Sex

Seit ich mit anderen schlafe, habe ich besseren Sex mit meinem Freund

"Jedes Mal, wenn ich mich nach einem Date in unsere Wohnung schleiche, wacht er auf und wir fallen übereinander her."

von Katja Lewina
15 März 2017, 3:30am

Foto: imago | Westend 61

Nachts um halb zwei. So leise ich kann, schließe ich die Wohnungstür auf und gehe auf Fußspitzen durch die dunkle Wohnung. Im Schlafzimmer höre ich den regelmäßigen Atem meines Freundes. Ich will ihn wirklich nicht wecken, als ich mich an ihn kuschele. Aber es passiert trotzdem: Jedes Mal, wenn ich mich nach einem Date in unsere Wohnung schleiche, wacht er auf und wir fallen übereinander her.

Warum das so ist? Vielleicht sind es die Instinkte: Schnell noch eigenes Sperma hinterherschießen und das andere rausholen. Denn mit den Instinkten ist es ja so: Sie sitzen irgendwo in der Steinzeit fest, während wir schon längst nicht mehr ohne Großpackung Gummis aus dem Haus gehen.

Möglicherweise sehnt er sich auch nach Nähe und Intimität. Schließlich war ich gerade mit jemand anderen nah und intim und muss jetzt wieder da andocken, wo ich hingehöre. Ein Stück weit ist es auch Trost, denn Sex mit anderen trägt (trotz allen Abmachungen) immer einen Verlustmoment in sich. Wenn ich es mit jemand anderem mache, mache ich es logischerweise nicht mit ihm. Die meisten von uns sind kleine Narzissten und wollen insgeheim, dass die Welt sich nur um sie dreht. Und wenn das schon nicht geht, dann wenigstens die Welt unseres Partners.


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Wettbewerb spielt auch eine Rolle. Der andere war gut? Ich bin noch besser. Auch wenn wir es nicht wahr haben wollen: Konkurrenz belebt eben das Geschäft. Außerdem lieben wir die Aufregung, die mit einem heißen Flirt oder einer Eroberung einhergeht. Und weil wir das alles teilen, fließen unsere Gefühle immer wieder ineinander über: Meine Begeisterung wird zu seiner, sein Abenteuer zu meinem und umgekehrt. Und ja, das Ganze funktioniert auch, wenn mein Freund derjenige ist, der von seinen außerhäuslichen Aktivitäten zurückkehrt.

Das ist die Autorin | Foto: Marcus Möller

Aber auch ganz abgesehen vom After-Date-Sex hat unsere offene Beziehung unseren gemeinsamen Sex verändert. Sex außerhalb der Beziehung lässt sich mit einer Reise in eine fremde Kultur vergleichen: Wenn du zurückkehrst, hast du dich verändert – und das allein dadurch, dass du deinem Hirn etwas anderes geboten hast. Nur totalitäre Systeme verbieten das Reisen. Weil sie Angst haben, dass niemand freiwillig zurückkehren würde, wenn er erst sieht, wie fancy es bei den anderen zugeht.

Dabei ist es nicht immer gleich fancy. Manchmal ist es todlangweilig. Oder sauschlecht. Dann gehe ich nach Hause und weiß: Gleich werde ich den Sex des Jahrhunderts haben. Und wenn es richtig gut war, dann… hab ich den auch. Ich kann also nur gewinnen.

Wenn man anfängt, mit anderen Leuten zu schlafen, kommt man plötzlich in Kontakt mit Vorlieben, Fetischen oder auch einfach nur Körperstellen, von denen man nicht im Traum gedacht hätte, dass man sie mögen könnte. Ich hatte zum Beispiel keine Ahnung, dass ich Spaß an Dominanz habe, bis mich ein Mann bat, ihn zu ohrfeigen. Das war eine echte Offenbarung! Oder man verwirklicht lang gehegte Phantasien – um dann festzustellen, dass Sex mit drei Typen gleichzeitig eher anstrengend als schön ist.

Anfangs haben wir uns mit Regeln einen Sicherheitsrahmen geschaffen: nicht woanders übernachten, niemanden öfter als ein paar Mal treffen. Inzwischen sind wir gelassener geworden und es gibt es nur noch zwei Regeln. Nummer eins: safety first. Was zwar auch ein paar Praktiken ausschließt, dafür aber auch Geschlechtskrankheiten. Und Nummer zwei: mit Ansage. Dates ergeben sich nicht von jetzt auf gleich, also bleibt genug Zeit, dem anderen Bescheid zu geben. Ungeplantes nächtliches Abschleppen ist zwar nicht direkt verboten, überfordert uns meist aber. Darum kommt es auch nicht so häufig vor.

Ansonsten gibt es keinerlei Einschränkungen. Was zur Folge hat, dass wir sexuell viel weniger abhängig voneinander sind. Ich bin nicht darauf angewiesen, dass mein Freund den devoten Teil in sich entdeckt. Da habe ich inzwischen jemand anderen für. Ich bin selbst für die Erfüllung meiner Wünsche verantwortlich und muss nicht schmollen, weil ich von ihm nicht das bekomme, was ich gerne hätte.

Paradoxerweise schenkt uns unsere Unabhängigkeit auch Nähe. Vielleicht, weil wir uns mehr zu schätzen und intensiver über Wünsche und Ängste reden müssen. Möglicherweise, weil wir einfach zufriedener in unserer Beziehung sind.

Ich habe ehrlich das Gefühl, dass wir den besten Sex der Welt haben. Witzigerweise fand ich das damals schon, als wir noch monogam lebten. Wenn ich es mit dem vergleiche, wie es heute ist, denke ich nur: Ich hatte ja keine Ahnung! Aber vielleicht ist es auch einfach so: Wer sein Kuhdorf nie verlassen hat, hat keinen Vergleich. Seitdem ich Ausflüge in andere Betten mache, bin ich mir sicher, dass mein eigenes Bett das beste von allen ist.

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