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Reisen

Wie es ist, in Magaluf aufzuwachsen

Ich habe meine Jugendjahre im mallorquinischen Magaluf verbracht—die dortigen Touristen wollten immer nur das eine, waren ständig voll wie eine Haubitze und erinnerten mich eher an Tiere als an Menschen.

von Tomeu Canyelles
08 April 2015, 9:30am

Es gab mal eine Zeit, da war das spanische Wirtschaftssystem noch nicht vor die Hunde gegangen und die Bewohner der Balearen hielten sich für Könige. Damals war Gabriel Cañellas noch der Präsident der Inselgruppe und unsere Wirtschaft florierte, was Wohlstand, Luxus und natürlich auch Chaos mit sich brachte.

Zu dieser Zeit waren weder Baumaterialien noch Grundstücke außergewöhnlich teuer und das bedeutete, dass so ziemlich jeder in der Lage war, sich eine Wohnung an der Küste zu kaufen oder zu mieten. Die meisten meiner Freunde verbrachten ihren Familienurlaub in Orten wie Alcúdia oder Ca'n Picafort, aber aus irgendeinem Grund—den ich bis heute nicht kenne—haben meine Eltern Magaluf als unser Sommerziel auserkoren.Wir lebten also in diesem idyllischen, kleinen Dorf, wo man noch mit dem Fahrrad zum Bäcker fuhr und es nicht mal nötig war, die Haustür abzuschließen oder die Fenster zuzumachen. Für mich hatte das Ganze immer so etwas wundervoll Ländliches an sich.

Der Autor in jungen Jahren

Anfang der 90er Jahre waren die ersten Sommer in Magaluf noch richtig friedvoll: Ich erledigte meine Hausaufgaben, um anschließend mit meiner Mutter und meinem Cousin an den Strand zu gehen. Wir verbrachten jede freie Sekunde draußen in der Sonne, bis die sich ab September nicht mehr so häufig blicken ließ.

Zwar sagt man, dass Magalufs Verfall schon in den 80ern begann, aber meiner Meinung nach ging es erst ab 1993 so richtig bergab. Da war es dann plötzlich ein wenig anders als auf der dominikanischen Nonnenschule, wo ich während der anderen neun Monate des Jahres die Schulbank drückte.

Foto: Paul Geddis

Ich weiß noch, wie die Motorhaube des Autos meines Vaters komplett mit einer stinkenden Kruste aus getrocknetem Ketchup, Senf und Mayo überzogen war. So etwas kam ziemlich häufig vor. Briten dachten, dass es ziemlich witzig wäre, Autos in allen möglichen Soßen zu tränken. Das Übliche eben.

Erst viel später habe ich herausgefunden, dass die britischen Reiseveranstalter im Jahr 1993 ihre Preise drastisch verringert hatten und so für die Massen an unkontrollierbaren Halbstarken ein All-Inclusive-Urlaubsparadies schufen. Alle waren plötzlich ganz wild darauf, hier auf Mallorca Sonne zu tanken, im Meer zu schwimmen, Sex zu haben und sich im Allgemeinen wie der letzte Vollidiot aufzuführen.

Foto: Paul Geddis

Ich war schon seit Jahren nicht mehr in Magaluf und habe keine Ahnung, ob es gewisse Etablissements wie das Spiders, das Price William, das Alexandra oder das Underground überhaupt noch gibt. Es ist wahrscheinlich besser, dass die Wände dieser Clubs nicht reden können. Aber eigentlich musste man nicht mal in Bars gehen, um sich wegzuschütten.

Ich erinnere mich auch noch daran, dass man einfach überall Alkohol kaufen konnte. Selbst in den schäbigsten Souvenir-Läden war irgendwo zwischen den Strandtüchern, den aufreizenden pinken Kleidchen und diesen eleganten Kochschürzen mit aufgedruckten Titten eine riesige Schnapsauswahl zu finden. Für einen schmalen Taler war es einem hier möglich, sich komplett die Lichter auszuschießen. Die Verkäufer verschwendeten auch gar keinen Gedanken daran, die Jugendlichen nach den gefälschten Ausweisen zu fragen, wenn sie ihren Rushkinoff kaufen wollten—dabei handelt es sich um einen ekelhaften Billig-Wodka, der quasi der Treibstoff eines jeden mallorquinischen Sommers war.

Damals war Magaluf auch so etwas wie das spanische Bermudadreieck—das Hotel Sahara, das BCM und das Punta Ballena bildeten dabei die Eckpunkte dieses Phänomens. Irgendwo zwischen diesen drei Orten war es möglich, dass Menschen einfach so verschwanden und nie wieder auftauchen. Der fortor—Insel-Slang für einen überschwelligen sexuellen Trieb—lag dort so stark in der Luft, dass man ihn fast auf der Zunge schmecken konnte.

Dabei rede ich hier nicht mal nur von den typischen Stripclubs, die quasi in jedem Gebäude zu finden waren, sondern auch von dieser offenkundigen sexuellen Feierstimmung. Selbst Jugendliche ließen sich davon anstecken. In einer Zeit, in der Handys und das Internet noch nicht so weit verbreitet waren, entwickelte sich hier ein Mikroklima, in dem die freie Liebe ständig, überall und auch in der Öffentlichkeit zelebriert wurde.

Foto: Jamie Taete

Ich erinnere mich noch daran, wie wir eines Morgens am Strand ein Pärchen dabei beobachteten, wie es in Richtung Meer stolperte. Sie legten sich dann einfach in den Sand und fingen an, völlig ausgelassen rumzumachen. Ich weiß gar nicht mehr, ob dann die Polizei gekommen ist, um dem Treiben ein Ende zu setzen. Auf jeden Fall sprang der arme Rettungsschwimmer von seinem Posten runter und sprintete wild tobend und zeternd zu den Liebenden hin.

Solche Begebenheiten waren nichts Besonderes. Einmal aßen wir auf unserer Terrasse zu Abend, während wir aus den Augenwinkeln beobachten konnten, wie sich unsere Nachbarn ihrer Klamotten entledigten und dabei vergessen hatten, die Vorhänge zuzuziehen. Mein Vater versuchte unbeholfen, die Situation zu retten: Er schlug vor, bei zugezogenen Gardinen drinnen zu essen. Nun ja, immerhin hat er sich bemüht.

Der Sex beschränkte sich jedoch nicht nur auf die Hotels. Der billige und ständig verfügbare Alkohol führte dazu, dass es die Leute absolut überall trieben: auf den Treppen unseres Wohnhauses, in Hängematten am Strand und auf jeglichen Motorhauben (natürlich vorausgesetzt, dass die nicht mit irgendwelchen Soßen beschmiert waren). Das Ganze nahm richtig absurde Züge an—sowohl im komischen als auch im perversen Sinne.

Wenn man von dem ganzen Rumgeficke die Nase voll hatte, bot einem das allgemeine Chaos trotzdem noch genügend Unterhaltung. Rotzevolle Urlauber warfen ständig alle möglichen Möbelstücke und Einrichtungsgegenstände vom Balkon ihrer Wohnungen im dritten Stock. Einmal wuchtete jemand ein Sofa aus dem Fenster, was aus irgendeinem Grund eine offensichtlich erfreute Gruppe Rowdys dazu inspirierte, die schlechteste Version von Lionel Richies Say You, Say Me darzubieten, die ich jemals gehört habe. Bis heute frage ich mich, ob ich nicht einfach nur Teil eines bizarren Performance-Kunststücks war.

Foto: Paul Geddis

Neben dem ganzen Spaß und Vergnügen hat Magaluf jedoch auch viele verstörende, dunkle, schäbige und gefährliche Kapitel vorzuweisen. Da waren zum Beispiel die sexuellen Übergriffe und die Gewalt, die monatelang die Titelseiten der Zeitungen prägten. Auch gab es unzählige Todesfälle: In den 90ern fielen ständig irgendwelche Touristen von den Balkonen und starben. Dazu kamen noch die vielen bedauernswerten jungen Männer, die mit dem Gesicht nach unten im Meer treibend aufgefunden wurden. Ich erinnere mich noch genau an diese eine Seebrücke, bei der Genickbrüche quasi wöchentlich auf dem Programm standen, weil die ganzen jungen Urlauber von dort aus mit dem Kopf voran in das seichte Gewässer sprangen.

Irgendwie sehe ich mich manchmal immer noch dort in dem kleinen Dorf mit Metallicas Kill 'Em All im Walkman rumlaufen. Dabei versuche ich, mir unbemerkt meinen Weg durch die Horden von pummeligen und kurzhalsigen Touristen in Aston-Villa-Trikots zu bahnen. Ich werde niemals vergessen, wie verblichen die Farben ihrer Unterarm-Tattoos schon waren und wie sie es drauf hatten, mühelos Biere zu exen und ganze Flaschen HP-Würzsoße während nur einer Mahlzeit zu leeren. Genau diese Typen konnte man auch dabei beobachten, wie sie mitten am Tag total wütend wurden und Telefonzellen mit ihren bloßen Fäusten malträtierten. Und ja, es waren auch genau diese vom Sonnenbrand gezeichneten Kerle, die zwei oder drei Jahre älter als ich waren und sich einfach so auf der Straße ihren Körperflüssigkeiten entledigten—und zwar aus jeder Körperöffnung.

Eigentlich waren es ja immer nur drei Monate im Jahr, aber die Tatsache, dass ich in Magaluf groß geworden bin und dabei Zeuge der Brutalität und der Wildheit des dortigen Sommers wurde, hat mir doch viel gebracht. Ich kann jetzt nicht nur einige schöne Anekdoten zum Besten geben, sondern bin mir auch der Probleme und der Widersprüche des modernen Tourismus bewusst. An manchen Orten verschwimmt die Grenze zwischen Mensch und Tier einfach.

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