetragen. Nicht nur in Österreich, sondern weltweit", erzählt Florian Heigl gegenüber VICE. Heigl ist Zoologe und hat Projekt Roadkill gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen von der Boku ins Leben gerufen.

Mit dem Projekt sollen auf längere Sicht aber nicht nur wissenschaftliche Daten gesammelt werden. Auch die Verkehrssicherheit soll davon profitieren. "Tiere auf der Farbahn stellen für Autofahrerinnen und Autofahrer eine große Gefahr dar. Nicht nur Zusammenstöße mit großen Wildtieren, auch kleine Tiere wie Igel und Kröten können Schäden verursachen, da immer wieder Unfälle durch Ausweich- und Bremsmanöver passieren", erklärt Florian Heigl. Ähnlich wie Navis und Smartphones vor Radarfallen warnen, könnte mit dem Projekt in Zukunft auch vor Straßenabschnitten gewarnt werden, auf denen besonders viel Roadkill auftritt.

Nicht zuletzt soll das Projekt auch sensibilisieren und zu mehr Achtsamkeit führen. Lebensräume vieler Tierarten würden durch den Straßenbau zerschnitten, ein Phänomen, das man in der Ökologie als Habitatfragmentierung bezeichnet. "Auf menschliche Wohnräume umgelegt würde das bedeuten, dass zum Beispiel die Verbindung zwischen Küche und Wohnzimmer durch eine Straße durchquert wird", erklären die Wissenschaftler. Oder auch, dass du für das nächste Date erst einen Spießrutenlauf gegen überdimensional große Autos gewinnen musst.

Ein einzelner Igel benötigt zum Beispiel bis zu 40 Hektar Fläche. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese von einer Straße durchschnitten ist, ist hoch.

Tatsächlich enden vor allem Tierarten als Roadkill, deren Winter- und Sommerquartier von einer Verkehrsader getrennt sind, oder die zur Futter- und Partnersuche Straßen überqueren müssen. Ein einzelner Igel benötigt zum Beispiel bis zu 40 Hektar Fläche. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese von einer Straße durchschnitten ist, ist hoch. Um eine Straße zu überqueren, braucht ein Igel bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von zirka zwei Metern pro Minute rund drei Minuten – viel Zeit, um überfahren zu werden.

Auf der Seite von Projekt Roadkill finden sich zu den am häufigsten im Straßenverkehr getöteten Tieren eigene Steckbriefe, die auch Antwort darauf geben, warum ausgerechnet diese Tiere so oft unter die Räder kommen. So stellen sich zum Beispiel Feldhamster bei Gefahr auf die Hinterbeine und präsentieren ihren dunklen Bauch, der das Maul eines Raubtieres darstellen soll. Die weißen Pfoten dienen als Eckzähne – dass ein Reifen aufgrund dieser Imitation das Weite sucht, ist allerdings unwahrscheinlich.

Ein Feldhamster imitiert das Maul eines Raubtiers. Foto: Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0

Einer, der sich auch künstlerisch mit dem Thema Roadkill beschäftigt, ist Kurt Palm. Seit 10 Jahren fotografiert der österreichische Autor und Regisseur im Straßenverkehr getötete Tiere – und stellt die Bilder immer wieder aus. "Die Idee, Roadkill zu fotografieren, kam mir während eines Aufenthalts in Tasmanien", erzählt Palm gegenüber VICE.

In Tasmanien würden Tiere vor allem aufgrund von Rodungen ihren natürlichen Lebensraum verlieren und so zwangsläufig mit dem Menschen in Konflikt geraten. "Dass an einer solchen Schnittstelle zwischen Natur und Zivilisation die Tiere im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke bleiben, versteht sich von selbst", so Kurt Palm. Überfahrende Kängurus, Possums, Echsen und Schlangen sind laut Palm Zeichen dafür, dass der Mensch immer tiefer in jene Räume vordringt, die bisher den Tieren vorbehalten waren.

Das gilt nicht nur für Tasmanien. Auch in Österreich ist es der Zwischenraum von Natur und Zivilisation, der jährlich hunderttausende Opfer fordert. "Die Tiere, die ich in Südafrika, Tasmanien, Thailand, Neuseeland und Österreich fotografiert habe, musste ich also nicht suchen. Ich musste nur die Augen offen halten", erklärt Palm.

Man könnte sich theoretisch auf die Suche nach Froschschenkel oder Schlange machen. Auch Maus und Feldhamster sollen delikat sein.

Einer, der auch regelmäßig die Augen offen und nach Roadkill Ausschau hält, ist der Brite Fergus Drennan. Seit seinem 23. Lebensjahr lebt Drennan vegetarisch, eine Ausnahme macht er nur bei Roadkill. 2007 wurde er mit der BBC-Serie "The Roadkill Chef" berühmt. "Ich bin mir sicher, dass Menschen auch in Österreich Roadkill essen", sagte Drennan 2011 gegenüber der Presse.

Tatsächlich darf man in Österreich aber ein bei einem Verkehrsunfall getötetes Reh oder einen getöteten Hasen nicht einfach mit nach Hause nehmen und als Abendessen zubereiten. Denn sogenanntes Fallwild – also natürlich oder verkehrsbedingt verendete, jagbare Tiere – darf sich laut dem österreichischen Jagdrecht nur der für das jeweilige Gebiet zuständige Jäger aneignen. Das heißt, das tote Tier befindet sich im Besitz des Jägers und Roadkill selbst mitzunehmen wäre Diebstahl.

Anders verhält es sich bei nicht jagbaren Lebewesen. Man könnte sich zum Beispiel auf die Suche nach Froschschenkel oder Schlange machen. Auch Maus und Feldhamster sollen delikat sein. Von Igel raten Roadkill-Experten wie Drennan hingegen eher ab, der schmeckt angeblich ranzig. 

Wer sich einen Roadkilleintopf zubereiten möchte, muss dabei aber einiges beachten. Das Fleisch sollte ausgiebig und bei großer Hitze gekocht werden, um etwaige Bakterien oder Würmer abzutöten. Außerdem sollten nur Tiere verkocht werden, deren Organe nicht beschädigt sind und die noch nicht allzu lange tot sind – das schließt natürlich schon mal viele plattgewalzte Snacks aus.

Ein ziemlich plattes Eichhörnchen. Foto: Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0

Ob es in Österreich tatsächlich eine Community gibt, die sich auf die Zubereitung von Roadkill spezialisiert hat, wissen wir nicht. Kurt Palm hätte jedenfalls nichts dagegen, Roadkill auf die Speisekarte zu setzen. "Natürlich würde ich Roadkill essen, vorausgesetzt, das Tier ist nicht bereits verwest. In Südafrika werden überfahrene Schafe, Kühe oder Strauße sofort gegessen, was ja auch sinnvoll ist", so der Künstler.

Für Palm hat die Auseinandersetzung mit Roadkill aber außer einer künstlerischen und kulinarischen Seite auch noch eine philosophische: "Viele Menschen schauen heute zwar, aber sie sehen nichts mehr. Die meisten sind mit ihrem Smartphone verbunden, aber die emotionale Verbindung zu ihrer Umwelt ist abgerissen, da sind sie offline", so der Autor. "Vielleicht kann man meine Fotos auch als den Versuch sehen, diesen toten Tieren eine gewisse Würde zu geben, indem ich sie aus ihrer Anonymität heraushole", sagt Palm abschließend und benennt damit ein ähnliches Ziel wie die Wissenschaftler hinter Projekt Roadkill.

Paul auf Twitter: @gewitterland

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