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Die gruselige Atmosphäre verlassener europäischer Touristenziele

Tonje Thilesen

Obwohl Gran Canaria und das Schweizer Skigebiet Andermatt auf den ersten Blick sehr unterschiedlich anmuten, haben sie durch ihre Leere und altbackene Optik inzwischen auch viel gemeinsam.

Als mein Bruder und ich noch jung waren, haben wir zusammen mit unseren Eltern die Ferien des Öfteren auf Gran Canaria verbracht. Seit den 1960er Jahren suchen sich vor allem Skandinavier besagte Insel als Urlaubsziel aus, aber seine Hochzeit hatte Gran Canaria in den 90ern, als Pauschalreisen und Billighotels die Insel auch für die Arbeiter- und Mittelschicht erschwinglich machten.

Ich erinnere mich noch an viele schöne Aspekte unserer Gran-Canaria-Urlaube: die langen Tage, die wir am Strand verbrachten, die angespülten Quallen, die wir mit Stöcken untersuchten, oder das Aquarium in unserem Lieblingsrestaurant, das wir stundenlang beobachteten. Im Grunde wollten wir einfach nur dem dunklen und unerbittlichen Winter Norwegens entkommen.

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Vergangenen Monat bin ich zusammen mit meinen Eltern zum ersten Mal seit fast 15 Jahren nach Gran Canaria zurückgekehrt, denn ich wollte wissen, was inzwischen aus der Insel geworden ist. Als wir die Küste entlangfuhren, bin ich mit dem Zählen der „Zu verkaufen"-Schilder vor leerstehenden Hotels und Bauruinen gar nicht mehr hinterhergekommen. Ganze Orte schienen einfach so zu Staub zu zerfallen. Die Architektur, die sowieso schon durch billiges Material und Farbmischungen aus ausgewaschenem Rosa, hellem Gelb und Babyblau an die 60er Jahre erinnerten, wirkte durch die fehlenden Touristen sogar noch altbackener. Man erzählte mir, dass die Urlauber heutzutage einfach mehr auf AirBnB setzen würden.

Da war es kaum überraschend, dass mich Gran Canaria mit einem komischen Gefühl zurückließ. Nachdem ich die Insel wieder verlassen hatte, ging es für ein Foto-Shooting direkt weiter in die Schweiz. Dort entschied ich mich dann dazu, der Gemeinde Andermatt einen Besuch abzustatten, denn das war das erste Skigebiet, das mir Google Maps ausspuckte. Als ich durch das kleine Dorf fuhr, war ich doch sehr erstaunt darüber, wie mich die Optik und die Atmosphäre auf unheimliche Art und Weise an meinen vorherigen Aufenthaltsort erinnerten: überall verlassene Luxusapartments, Hotels, Gästehäuser und Restaurants ... Selbst die Skipisten waren trotz idealer Bedingungen wie leergefegt.

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Sowohl Andermatt als auch Gran Canaria erweckten in mir den Eindruck von Überbleibseln einer sterbenden Tourismusgeneration—in anderen Worten: Sie stellen für mich die Art Ferienziel dar, das Urlauber immer noch über ein Reisebüro buchen. Durch meine Fotos wollte ich vor allem die Dinge und Momente dokumentieren, die mich an den beiden eigentlich sehr unterschiedlichen Orten so unheimlich leer fühlen ließen.

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