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Ein männlicher Escort erzählt von seinen Freiern

Wir haben mit dem 58-Jährigen über seine unterschiedlichen Freier gesprochen, die er in seinen 12 Jahren Berufserfahrung erlebt hat.

von Simon Doherty
28 November 2016, 1:00pm

Illustration: George Yarnton

Sexarbeit zahlt sich aus. Von 2004 bis 2013 hat sich die Zahl der registrierten weiblichen Prostituierten in Wien beinahe verfünffacht. Ende 2012 waren beispielsweise 3.390 Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter in der Bundeshauptstadt registriert—davon waren 67 männlich. Ihre männlichen Kollegengelten hingegen weiterhin als eine Art Enigma.

Da Sexarbeit von Natur ein diskretes Gewerbe ist, ist es für Akademiker äußerst schwierig, einen verlässlichen Eindruck von der Lage zu bekommen und Zahlen zu nennen.

Vor ein paar Wochen haben wir einen Blick auf die verschiedenen Freier-Typen geworfen, die einer 22-jährige Sexarbeiterin im Laufe ihrer Arbeit untergekommen sind. Da ich mich gefragt habe, ob es in der Welt männlicher Escorts anders aussieht, habe ich mit dem 58-jährigen Michael über seine unterschiedlichen Freier gesprochen, die er in seinen 12 Jahren Berufserfahrung erlebt hat.

Kunden mit speziellen Fetischen

Ich hatte einen Kunden mit einer Vorliebe für Trifle und Schlagobers. Er wollte immer komplett damit bedeckt werden. Dementsprechend musste ich das Bett für ihn dreifach beziehen. Ein anderer hatte einen Fetisch für Hochdruckreiniger. Ich erinnere mich noch ziemlich lebhaft daran, wie ich ihn um 2 Uhr morgens mit einem abgesprüht habe. Ich hatte auch zwei, die total auf Brennnesseln standen, also habe ich welche bei mir im Garten wachsen lassen und ihre Körper dann damit von oben bis unten eingerieben.

Momentan habe ich einen Kunden mit einem Fetisch für dreckige Socken. Es fing damit an, dass er an meinen Socken riechen wollte. Dann sollte ich sie ihm aufs Gesicht legen. Jetzt bereite ich mich richtig auf ihn vor. Ich habe ein Paar Spezialsocken bei mir zuhause und jeden Morgen, bevor ich dusche, wische ich mir die Achseln damit ab und packe sie in ein verschließbares Plastiktütchen. Er hat auch selbst schon mal welche mitgebracht.

Kunden, die abgefahrene Stellungen wollen

Ich bin dafür berühmt, in Stellungen ficken zu können, die man noch nicht mal in Pornos zu sehen bekommt. Mein Signature-Move ist der sogenannte "Helikopter-Fick": Der Kunde kniet auf allen Vieren mit dem Kopf zur Wand und ich blicke in die andere Richtung, während ich rückwärts in ihn eindringe. Ich kann ihn von hinten penetrieren, Arschbacke-zu-Arschbacke und mich dabei um 360 Grad drehen. Das ist für einen 50-Jährigen gar nicht so übel. Viele Kunden haben darüber in meinen Reviews gelesen und fragen das speziell an.

Kunden mit unerfüllbaren Wünschen

Diese Kunden schlagen einem absurde Dinge vor, die einfach nicht umzusetzen sind. Sie wollen auf dem Friedhof ficken oder an einem sehr öffentlichen Ort wie einer Einkaufsstraße gedemütigt werden. Manche möchten Gruppensex und fragen: "Wie viele Typen kannst du organisieren?" Ich sage ihnen dann: "OK, du weißt, dass das alles Escorts sein werden, oder? Wenn du das willst, dann musst du die Hälfte im Voraus zahlen."

Kunden mit Behinderungen

Die Arbeit mit körperlich behinderten Kunden ist sogar ein relativ großer Teil meines Jobs. Ich wünschte nur, ich könne Menschen in so einer Situation mehr helfen. Sie haben Bedürfnisse wie jeder andere auch. Vor Jahren war ich mit einem Typen zusammen, der im Rollstuhl saß. Er erzählte mir, dass er einmal einen Escort angerufen hat. Sobald er ihm von seiner Behinderung erzählt hat, hat der einfach aufgelegt. Das hat mich unfassbar wütend gemacht. Wenn irgendein Escort ein Problem mit jemandem hat, weil er eine Behinderung hat, dann hat er in diesem Job nichts zu suchen.

Ich hatte eine Menge Kunden, mit denen ich mich per Zeichensprache verständigt habe. Manchmal muss man Dinge aufschreiben, aber letztendlich funktioniert das mit der Kommunikation immer gut. Ich hatte einmal eine wirklich außergewöhnliche Erfahrung, bei der ich mich mit den Eltern eines Kunden treffen musste. Dieser Kunde, der aufgrund seiner Behinderung an verschiedene Monitore angeschlossen war, war bereits von mehreren Escorts übers Ohr gehauen worden.

Seine Eltern haben mich unglaublich beeindruckt: Sie wollten mich kennenlernen, damit sie ein gutes Gefühl bei der Sache haben. Also habe ich mit ihnen vor der eigentlichen Arbeit zu Mittag gegessen. Danach haben sie mir sogar ein Bett zum Übernachten angeboten.

Kunden mit einer Vorliebe für Gimmicks

Manche Kunden wollen, dass bestimmte Dinge für sie bereitstehen, wenn sie eintreffen. Ich habe einen, der seine eigene Kiste in meinem Zimmer stehen hat, weil er auf Leder- und Gummiklamotten steht. Er hat auch eine Menge Spielzeug gekauft, das alles in der Kiste ist. Er ist nämlich ein großer Fisting-Liebhaber. Er besteht auch darauf, dass ein frisches Fläschchen Poppers auf ihn wartet, wenn er zu einer Session eintrifft.

VIP-Kunden

Diese Kunden bekommen besondere Privilegien. Wenn ich zum Beispiel Zeit mit Kunden verbringe, die mich mit ins Ausland nehmen, dann handle ich einen bestimmten Tarif aus. Ich mache dann auch meinen Terminkalender für sie frei. Diese Art von Kunde bucht mich dann vielleicht für 22 Stunden. Wenn ich in dem Zeitraum einen Termin für eine Stunde habe, muss ich mich entschuldigen und ihn verschieben.

Die Verhinderten

Das größte Problem bei meinem Job ist, wenn zukünftige Kunden einen Termin machen und dann nicht auftauchen. Ich habe eine Menge Leute, die vorher viel erzählen, aber am Ende einfach absagen. Zu den üblichen Ausreden gehört: "Mein Navi spinnt rum", "Meine Schwester hatte einen Unfall" und "Mir wurde gerade gesagt, dass ich eine Operation brauche." Ich weiß oft nicht, ob sie kalte Füße bekommen haben oder die Terminabsprache schon der eigentliche Akt ist—in dem Fall haben sie dann wohl bekommen, was sie wollten.

Nervöse Novizen

Eine der Herausforderungen in meinem Job besteht darin, zukünftige Neukunden über diese Schwelle der Nervosität hinweg zu bringen. Für sie ist das ein unfassbar nervenaufreibendes Szenario. Sie treffen schließlich einen wildfremden Mann. Ich vergleiche das immer mit dem Prozess für Menschen, die ihr erstes Tattoo bekommen. Trotz allem, was ich in mein Profil schreibe um sie zu beruhigen—und meine Website ist sehr detailliert—, sind sie immer noch ängstlich. Manche denken, dass ich ihnen den Hintern aufreiße, wenn ich sie zum ersten Mal ficke—was ich definitiv nicht tue. Ich bin sehr professionell: ich nehme mir immer die nötige Zeit und biete ihnen Poppers an.

Frauen

Etwa 99 Prozent meiner Kundschaft ist männlich, Frauen sind selten. Aber zwischendurch kommt ein junges, reiches Mädchen mit einer Flasche Prosecco vorbei.

Zechpreller

Das passiert nicht oft. Sie sagen, dass sie nur kurz Geld aus dem Auto oder vom Bankautomaten holen müssen, und kommen nie wieder zurück. In der Regel fragen Escorts nach Geld im Voraus, aber ich mache da keine große Sache draus. Ich denke, wenn ich ihnen eine Erfahrung verschaffe, die ihren bisherigen Erfahrungen ebenbürtig ist oder diese sogar übersteigt, werden sie mir ein Trinkgeld geben. Wenn du dich im Voraus bezahlen lässt, gibt es kein Trinkgeld. Es ist wie im Restaurant: Du gibst erst Trinkgeld, wenn der Kellner einen guten Job gemacht hat.

Wohlhabende Kunden jenseits von Gut und Böse

"Michael, Liebling, kannst du bei mir vorbeikommen?", säuseln sie, wenn sie dich um 2 Uhr morgens anrufen. Dann fährst du in einen wirklich gehobenen Stadtteil, trittst durch die Tür, die Wohnung steht komplett auf dem Kopf und dein Kunde ist komplett drüber. Er versucht, dir ein Glas Champagner einzuschenken. Die Hälfte landet auf dem Boden. Besser wird es von hier an nur selten.