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Rassismus

Wir waren in der Beiz, die "keine Neger" bedienen will

Das Restaurant Traube im Toggenburger Bazenheid machte kürzlich Schlagzeilen, weil es angeblich Asylbewerber nicht bedienen wollte. Wir haben uns an den Stammtisch gesetzt.

von Johanna Senn
06 Oktober 2017, 2:31pm

Screenshot von Google Street View

Die Nachricht machte über das Wochenende Schlagzeilen: Asylbewerber sollen im Restaurant Traube in Bazenheid wegen ihrer Hautfarbe nicht bedient worden sein. Das St. Galler Tagblatt brachte die Geschichte um die Beiz, die "keine Neger bedient", ins Rollen, 20 Minuten und andere streuten sie weiter – auch VICE hat über den Fall berichtet. Inzwischen hat die Kantonspolizei St. Gallen den Fall aufgenommen und wird ihn an die Staatsanwaltschaft berichten.

Fast noch schockierender als die von einem Zivildienstleistenden berichtete Diskriminierung in der Traube waren die Reaktionen, die man auf Facebook zur News-Meldung las: "Genau richtig", schreibt ein Typ unter den Post des regionalen Onlineportals FM1Today. "Das wird ab jetzt mein neuer Lieblings-Spunten", ein anderer. "Seine Beiz seine Regeln", findet ein Dritter und hängt gleich drei Ausrufezeichen an. Es gibt durchaus auch Leute, die sich gegen die Wirte der Traube aussprechen – die meisten Kommentare haben im besten Fall aber nichts an offener Fremdenfeindlichkeit der Wirte auszusetzen: "Die sollen nur sehen, dass es nicht nur schön ist, wenn man seine Frau und Kinder wie ein feiger Hund in seinem Land zurücklässt, und hier auf Staatskosten leben will".

Screenshot von Facebook

Nachdem ich zwei Mal leer schlucke, entscheide ich, nicht ebenso voreilig zu urteilen wie die Kommentatoren und mir selbst ein Bild von der Traube zu machen. Ich möchte herausfinden, was hier für Menschen verkehren und ob dort wirklich alle Fremdenfeinde sind, wie es auf Facebook und in den Schlagzeilen den Anschein macht – deshalb fahre ich nach Bazenheid.

Bereits im Zug Richtung Bazenheid fällt mir auf: Die Menschen hier sind sehr durchmischt. Zwischen zwei Frauen aus dem Ostblock mit Kinderwagen stehen Herr und Frau Schweizer. Rund 3.500 Menschen wohnen hier, etwa 30 Prozent von ihnen haben eine ausländische Staatsangehörigkeit. Das Dorf im Toggenburg ist ein schöner Fleck Erde. Zwischen Bauernhäusern mit Geranien erstrecken sich grüne Wiesen mit Kühen und Ziegen. Hier kennt man sich, so mein erster Eindruck als jemand, der ebenso auf dem Land aufgewachsen ist. Da das Karten-App meines Handys streikt, frage ich einen Mann mittleren Alters, der gerade in sein Auto einsteigt, nach dem Weg zum Restaurant Traube. "Du kannst gleich mit mir mitfahren, wenn du möchtest. Ich muss eh in diese Richtung." Sein Angebot nehme ich dankend an und frage ihn unterwegs, ob er die Geschichte mitbekommen habe. Er nickt und meint: "Ich war früher mal da, als noch nicht die neuen Pächter drauf waren. Nach dem Vorfall würde ich eh nicht mehr dorthin gehen." Wenige Minuten später setzt er mich vor dem Restaurant ab. Ich steige aus und werde bereits von neugierigen Gästen beäugt, die es sich in der Gartenwirtschaft mit Blick auf die Strasse, direkt neben den provinztypischen, zugeklappten Sonnenbräu-Sonnenschirmen gemütlich gemacht haben.

Ich werde freundlich begrüsst. "Darf ich mich zu euch setzen?", frage ich den ersten vollen Tisch. Ich setze mich zu vier Herren, die gerade dabei sind, ihr Feierabendbier zu trinken. Die Kellnerin ist überaus freundlich, gibt mir zur Begrüssung sogar die Hand. Ich sage ihr meinen Namen und sie findet, dass ich "einen schönen, richtigen Schweizer Namen" habe. Obwohl dieser Kommentar etwas komisch anmutet, fühle ich mich willkommen. Die erste Freude über ein neues Gesicht legt sich allerdings, als ich mich als Journalistin oute. Die Wirtin beäugt mich kritisch, nickt mit dem Kopf und verschwindet ins Haus. In den nächsten zehn Minuten tun es ihr weitere Gäste gleich. Ob es am Fakt liegt, dass ich mit einem redaktionellen Auftrag hier sitze, weiss ich nicht. Man spricht nicht gern über den Vorfall, so kommt es mir vor. Und über Fremdenfeindlichkeit schon gar nicht. Kurz nachdem ich mich setze, verabschieden sich dann auch zwei weitere Männer. "Das hat wirklich nichts mit dir zu tun. Ich habe sonst noch Termine. Und wenn ich nicht rechtzeitig daheim bin, schimpft meine Frau", erklärt sich der Eine.

"Ich kann dir nicht genau sagen, warum, aber die Dunkelhäutigen mag das Wirtepaar hier einfach nicht so."

Dennoch habe ich die Gelegenheit, mich weiterhin mit den verbliebenen Gästen an meinem Tisch zu unterhalten. Als ich sie auf den Vorfall anspreche, erklären sie mir zunächst, dass sie die SP hinter der Aktion vermuten – wie so manche andere im Dorf. Der Vorfall löste nämlich auch eine Debatte im Dorf aus, wie das St. Galler Tagblatt berichtete.

In der vergangenen Woche äusserte sich Stefan Diener, Präsident der lokalen SP, und meinte, dass die Traube für Parteiveranstaltungen schon lange nicht mehr tragbar sei. Bazenheid tue sich allgemein schwer mit dem hohen Ausländeranteil. Hans Stadler, Präsident eines Vereins, der regelmässig Kleinkunstveranstaltungen in der Traube organisiert, bezeichnet Dieners Äusserungen als "untragbar" und findet zum Vorfall, er habe noch nie etwas in diese Richtung gehört. Seine Veranstaltungen werde der Kulturverein auf jeden Fall weiterhin in der Traube durchführen. Bazenheid habe tatsächlich viele Ausländer, merkt er an, aber die Integration funktioniere gut. Der SP-Präsident Diener kommt gegenüber dem St. Galler Tagblatt zum Fazit, es sei irritierend und entlarvend, dass seine Aussage im Dorf eine grössere Kontroverse ausgelöst habe als die Sätze, die in der Beiz gefallen sein sollen. Bei einer im letzten Jahr durchgeführten Umfrage bewerteten 70 Bazenheider auch das Zusammenleben mit Ausländern. Ergebnis: 2.67 von 4 möglichen Punkten. Etwas weniger als die benachbarten Dörfer, aber "nicht im kritischen Bereich", wie die lokale FDP analysiert.



In der Traube erklärt mir ein Gast: "Weisst du, die SP wollte den Saal hier mieten, aber das hat nicht geklappt." Letztlich sei ja niemand von ihnen an diesem Tag da gewesen. Sie finden dann aber, falls sich die Geschichte tatsächlich so zugetragen habe, können sie die Reaktion der Wirtin nicht ganz nachvollziehen. "Bei mir in der Arbeit hat es auch viele Ausländer, viele die anders aussehen. Aber ich komme gut mit denen aus", findet einer. Der Andere nickt zustimmend und fügt hinzu: "Auch ich hatte nie Probleme mit Ausländern." Sie betreffe es nicht direkt, finden die beiden. Daher sei dies auch für sie kein Grund, nicht mehr hierherzukommen. Mit merklich leiserer Stimme erklärt der Eine: "Ich kann dir nicht genau sagen, warum, aber die Dunkelhäutigen mag das Wirtepaar hier einfach nicht so." Mit allem, was vom Meer komme, hätten sie hier so ihre Probleme, witzelt der Andere. Sie wissen aber auch nicht, wieso.

"Das Problem von euch Journalisten ist, dass ihr immer alles so schreibt, dass es eine gute Schlagzeile gibt."

Es ist eine Denkweise der Art "wenn jeder auf sich selbst schaut, ist für jeden gesorgt", die ich hier feststelle. Dass das Wirtepaar klare Präferenzen hat, wird im Verlauf des Gesprächs deutlich. "Einmal war ein Kollege von mir hier. Mit seinem Hund. Der wollte Wasser für ihn haben, aber die Wirtin meinte, Wasser gebe es für den Hund keines. Da fand mein Kollege dann: Gut, dann trink ich mein Bier auch nicht hier." Sie erzählen mir die Geschichte als eine Art Beispiel, dass ja jeder machen könne, wie er wolle. "Wenn ich mit einem andersfarbigen Kollegen etwas trinken gehen möchte, würde ich jetzt wohl auch nicht grad hierherkommen", findet der Eine. "Aber uns gefällt es hier." Fast absurd, aber in dieser Idylle verwundert mich das nicht besonders. Die Wirtin ist freundlich, kennt alle beim Namen. "Ab und zu gibt sie auch eine Runde Schnaps aus", weiss einer der Herren zu berichten.

In der Traube kämen eh selten Ausländer vorbei. "Die meisten gehen in ein Lokal in der Nähe des Bahnhofes." Sie sind sich einig: Der Wirt dort drehe krumme Dinge. Da sei es egal, wenn einer auch mal keinen Ausweis hat. Früher seien sie da auch ab und zu hingegangen, heute aber nicht mehr. Einer der beiden verabschiedet sich: "Bei mir daheim gibt es jetzt ein Fondue."



Ich wechsle den Tisch. Ein Mann und eine Frau in Arbeitskleidung trinken ihr Feierabendbier. "Wie heisst so ein Artikel, in dem man sagen möchte, wie es wirklich war?", fragt mich der Mann. "Eine Gegendarstellung", erwidere ich. "Genau, wir sollten eine Gegendarstellung machen. 50 Schwarze zur Rösti hierher einladen." "Ja, aber Kartoffeln habe ich keine", findet die Wirtin, die sich auch an den Tisch gesetzt hat. Mir fällt auf: Rassist sein will niemand – jedenfalls nicht explizit. Dennoch sind die Sprüche derb und mehr als an der Grenze: "Das würde den meisten von denen wohl kaum schmecken", erwidert ein anderer Gast. "Ha! Dann halten wir ihm halt ein Gewehr an den Kopf und sagen: Komm iss!" lacht der Mann.

Rassist sein will hier niemand – jedenfalls nicht explizit. Dennoch sind die Sprüche derb und mehr als an der Grenze.

Die Kellnerin sitzt schon seit geraumer Zeit immer genau an dem Tisch, an dem ich mich befinde. Alleine lässt sie mich nie. Auch Fotos sind keine erwünscht. "Das Problem von euch Journalisten ist, dass ihr immer alles so schreibt, dass es eine gute Schlagzeile gibt", findet sie. Sie gebe aus diesem Grund über den Vorfall auch gar keine Auskunft. Von Journalisten scheint sie allgemein keine gute Meinung zu haben. "Wir hatten letzte Woche einen Fotografen hier", erzählt sie mir. "Er stand auf der anderen Strassenseite und immer, wenn ich nicht hingeschaut habe, hat er Fotos gemacht." Ich solle doch lieber darüber schreiben, dass wir hier einfach einen gemütlichen Abend hatten. "Und schau, die Blumen sind auch schön. Und bald ist Jahrmarkt. Da trifft man viele alte Freunde wieder." Auf meine Frage, ob sie auch von hier stamme, möchte sie keine Antwort geben. "Genau so holt ihr eure Informationen", findet sie. Die Frau in Arbeitskleidung, die neben mir sitzt, beschwert sich, dass auf dem einen Foto, das in der Zeitung erschienen war, das Auto ihres Vaters zu sehen war. "Das Nummernschild haben sie ja schon geschwärzt. Aber im Dorf weiss jeder, wem welches Auto gehört."

Einer der Gäste wechselt nach einem kurzen Moment der Stille das Thema. "Letzte Woche war ich an einem Konzert im Volkshaus in Zürich. Beth Ditto." Das sei sehr toll gewesen, schwärmt er. Es habe viele Schwule und Lesben da gehabt. "Beth Ditto ist ja auch eine Lesbe", fügt er an. Es habe ihm "trotzdem" gut gefallen. Beth habe Stimmung gemacht und sei einfach eine sympathische Frau. Die Gespräche werden zu Smalltalk und ich verabschiede mich Richtung Bahnhof.

Ich rufe ein Taxi und geniesse die Stille, die über dem Dorf liegt. Mein Taxi kommt und ich steige ein. "Zum Bahnhof, gell?", fragt mich die Fahrerin. Unterwegs spreche ich sie auf das Restaurant und die Rassismusvorwürfe an. "Schon komisch, nicht?", versuche ich mich heranzutasten. "Ja. Hier ist noch vieles komisch", findet sie knapp. "Ehrlich gesagt, finde ich diesen Vorfall, sollte das passiert sein, ziemlich schlimm", sage ich. Sie reagiert nicht.

"In manchen Schulklassen hat es eh mehr Ausländer als Schweizer. In meiner hat es, soweit ich weiss, gar keine Schweizer."

Am Bahnhof treffe ich auf eine Gruppe Jugendlicher. Ob sie auch von der Diskriminierung in der Traube gehört haben, will ich von ihnen wissen. Sie bejahen. Keiner von ihnen ist Schweizer. "Ich war mal in der Traube zum Essen, hatte aber nie Probleme", ergänzt einer. Ein anderer findet: "Eigentlich schon schräg, dass sie das sagen und machen, obwohl es so viele Ausländer hier hat." "95% in Bazenheid sind Ausländer", witzelt der Zweite. "In manchen Schulklassen hat es eh mehr Ausländer als Schweizer. In meiner hat es, soweit ich weiss, gar keine Schweizer."

Bei meinem Besuch in Bazenheid habe ich Menschen getroffen, die es sich in dieser Idylle bequem gemacht haben. Man geniesst sein Bier, das schöne Wetter und das gemütliche Beisammensein. Und auch wenn sie es nicht zugeben würden, habe ich den Verdacht, dass sie diese Ruhe von allem Fremden bedroht sehen – seien es nun Ausländer oder Journalisten. Obwohl die Strecke von Bahnhof bis Restaurant sehr kurz ist, kommt es mir vor, als wäre ich an einem völlig anderen Ort gewesen. Dort, wo die Geranien gepflegt und die Leute zu ihresgleichen wahnsinnig freundlich sind. Sie tragen schweizerische Namen, schwärmen vom feinen Wurst-Käse-Salat und sind anscheinend froh, wenn sie in ihrem Frieden nicht gestört werden. Dass Andersfarbige hier keinen Platz haben, scheint eine Sache zu sein, die man so akzeptiert. Dass das Wirtepaar "halt anders denkt" oder "etwas eigen" ist, nimmt man halt hin. Fremdenfeindlichkeit findet im Gegensatz zu den Kommentaren auf Facebook höchstens subtil oder hinter vorgehaltener Hand statt. Letzten Endes bleibt sie aber Fremdenfeindlichkeit, auch wenn sie in dieser Form weniger schlagzeilentauglich ist.

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