Sex

Die Geschichte des Paars, das Sex in der MRI-Röhre hatte

Vor 1991 wusste niemand, wie das alles überhaupt genau ineinander passt. Damals löste der Versuch einen Skandal aus.

von Julian Morgans
12 September 2019, 9:07am

Leider nur ein photogeshopptes Symbolfoto, während des Projekts wurden keine Bilder gemacht | Bild: Sidhant Gandhi

Ida Sabelis ist nervös. Aber besonders scharf auf Sex ist sie nicht. Es ist 1991, ein Samstagmorgen, Ida und ihr Freund sind von Amsterdam nach Groningen gefahren, in den sumpfigen Norden der Niederlande. Im MRI-Labor eines Krankenhauses sollen die beiden gleich Sex haben. Ida macht Smalltalk mit den drei anwesenden Forschern, als ihr ein Gedanke kommt.

"Mir ging auf, dass ich die einzige Frau im Raum war", sagt sie, in ihrer Stimme schwingt Empörung mit. "Ich dachte nur: 'Natürlich gibt es nur eine einzige Frau in einer Studie zum weiblichen Körper!'"

Einerseits erklärte Ida sich zur Teilnahme an der Studie bereit, weil sie schlicht hilfsbereit sein wollte. Doch die Anthropologin hat ausserdem ihre gesamte Jugend über für Frauenrechte gekämpft. Das Geschlechterungleichgewicht im MRI-Labor lässt sich nicht beheben, Ida will es hinter sich bringen.

Die Forscher werden geschäftig, ihr Freund Jupp geht noch mal pinkeln. Einer der Wissenschaftler holt die verschiebbare Stahlliege aus dem Kernspintomografen. Ida und Jupp ziehen sich aus und klettern hinein. Ursprünglich war geplant, dass Jupp sich in der Missionarsstellung auf Ida legt, aber das möchte Ida nicht. "Die Position erregt mich so gut wie gar nicht", erklärt sie. "Ausserdem wäre Jupp in dieser engen Röhre ohnehin zu schwer dafür." Also robben sie in die Löffelchenstellung, Po an Schritt.

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Ida arbeitet heute als Professorin für Organisations-Anthropologie an der Vrije Universiteit Amsterdam | Alle Fotos: bereitgestellt vom Autoren

Ein Jahr zuvor, im Herbst 1990, bekam Ida einen Anruf von einem Bekannten namens Menko Viktor "Pek" van Andel. Die beiden hatten sich schon immer gut verstanden, auch wenn Pek Ida ein wenig exzentrisch vorkam. Der Anruf zerstreute diesen Eindruck nicht unbedingt.

Pek erklärte Ida, er habe eine Idee für ein ganz besonderes "Körperkunstwerk". Er wolle ein Bild des weiblichen Fortpflanzungssystems beim Geschlechtsverkehr erstellen, und zwar mit Magnetresonanztomografie, MRI. Wie Röntgengeräte geben sie Medizinerinnen Einblick in den Körper. Laut Pek hatte aber noch nie jemand während des Geschlechtsverkehrs Einblick in den weiblichen Körper bekommen. "Das wäre eine Weltpremiere!", sagte er immer wieder am Telefon.

Ida war skeptisch, aber auch neugierig. Pek war vielleicht exzentrisch, aber er hatte auch einen medizinischen Hintergrund und bereits eine künstliche Netzhaut mitentwickelt. Er hatte nicht nur die nötigen Connections zu den Betreibern einer MRI-Maschine, sondern auch genug wissenschaftliche Seriosität, um Ida zu versichern, dass aus dem Experiment keine Pornografie werden würde. Nach einigem Überlegen und einem langen Gespräch mit Jupp willigte sie ein.

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Pek vor seinem Bauernhof in der Nähe von Groningen

Pek hatte Recht, als er sagte, es hätte zuvor noch nie jemand mit einem Magnetresonanzverfahren die inneren Geschlechtsorgane der Frau beim Sex gezeigt. Andere hatten allerdings schon ihre Fantasie angestrengt: Das berühmteste frühe Beispiel stammt von Leonardo da Vinci, der irgendwann zwischen 1492 und 1494 eine Illustration anfertigte, die zeigt, wie ein Mann seinen erigierten Penis in die halb-transparente Vagina einer Frau schiebt. In der Zeichnung tauchen Körper und Gesicht der Frau nicht auf, sondern nur ihre Fortpflanzungsorgane. Die Vagina sieht aus wie ein gleichmässig weiter Zylinder, der vom Schritt direkt zum unteren Ende der Wirbelsäule führt.

An diesem groben anatomischen Querschnitt hing die Menschheit fast 500 Jahre lang fest. Fast alle Grafiken der weiblichen Anatomie, ob auf Tamponpackungen oder in Sexualkundematerialien, zeigen die Vagina als geraden Tunnel. Penisse müssen sich in diesen Grafiken nicht an Biegungen oder irgendwelche anderen Eigenschaften des Frauenkörpers anpassen. Die Erektion geht einfach gerade hinein, und gerade wieder heraus – so sah es da Vincis Ansatz, und so sah es bis in die Moderne die allgemeine Vorstellung. Niemand hatte diese Skizze per MRI überprüft, also war das nur Spekulation.

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Pek und eine Kopie von Leonardo da Vincis Zeichnung aus den 1490er Jahren

Zurück im Labor stecken Ida und Jupp nun von Kopf bis Knöchel in der MRI-Röhre, nur ihre Füsse schauen unten raus. Jupp hat sich zuvor – verständliche – Sorgen gemacht, dass er womöglich keine Erektion hinbekommt, doch als Ida hinter sich nachtastet, stellt sich die Sorge als unbegründet raus. Sie robben in die richtige Position und dann, so beschreibt es Ida, "wurde es angenehm warm in der Röhre und wir schafften es wirklich, einander auf intime Weise zu geniessen".

Ab und an kommt eine Durchsage über die Sprechanlage, dann brechen die beiden in Lachen aus. "Die Erektion ist vollkommen sichtbar, einschliesslich der Wurzel", sagt jemand aus dem Kontrollraum. "Haltet diese Position." Und dann versuchen Ida und Jupp, bloss nicht zu lachen und stattdessen möglichst stillzuliegen. Dabei ist Jupp in Ida und die MRI-Maschine wummert und rumst um sie herum.


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An dieser Stelle genau zu beschreiben, wie MRI funktioniert, würde den Rahmen sprengen. Aber im Grunde handelt es sich um grosse Plastikbehälter, in denen sich lauter Metallspulen befinden. Die Öffnung der Röhre verläuft entlang der Mittelachse der Spulen, die mit plötzlichen Stromstössen magnetisiert werden, sodass sie erschaudern und rumsen. Eine MRI-Röhre, die gerade ein Bild anfertigt, ist wie eine grosse Box voll mit aufgeladenen Hula-Hoop-Reifen, die herumspringen und aneinanderschlagen. Vermutlich handelt es sich um das lauteste medizinische Gerät überhaupt. Und mitten in diesem Krach machen Ida und Jupp etwa eine Dreiviertelstunde lang Liebe, mit Stillhalte-Pausen, in denen beide versuchen, erregt zu bleiben. Und dann sollen sie "abschliessen" – Orgasmen haben, wenn möglich.

Hinterher ziehen die Forscher sie wieder aus der Röhre, nackt und verschwitzt, "wie Brötchen, die aus dem Ofen kommen", erinnert sich Ida. Die beiden ziehen sich schnell an und eilen in den Kontrollraum, um sich anzusehen, was sie für Bilder erzeugt haben.

"Als ich die Bilder sah, dachte ich nur: 'Aah, so passt das also alles zusammen'", sagt Ida. "Es war wunderschön! Ich konnte meine Gebärmutter sehen und dann war da Jupp, an einer Stelle, die ich vom Spüren schon kannte, direkt unter dem Gebärmutterhals. Unser Inneres war jeweils sehr gut zu erkennen, und auch die klare Linie unserer Bauchdecken, die uns trennte. Die vielen Details machten mich sprachlos."

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Der berühmte MRI-Scan. Auf der rechten Version wurden verschiedene Körperteile markiert: der Penis mit "P", die Hoden mit "Sc", Idas Gebärmutter mit "U", ihre Blase mit "B"

Eine Person im Raum ist nicht sprachlos: Pek van Andel. Beim ersten Blick auf die Bilder fällt ihm auf, dass Jupps Penis in eine gekrümmte, bumerangartige Form gedrückt wurde. Von der Wurzel aus geht Jupps Penis in einem 120-Grad-Winkel von seinem Körper weg – so hat Leonardo da Vinci es nie dargestellt. Pek hat den Beweis vor sich, dass sein "Kunstprojekt" etwas noch viel Wichtigeres geworden ist: Das Forscherteam hat mit Idas und Jupps Hilfe 500 Jahre des anatomischen Irrglaubens ausgeräumt.

Doch wie so oft in der Kunst und in der Wissenschaft freuen sich nicht alle über den Vorstoss, aus Idas und Peks mutigen Versuch wird ein Shitstorm. Peks vorläufige Scans und Ergebnisse schickt er an die Fachzeitschrift Nature, Ida ist Koautorin. Die Arbeit wird ohne Begründung abgelehnt. Die niederländische Boulevardpresse kriegt Wind von der Geschichte und vermittelt den Eindruck, kranke Menschen hätten hilflos auf ihre überlebenswichtigen MRI-Scans gewartet, während Peks Team das Gerät für frivolen Schmuddelkram zweckentfremdete. Das stimmt schon deshalb nicht, weil das Experiment ausserhalb der normalen Laborzeiten stattfand, doch das Krankenhaus will nicht mehr öffentlich zu dem Projekt stehen. So kann Pek den Versuch auch nicht wiederholen. Eine noch gründlichere, wissenschaftliche Untersuchung ist unmöglich geworden.

"Es war so enttäuschend", sagt Pek. "Wir hatten eine Forschungslücke gefunden, und niemand wollte uns die Arbeit fortsetzen lassen, weil sie sich Sorgen machten, dass das auf ihrem Lebenslauf schlecht aussehen könnte."

Pek lässt sich nicht entmutigen. Es müssen weitere Versuche mit anderen Paaren her. Einige Monate lang bearbeitet er die Leitung des Krankenhauses von Groningen, bis die Abteilungen für Frauenmedizin und Radiologie an Bord sind – solange alles komplett vertraulich bleibt und niemand irgendetwas darüber veröffentlicht. Pek willigt ein. Die Hürde mit den Veröffentlichungen will er später nehmen.

Von 1991 bis 1999 hatten acht Paare Sex und drei Frauen Solo-Sex im MRI des Krankenhauses – insgesamt 13 Mal. Diese Versuche fanden alle in der Missionarsstellung statt, mit volljährigen Freiwilligen, denen man vorher verdeutlichte, dass sie jederzeit mit dem Experiment aufhören konnten. Das tat niemand, aber wie Ida betont: Keiner der Männer konnte den Versuch ohne Viagra durchführen.

"Wir waren das einzige Paar, das den Test ohne Viagra geschafft hat", sagt sie. "Das spricht für mich für die Liebe zwischen Jupp und mir. Das kann keine Studie einfangen: Wie eng verbunden man sein muss, um es unter solchen Umständen zu machen."

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Pek zeigt sein Werk

Im Dezember 1999 veröffentlichte das British Medical Journal endlich die Arbeit – nach acht Jahren und drei abgelehnten Einreichungen. Die Arbeit trug den Titel Magnetic Resonance Imaging of Male and Female Genitals During Coitus and Female Sexual Arousal. Und bis heute ist sie Idas und Peks wissenschaftliche Errungenschaft, aus der am häufigsten zitiert wird.

"Wahrscheinlich ist das mein Vermächtnis", sagt Ida, die inzwischen an der Vrije Universiteit Amsterdam als Professorin für Organisations-Anthropologie arbeitet. "Aber ich habe Glück. Man kann sich sein Vermächtnis nicht aussuchen. Und manche Leute haben gar keins."

Neben den Beobachtungen zu verbogenen Penissen beinhaltet die Arbeit noch eine weitere unerwartete Entdeckung: die Wirkung von Sex auf die weibliche Blase. Wie fast jede Frau vielleicht schon mal erlebt hat, ist die Blase nach vaginalem Geschlechtsverkehr plötzlich voll. Das konnte auch bei allen Teilnehmerinnen im Laufe der 13 Scans beobachtet werden. Bis heute ist man sich in der Wissenschaft nicht sicher, woran das liegt.

"Bei jedem Abschluss-Scan war eine volle Blase zu sehen. Dabei waren die meisten Teilnehmerinnen vor dem MRI noch mal auf die Toilette gegangen", sagt Pek ganz erstaunt. "Wir glauben, dass die Evolution Frauen so zwingen will, nach dem Sex zu pinkeln. Vielleicht hat sich diese Funktion bei unseren Vorfahren entwickelt, um Harnweginfektionen vorzubeugen. Das ist aber nur eine Überlegung."

Inzwischen ist Pek im Ruhestand und lebt mit seiner Partnerin auf einem riesigen Bauernhof. Laut eigener Aussage ist er stolz auf seine Arbeit – auch wenn diese ihm gezeigt hat, wie feige und heuchlerisch es in der Wissenschaft zugehen kann: Nachdem die Arbeit veröffentlicht und im Science-Magazin gelobt wurde, kamen plötzlich alle, die vorher nichts mit dem Projekt zu tun haben wollten, wieder an und wollten ein Stück vom Kuchen.

"Leute, die uns bewusst einen Riegel vorschieben wollten, sprachen später vor der Presse oder schrieben in ihren Lebensläufen, dass sie bei dem Projekt mitgearbeitet hätten", sagt Pek und schüttelt seinen Kopf. "Bei Erfolg wollen plötzlich alle immer dabei gewesen sein."

Ida sagt, dass sie eine weitere frustrierende Eigenschaft der Menschen erkannt habe: Die meisten Leute sind beim Thema Sex extrem kindisch. Bis heute lachen ihre Freunde und Verwandten immer noch darüber, wie Ida mal mit ihrem Freund in einem MRI gebumst hat – obwohl viele dieser Freunde studiert haben und kurz vor dem Ruhestand stehen. Solche Reaktionen findet Ida vor allem im Uni-Umfeld komisch, wo ihr kicherndes Kollegium aus Akademikerinnen und Akademikern besteht, die in einer der fortschrittlichsten Städte der Welt im Feld der Sozialwissenschaften arbeiten.

"Ich habe das Gefühl, dass wir uns in vielen Bereichen zurückentwickeln", sagt Ida. "Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Sex keine grosse Sache war. Wir sind damals immer nackt baden gegangen, und die Leute schienen offener. Jetzt kommen sie mir immer konservativer vor."

Dennoch ist Ida unglaublich stolz auf ihren Beitrag zur Gender-Gleichheit im wissenschaftlichen Bereich der Erregung. Damals, an diesem einen Morgen im Jahr 1991, hatte sie keine Ahnung, worauf sie sich einliess. Heute ist sie froh, dass sie es durchgezogen hat. Auch wenn das Experiment vorrangig von Männern geleitet wurde.

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