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Wo die Grenze zwischen Sexismus und Freizügigkeit verläuft

Nein, FeministInnen, die die Werbung von bet-at-home sexistisch finden, sind nicht prüde und fordern auch nicht gleich die Verschleierung von Frauen.

von Therese Kaiser
21 Juni 2016, 10:57am

Foto von Ste Ho

Wenn bei uns das Verbot sexistischer Werbung diskutiert wird, sprießen die meinungslastigen Kolumnen stolzer Männer, die gleichzeitig Abendland und den nackten weiblichen Frauenkörper retten wollen. Ja, wir leben in einer komplexen Welt, falls es Zweifel daran gab, und die rechte Vereinnahmung feministischer Forderungen ist vor allem für diejenigen von uns, die sich ernsthaft mit dieser Thematik auseinandersetzen, hochgradig irritierend.

Mit emanzipatorischen Errungenschaften gegen den Islam zu wettern fällt in den meisten Fällen jedoch in die Kategorie rechte Hetze, und ist selten Einsatz für feministische Bestrebungen—vor allem, wenn sich dann noch "christliche Werte" in die Debatte mischen, Jesus Christ!

Die Situation ist also etwas verwirrend, aber vor allem bedrohlich. Plötzlich entwenden Personen, die tradierte Frauenbilder (und Männerbilder) propagieren, die nicht verstehen, was Selbstbestimmungsrechte sind, die Abendland mit Christentum gleichsetzen, Argumentationslinien von FeministInnen. Was übrig bleibt sind unter anderem Debatten in Sozialen Medien, die weit von zweidimensional irgendwo in Richtung multidimensional abschweifen, und das zum Leidwesen solcher Menschen, die sich laut und wiederholt gegen Sexismus aussprechen.

Das bet-at-home Sujet zur Fußball-EM ist ein ideales Beispiel dafür, welch allgemeine Verwirrung darüber herrscht, wo die Grenze zwischen Sexismus und Freizügigkeit verläuft. Dabei ist es im Grunde nicht wirklich schwierig, Sexismus zu enttarnen, wenn man sich dazu bereit erklärt, sich mit komplexen Realitäten auseinanderzusetzen. Bet-at-home entscheidet sich also dazu, in alter Sixt-Manier, zur Fußball-EM mit einem nackten Frauenkörper für Fußballwetten zu werben.

Das eine hat mit dem anderen etwa so viel zu tun wie eine Wurstsemmel mit einem Gabelstapler, aber das macht in Werbe-Logik nicht so viel, immerhin wissen wir alle, dass Nacktheit Aufmerksamkeit erregt. Moralisch ist das auch weniger bedenklich als man meinen würde, immerhin sind wir ja als gestandene MitteleuropäerInnen der Überzeugung, nicht sonderlich prüde zu sein.

Prüde ist ein gutes Stichwort. Es wurde mir nämlich von einem Mann entgegengeworfen, als ich mich über das bet-at-home Plakat echauffierte. Was insofern lustig ist, als dass ich mir relativ sicher bin, dass er zu der Kategorie Buben gehört, die nicht über meine Penis-Witze lachen würden und Menstruations-Debatten eher verstörend fänden. Jedenfalls ist die Aufregung über bet-at-home nicht prüde motiviert, und die mundtot Strategie, die hier gefahren wird, sollte allenfalls ignoriert werden. Die Forderung danach, den weiblichen Körper nicht als Objekt zu inszenieren, kommt nämlich mit Sicherheit nicht aus der selben Ecke, aus der Verschleierung von Frauenkörpern gefordert wird.

Um den nackten Frauenkörper an sich geht es nämlich nicht, und wer unterstellt, man würde sich an Nacktheit stoßen, wenn man gegen Sexismus argumentiert, der hat viel verpasst hinsichtlich feministischer Spielarten. Bet-at-home belästigt uns viel mehr mit einem Sujet, das eine nackte Frau mit Fußball zeigt, beobachtet durch einen Feldstecher—und was bleibt, ist eine Frau, die als Lustobjekt passiv ihren Hintern in die Kamera hält, und der lüsterne Blick eines Mannes. Der Louis de Funès Kontext ist süß, aber sicher nicht primärer Anhaltspunkt für die Assoziationen, die hier geweckt werden.

Die Männerfußball-EM ist an sich ja Nährboden sexistischer Auswüchse, von den absolut untergriffigen Kommentaren gegenüber Claudia Neumann, die als erste Frau ein Männer-EM-Spiel kommentiert, bis hin zu der Vereinnahmung öffentlicher Plätze durch grölende betrunkene Männerhorden. Wir sprechen hier von einem Sport-Großereignis, das von seinen Protagonisten bis hin zu den Zusehern als männliche Hochburg besteht, und wehe, eine Frau würde sich hier als aktive Kommentatorin oder sogar Protagonistin positionieren!

Gleichberechtigung bedeutet, dass Geschlechterverhältnisse neu ausgehandelt werden müssen, nämlich zum Vorteil von Frauen und Männern gleichermaßen.

In Anbetracht des traditionellen Anstieges von Vergewaltigungen, Fällen sexueller Belästigung und illegaler Prostitution während (Sport-)Großereignissen sollten wir uns legitim die Frage stellen dürfen, ob ein Sujet, das eine höchstgradig übergriffige Situation verniedlicht, der passende Zugang zum Thema Fußball ist.

Gleichberechtigung bedeutet, dass Geschlechterverhältnisse neu ausgehandelt werden müssen, nämlich zum Vorteil von Frauen und Männern gleichermaßen. Es bedeutet, dass sich Frauen sowie Männer und alle Personen, die sich als weder noch oder beides definieren, die Räume aussuchen können, in denen sie sich bewegen wollen—ohne Angst vor Übergriffen physischer oder sexueller Natur.

Bet-at-home hat natürlich alles richtig gemacht und darf sich erfreut an den Eiern kratzen: Das Sujet wird diskutiert, geteilt, und schaut dabei auch auf den fünften Blick noch so richtig geil aus. Die Strategie, mit wenig subtilen Sexismus Aufmerksamkeit zu erregen, ist keine neue, und dass sie zielführend ist, haben auch schon viele vorgemacht. Wenn wir aber den Anspruch stellen, in einer besseren Welt leben zu wollen—und ja, so naiv bin ich—dann wäre es angebracht, nicht auf solche Werbestrategien zurückzugreifen. Der Werberat forderte bet-at-home übrigens vor einigen Tagen "zum sofortigen Stopp der Kampagne bzw. sofortigen Sujetwechsel" auf. Auf Facebook und Twitter wurden die Sujets bisher nicht ausgewechselt.

Screenshots vom 21. Juni.

Ganz grundsätzlich bleibt zu sagen, dass Sexismus in der Werbung, Sexismus im Netz, Sexismus in Worten und Bildern immer in Zusammenhang steht mit dem "echten Leben", mit der Realität sexueller Gewalt. Blind zu sein dafür, dass Gewalt von Worten und Bildern Nährboden für gewaltvolle Taten sind, ist nicht entschuldbar. Und verbaler oder visueller sexueller Gewalt abzusprechen, verletzend zu sein, ist schlichtweg Realitätsverweigerung.

Und wenn wir von Fußball sprechen und den lustigen "Keine Frau hat eine Ahnung was Abseits ist"-Schenkelklopfern, dann bin ich wirklich immer wieder verblüfft, wie heteronormativ männlich dieser Raum nach wie vor konstituiert ist. Wir Kritikerinnen und Kritiker von bet-at-home sind also in erster Linie nicht prüde, sondern aktiv darum bemüht, gewaltvolle Strukturen aufzuzeigen.

Therese Kaiser ist Mitbegründerin von Sorority, einem unabhängigen Verein zur branchenübergreifenden Vernetzung und Karriereförderung von Frauen in Österreich.