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Festival

So läuft ein Festival in einem Land ab, in dem alle Drogen entkriminalisiert sind

Beim portugiesischen Boom Festival sind gut 100 Freiwillige rund um die Uhr dabei, den Drogenkonsumenten einen sicheren Rausch zu ermöglichen. Ich war einer dieser Freiwilligen.

von Kevin Franciotti
20 September 2016, 8:00am

Foto: bereitgestellt vom Autor

Falls du schon mal auf einem Mainstream-Musikfestival warst, dann weißt du auch, wie streng dort die Drogen-Vorschriften sein können. Lange Schlangen bei den Taschenkontrollen sowie uniformierte Polizisten bzw. private Security-Firmen zur Sicherstellung illegaler Substanzen sind gang und gäbe.

In Portugal fährt die Regierung allerdings eine Drogenpolitik, bei der der Strafvollzug nur wenig zu melden hat. Deshalb ist die Stimmung bei den Musikfestival ganz anders. Bei Drogen-Checks testet man die Reinheit der Substanzen und quasi niemand bekommt für die Mittelchen seiner Wahl Probleme. Das liegt daran, dass das südeuropäische Land vor 15 Jahren in einem mutigen Schritt den Drogenbesitz in geringen Mengen entkriminalisiert hat. Jetzt haben diesbezüglich die Gesundheitsbehörden und nicht mehr die Polizei das Ruder in der Hand.

Als regelmäßiger Festivalbesucher wollte ich mir selbst ein Bild davon machen, wie ein Land, das einem Ende des Drogenkriegs schon ziemlich nahe kommt, bei solchen Veranstaltungen agiert. Deshalb habe ich Dr. Maria Carmo Carvalho von der Catholic University of Portugal kontaktiert. Carvalho ist nämlich auch noch die Vorsitzende der Organisation Kosmicare, die Konzertgängern bei schlechten Trips oder noch Schlimmerem zur Seite steht. Beim Boom Festival kümmerten sich rund 100 freiwillige Helfer von Kosmicare eine Woche lang um die mehr als 30.000 Besucher. Und ich war einer dieser freiwilligen Helfer.

Kosmicare schwimmt auf der Welle des "Schadenbegrenzung"-Trends mit. In anderen Worten: Es geht der Organisation vor allem darum, das Risiko zu minimieren und unüberlegten Drogenkonsum zu verhindern. Im Gegensatz zu Maßnahmen wie etwa sauberen Nadeln für Heroinkonsumenten oder Rückzugsorte für einen sicheren Rausch geht es bei Kosmicare allerdings um die psychedelische Schadensbegrenzung mit Fokus auf den Konsum bei Musikfestivals. Somit konzentriert man sich vorrangig auf Drogen wie etwa LSD, Magic Mushrooms, Ketamin und andere Psycho-Stimulanzien—oftmals in Kombination mit Alkohol und Marihuana. Wenn man ein trockenes, heißes Klima mit 18 Stunden pumpenden Psy-Trance am Tag kombiniert, dann lassen sich schlechte Trips eben kaum vermeiden.

"Wir schätzen, dass wir mit unserem Service rund ein Prozent aller Festivalbesucher erreichen", erzählt Carvalho und fügt noch hinzu, dass viele dieser Besucher aus Frankreich oder England kommen, wo man so einen Dienstes nicht gewohnt ist. Zwar ist der Drogenkonsum technisch gesehen auch in Portugal immer noch illegal, aber die Entkriminalisierung hat dort zumindest dazu geführt, dass die Polizei sich nur noch mit dem Handel im großen Stil sowie mit großspurigen Dealern beschäftigt. Carvalho erklärt weiter, dass die Leute deswegen nichts zu befürchten haben, wenn sie den Service von Kosmicare in Anspruch nehmen.

Um in das Kosmicare-Team zu kommen, sammelte ich vergangenen Februar noch etwas Erfahrung, indem ich mich für das Zendo Project anmeldete. Dieses Projekt verfolgt das Ziel, Leuten weiterzuhelfen, die in heftigen psychologischen Phasen (oftmals durch Drogen hervorgerufen) feststecken. So hatte ich es zum Beispiel mit einem jungen Kanadier zu tun, der immer wieder fragte, ob er in Schwierigkeiten stecke oder etwas falsch gemacht hätte, während ich ihm über das Gelände des Envision Festivals in Costa Rica folgte und dabei versuchte, ihn zu beruhigen.

"Genau hier kommen Organisationen wie Zendo ins Spiel", erklärt Sara Gael, eine Psychotherapeutin aus Colorado und Leiterin des Projekts. Laut ihrer Aussage hat Zendo seit 2012 weltweit um die 1.000 Festivalbesucher betreut.

Da ich nicht wusste, was der Kanadier genommen hatte, konnte ich eigentlich nur sicherstellen, dass ihm nichts passierte und er nichts tat, was er später vielleicht bereuen würde. So hielt ich ihn beispielsweise davon ab, sein gesamtes Geld an die Wartenden vor den Essensbuden zu verteilen. Nachdem er meine Hilfe richtig angenommen hatte, beruhigt er sich langsam. Sein High nahm zu diesem Zeitpunkt aber auch schon wieder ab. Als er am darauffolgenden Tag kurz nach Sonnenaufgang wieder klar denken konnte, war er verwirrt und sauer auf sich selbst. Gleichzeitig dankte er mir aber auch dafür, dass er nicht im Gefängnis oder Krankenhaus aufgewacht war. Eine solche moderne Herangehensweise an den Drogenkonsum hat den Kanadier vor Schlimmerem bewahrt.

In Portugal angekommen stellte ich dann fest, dass während des Festivals eine ganz andere Atmosphäre als anderswo herrschte. Quasi überall propagierte man den sicheren Drogenkonsum, während man in anderen Ländern noch Gefahr läuft, im Gefängnis zu landen, wenn man bei einer Veranstaltung Drogen überprüfen will.

So hatte ein Team Freiwilliger in der Nähe der Hauptbühne das sogenannte "check!n"-Zelt aufgebaut, wo die Besucher kleine Proben ihrer Drogen abgeben konnten. Wenige Stunden später teilte man ihnen dann mit, was sie da wirklich dabei hatten. Zusätzlich zu diesem von einer portugiesischen NGO finanzierten Service erhielten die Festivalgänger dort aber auch noch Info-Material, Ohrstöpsel, kleine Wasserflaschen zum Ausspülen der Nase sowie kleine Kartonausschnitte als Schnupfunterlage.

Nachdem ich meinen durch solche Maßnahmen verursachten Kulturschock überwunden hatte, inspirierte mich mein Umfeld richtig. Die Dutzenden Gäste, mit denen ich mich im Laufe der Woche beschäftigte, kamen zum Großteil aus eigenen Stücken zu uns, weil sie Hilfe brauchten. Und durch die check!n-Tests wussten sie genau, was sie da eigentlich genommen hatten.

Helena Valente—eine von von Carvalhos ehemaligen Kommilitoninnen, die ebenfalls als Freiwillige für Kosmicare arbeitet—führt gerade eine Studie zum Einfluss der Drogen-Check-Informationen auf die Entscheidungsfindung im Laufe eines Festivals durch. Hier ein Beispiel: Beim check!n-Zelt gingen mehrere Proben ein, die aus Ein-Gramm-Kokstütchen für 90 Euro das Stück stammten. Die Tests ergaben dann, dass die Tütchen gar kein Kokain enthielten. Valente untersucht nun, ob die Leute den Stoff dann wegwarfen oder ihn trotzdem ausprobierten.

All das klingt jetzt vielleicht wie eine Art Utopie einer von Drogen angetriebenen Partyzukunft, die von den heimlichen Agendas privater Organisationen gepusht wird—und das alles dank rechtlicher Flexibilität. Da Festivals auf der ganzen Welt jedoch immer mehr Besucher anlocken, hofft Gael, dass diese Entwicklung auch einen breiteren gesellschaftlichen Zusammenhang sowie einen stärkeren Fokus auf die Schadensbegrenzung mit sich bringt.

"Meiner Meinung nach können wir derzeit beobachten, wie unterschiedliche Dienste für die Erhaltung der psychischen Gesundheit von Drogenkonsumenten im Auge der Öffentlichkeit immer mehr an Relevanz gewinnen", meint sie.

Kevin Franciotti ist ein freier Journalist aus New York, der sich mit der psychedelischen Forschung beschäftigt und bereits für das New Scientist-Magazin sowie reason.com geschrieben hat.

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