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Sex

Wieso sollten wir unseren Freunden Pornos verbieten?

Viele Frauen tun sich schwer damit, wenn ihre Partner Pornos schauen. Aber wieso eigentlich?

von Nadja Brenneisen
06 Januar 2016, 6:00am

Titelfoto von Dragunsk Usf

Gleich vorneweg: Ich bin keine Verfechterin von Pornografie. Niemand, der sich ein bisschen mit Frauenbildern auseinandergesetzt hat, kann mir Mainstream-Pornografie abschliessend als sinnvolle sexuelle Ausdrucksmöglichkeit verkaufen. Natürlich sind beispielsweise Filmchen, in denen Markus Waxenegger seine Mitdarstellerinnen gegen ihren Willen auf eine Motorhaube zerrt, als Schlampen beschimpft und sie dann mit festem Griff von hinten nimmt, super sexistisch.

Natürlich ist Waxeneggers Rolle der sexuelle Belästiger schlechthin. Aber auch verwackelte Casting-Szenen, in denen osteuropäische, spindeldürre Mädchen ihren „Entdeckern" alles zeigen, was sie grad so zeigen sollen, kann man nicht unbedingt als feminin-sexuellen Befreiungsschlag interpretieren. Deshalb vergewaltigen Konsumenten von harter Pornografie zwar nicht gleich das nächste, osteuropäisch aussehende Mädchen, das sie an der Bushaltestelle treffen. Aber zumindest regt diese Art von Pornografie in gewisser Weise die Vorstellung von Gewalt gegen Frauen an, indem sie Frauen auf reine Sexualobjekte reduziert; und zwar nicht einvernehmlich, wie bei BDSM-Spielen, sondern oft tatsächlich in der Form von gespielten sexuellen Übergriffen.

Foto von Juan Ignacio Garay | Flickr | CC BY 2.0

Gruselig finde ich die Meinung einiger Freundinnen aber dennoch, wenn sie mir mit feindselig zusammengekniffenen Augen vom Pornhub-Verlauf ihres neuen Freundes erzählen und darüber nachdenken, das PC-Passwort in ein Ich-schaue-nie-wieder-Porno-Mantra zu ändern.

Viele Frauen haben ein grosses Problem damit, wenn sich ihr Liebster trotz funktionierendem Sexleben seinem Höhepunkt zur körperlichen Betätigung von Porno-Sternchen entgegen knetet. Frauen-Foren sind voller verzweifelter Einträge zum Thema. Es gibt sogar einen Wikihow-Eintrag, der sich ausschliesslich an Frauen wendet und erklärt, wie man mit dem Pornokonsum seines Partners emotional klarkommen kann.

Fast so verzweifelt wie die Frauen, die auf ebendiesen Foren erklären, keinen anderen Ausweg mehr zu sehen, als ihre Männer zu verlassen, wirken die Wikihow-Tipps: „Einigt euch darauf, dass dein Freund weniger Pornos schaut oder zumindest dann nicht, wenn die Chance besteht, dass du ihn dabei erwischst. Auch wenn du deinen Freund nicht dazu zwingen willst, seine Gelüste zu unterdrücken oder zu geheimnistuerisch damit zu werden, ist das vielleicht die beste Möglichkeit, die ihr finden könnt." Naja.

Ich glaube schon, dass es bessere Möglichkeiten gibt, als den Pornokonsum des Partners bloss hinzunehmen und sich weiterhin bei jeder verbildlichten Pornhub-Vorstellung, die den Freund inkludiert, die Augen aus dem Kopf zu heulen. Die viel befriedigendere Lösung ist nämlich, wirklich damit klarzukommen. Also: mental damit klarzukommen, indem man sich nämlich darüber Gedanken macht, zu welchem Zweck Porno konsumiert wird.

Ein fataler Denkfehler ist die Idee, dass Pornokonsum einem Betrug gleichkommt. Beginnt Betrug mit der Fantasie? Oder ist die Fantasie nicht vielmehr der Ort absoluter Intimsphäre? Ehrlich Schwester—hast du noch nie sexuelle Fantasien gehabt, in denen ein Fremder vorgekommen ist? Macht es wirklich einen Unterschied, dass die nackte Haut in einem Porno zu einer realen Frau gehört und nicht bloss im Kopf deines Freundes existiert?

Wer seine Beziehung in der Annahme beginnt, fortan die eigene Sexualität vollkommen dem Zweier-Konzept zu unterwerfen (und zwar auch gedanklich), tut mir leid. Nach dem Prinzip: Alles wird von nun an geteilt, vor allem der Sex. Wer alleine (oder mithilfe seiner Vorstellungskraft) Sex hat, der begeht einen Betrug. Das ist Bullshit.

Wenn Frauen ehrlich den Anspruch geltend machen wollen, dass sie lebenslänglich die Hauptrolle im Kopfkino ihres Partners spielen, ist das genauso weltfremd, wie wenn sich ein Mann vom Vibrator im Nachtschränkchen bedroht fühlt und mit ihm in eine Art Konkurrenzkampf tritt. Auch Frauen haben schliesslich ihre eigene Sexualität und können sich treffsicherer selbst zum Orgasmus bringen, als der neue Lover.

Und jetzt mal ehrlich: Die meisten Frauen schauen sich ab und zu mal einen Porno an; laut Daily Mail tut das eine von drei Frauen mindestens einmal pro Woche. Dabei werden weibliche Konsumentinnen bloss nicht so stark ans Genre gebunden, weil kommerzieller Porno eine von Männern und für Männer geschaffene Industrie ist (feministische Pornografie ausgenommen). Als Frau kannst du deinem Kopf nämlich nicht vormachen, dass die angestrengten Schreie wirklich von dem Gerammel und Gestichel kommen, das der Darsteller vollführt. Du weisst es einfach besser.

Über die Qualität und den Mehrwert von Pornografie kann man deshalb streiten. Über den Effekt aber kaum: Dass Visualisierungen ihren Konsumenten beim Fantasieren helfen, habe ich spätestens als 11-Jährige in Troja festgestellt. Und so ist das auch bei Erwachsenen-Filmchen. Das Gute an Fantasien ist, dass sie auch schlichtweg Fantasien bleiben dürfen. Genauso wenig, wie du vom Klempner im überfluteten Bad genommen werden willst, möchte dein Liebster die silikonbusige Rothaarige in der Rodeo-Manege machen.

Foto von Daniel Jagger Segundos | Flickr | CC BY 2.0

Im Kopf machen Fantasien nämlich meistens mehr Spass, als in der Realität und Pornografie schafft das: Sie inspiriert die durch Übersexualisierung abgestumpften Gehirne. Pornografie ist in dieser Hinsicht eine gesellschaftliche Folge, die man zwar verteufeln kann, damit aber ein realitätsfremdes und ignorantes Urteil fällt. Man kann (wie immer und überall) die Folge doof finden, für mich persönlich ist die Ursache das grössere Problem.

Klar, Porno vermittelt vor allem sexuell Unerfahrenen ein verzerrtes Realitätsbild. Klar, nicht jede Frau hat pralle Silikonbrüste, nicht jeder Mann einen 25-Zentimeter-Penis. Wissen wir. Und das ist auch der Grund, wieso ich von immer mehr (männlichen) Freunden höre, dass sie bewusst weniger Pornografie konsumieren. Weil sie so ihre eigene, individuelle Sexualität wieder intensiver geniessen können. Losgelöst von Bildern, die unter Druck setzen, falsche Erwartungen füttern und sogar ineffektive Techniken als lustbringende Sexpraktiken verkaufen.

Foto von giant mice kill rabbits | flickr | CC BY 2.0

Ich möchte diesen Freunden dafür ein Eis kaufen, denn das ist eine tolle Entwicklung des männlichen Zugangs zur eigenen Sexualität und zur sexuellen Selbstbestimmung. Um hierhin zu gelangen, hilft es auch nicht weiter, Pornografie verbieten zu wollen. Oder das PC-Passwort zu ändern. Vielmehr könnten sich Frauen für mehr sexpositiven Porno aussprechen.

Als Paar könnte man sich darüber austauschen, welches Bild von Pornografie in der Beziehung vorherrscht und inwiefern Porno eine Rolle im eigenen oder gemeinsamen Sexualleben spielen soll. Jeder Mensch kann zu seinem eigenen Schluss kommen—solange man darüber nachgedacht hat, statt sein faules Hirn einfach von der superkommerziellen Sexindustrie einlullen zu lassen.

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Titelfoto: Dragunsk Usf | Flickr | CC BY 2.0


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