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Eine Narbe ist eine Narbe ist eine Geschichte dahinter

Das Fotobuch 'Narben' zeigt uns die Vielfalt menschlicher Verletzlichkeit.

von Paul Garbulski
26 April 2016, 4:00am

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Martin Rost

"Ich dachte: 'Du machst das jetzt in 40 Tagen, das Buch ist schnell gemacht.' War es dann doch nicht." Genau 100 Tage hat Martins Projekt "Narben" gedauert. 100 Tage war die zweite Deadline. Die erste hatte er überschritten, ohne es überhaupt zu merken: "Habe mich einfach verrechnet. An Tag 39 merkte ich plötzlich, dass bereits Tag 43 war." Martin Rost studiert im neunten Semester Redaktionelles Gestalten im nordhessischen Kassel, läuft aufs Ende zu, aber für die Uni hat er sein Narbenbuch ohnehin nicht gemacht: "Ich wusste, ich muss das machen, egal, was dabei rauskommt. Das war für mich und gleichzeitig nicht nur für mich—auch für die abgebildeten Personen im Buch. Da war diese Frau mit dem vernarbten Bauch, die die Hoffnung hatte, dass das Buch auch andere Menschen mit Narben lesen würden und es ihnen helfen könnte, ihre Narben zu überwinden." Zu sehen, wie andere Menschen mit ihren Narben umgehen, könnte die eigenen Hemmungen abbauen.

Martin hat selbst mehrere Narben, so kam ihm auch die Idee zu dem Buch: Am Küchentisch, beim Frühstück mit seiner Freundin und dem Blick auf die eigenen Narben an Händen. "Ich habe Narben eine lange Zeit einfach nur abgefeiert." Martin kommt aus der Skate-Szene, erst beim Buchprojekt wurde er sich der tragischen Dimension von Narben so wirklich bewusst: "Bis zu dem Punkt sah ich Narben eher so: 'Ja, geil Alter! Zeig mal her! Coole Geschichte dahinter.' Aber wenn dir eine Frau erzählt, dass sie 29 Operationen hatte—über ihr ganzes Leben hinweg—, dann ist das mehr als nur eine interessante Geschichte. Das ist einfach nur heavy Scheiße."

Neben den ganz großen, einschneidenden Abfucks im Leben kommen Narben aber auch vom Dosenstechen oder Headbangen. Martins Buch ist ein Kaleidoskop dessen, was uns zum Bluten und Schmerzen bringt, die breite Palette. Und es bleibt nicht bei der bloßen Abbildung stehen; die Träger der Narben erzählen deren Entstehung, jede Verletzung hat ihre Geschichte, hier habt ihr ein paar Auszüge:

Und dann gibt es Narben, die wir bewusst haben wollen. Ob als ästhetisches Distinktionsmerkmal, ob als Preis für ersehnten Schmerz, ob als fleischlicher Markstein für das Verbleiben einer Erinnerung ...

Gelegentlich tätowiert Martin auch Freunde. Immer ohne Maschine, ganz schlicht mit der bloßen Nadel, doch als er gerade dabei war, das Buchprojekt fertigzustellen, wurde er gebeten, ein Branding zu machen: "Es war eine Freundin eines guten Freundes. Ich habe das ja nie zuvor gemacht, irgendwie hat sie mich dann doch überredet, das Motiv sollte "en vogue" lauten. Ich machte ein paar simple Skizzen, wir wählten eine aus und haben es dann mit einem Bunsenbrenner und Schraubenzieher eines abends durchgezogen."

Das Branding ist die letzte "Geschichte" im Buch. Martin hat alles aus eigener Tasche gezahlt und eine Handvoll Exemplare gedruckt. Kaufen kann man sie nirgends, es sei denn, ein Verlag ließe sich finden.

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