Bild: imago | APP-Photo

Missbraucht und gepfählt: Der bestialische Mord an Jim Reeves

Zwei Bauarbeiter haben den Ex-Popstar zu Tode gequält, urteilt ein Berliner Gericht. Die Details sind erschreckend. Die Frage nach dem Warum bleibt ungeklärt.

|
Nov. 7 2018, 12:44pm

Bild: imago | APP-Photo

Manche Taten sind einfach zu krass, als dass man glauben könnte, sie seien ohne Grund passiert. Aber das ist hier wohl geschehen.

Zwei Männer brechen ihrem Opfer 15 Rippen – er hat heftige innere Blutungen, seine Lunge reisst. Sie führen ihm eine ganze Zucchini anal ein und pfählen ihn dann regelrecht mit einem abgebrochenen Stuhlbein. Anschliessend wuchten sie seinen leblosen Körper in ein Hostelbett, decken ihn zu und legen sich im gleichen Zimmer schlafen, als sei nichts gewesen. Am nächsten Morgen checken sie aus. Und all das soll einfach so passiert sein, als eine Art Übersprungshandlung. Zumindest ist das der Eindruck, der bleibt, nachdem die Verteidiger der beiden Angeklagten ihre Schlussplädoyers gehalten haben.

Der letzte Tag im Prozess um den Tod von Sänger Jim Reeves ist nur schwer zu ertragen. Pawel A. und Adam K. werden zu 14 und 13 Jahren Haft verurteilt, für besonders schweren Totschlag mit besonders schwerem sexuellen Missbrauch einer wehrlosen Person. Aber auf die für viele Anwesende im Verhandlungssaal des Berliner Landgerichts entscheidende Frage, warum eine solch bestialische Tat mitten in Berlin geschehen ist, wird wird es vermutlich nie eine Antwort geben.

Nichts im Leben der Täter deutete auf diese Brutalität hin

Kann man jemandem das Böse ansehen? Fast 14 Monate hat der Prozess gegen die beiden Bauarbeiter gedauert. Zumeist haben sie, beide aus Polen, den Ausführungen des Übersetzers reglos gelauscht. Pawel A., 31, Afghanistan-Veteran, am Hals tätowiert, hat einen Bauchansatz, sieht durchgehend skeptisch aus. Seine Augen sind hinter einer randlosen Brille nur schwer zu erkennen. Adam K. ist 23, hat ein offenes Gesicht, aber sieht auch aus wie einer, dem du nicht nachts auf dem Asphalt zwischen gesichtslosen Betonblöcken begegnen willst.

Beide Angeklagte haben sich auf Baustellen verdingt, beide sind vorbestraft, aber wegen kleinerer Vergehen, jedenfalls nicht wegen Gewaltverbrechen. Nichts in ihren bisherigen Leben erklärt, warum sie Jim Reeves getötet haben. Pawel A. ergreift am Ende nochmal das Wort, sagt bestimmt: "Ich bin unschuldig." Nach seiner Darstellung hat sein Kumpane die gesamte Tat zu verantworten. Adam K. streitet die Tat dagegen nicht ab, gibt aber an, sich an Details nicht erinnern zu können. "Ich schäme mich", sagt er. Auch, dass es ihm vor seiner Familie leid tue. Und: "Nüchtern hätte ich sowas nicht gemacht."

Richter Peter Faust verurteilt den weitgehend geständigen K. zu einem Jahr weniger als A. – er glaubt dem älteren der beiden nicht. Damit ist er im Gerichtssaal nicht alleine.


Auch bei Vice: Falsch wegen Mordes verurteilt: Der Freiheitskampf der Fairbanks Tour


Jim Reeves' Mutter, eine alte Dame, die extra zur Urteilsverkündung angereist ist, fängt mehrfach lautstark zu weinen an, etwa wenn eine Verteidigerin ihren getöteten Sohn als aggressiven Trinker beschreibt, der seinen Tod durch sexuelle Avancen an die beiden Täter praktisch provoziert habe.

In seinen letzten Jahren war vom Spassvogel Jim Reeves nicht mehr viel übrig

Bekannt geworden ist Jim Reeves als singender Spassvogel, der perfekt in die bunten 90er Jahre passte. Mit Sqeezer verkaufte er weltweit mehr als eine Million Platten. Sqeezer-Hits wie "Without You" standen wochenlang in den Charts. Mit seinem Cousin, dem, früheren Viva-Moderator Mola Adebisi, veröffentlichte er 1997 den Song "Get it Right", dessen Video einem einzigen, frechen Dancemove gleicht, als wäre vor lauter Dreads und Drinks und Fun kein Platz mehr für etwas anderes in der Welt.

In den letzten Jahren seines Lebens schien nicht mehr so viel übrig geblieben von dem Lebensgefühl von damals. Seine langjährige Freundin Olivia Jones, die Reeves mehr als 20 Jahre lang kannte, sagte bei RTL: "Er ist niemals damit klar gekommen, dass seine Karriere zu Ende ist. Das heisst: Drogen, Alkohol."

Von Reeves selbst sind zu seinen letzten Lebensjahren wenige Aussagen zu finden. Einmal, etwa ein Jahr vor seinem Tod, sprach er ausführlich mit einem Bild-Reporter, der in derselben Strasse in Berlin-Charlottenburg wohnte wie Reeves. Da sagte er: "Ich war mal ziemlich gut und ganz schön weit oben. Seit Jahren lebe ich jetzt schon fast ausschliesslich von Hartz IV." Auch von Suchtproblemen und einer Therapie ist in dem Text zu lesen – aber auch davon, dass Reeves dabei war, wieder aus der Sackgasse zu kommen, an neue Projekte zu denken. Einer der Zuschauer, die das Verfahren begleitet haben, erklärt einmal in einer Verhandlungspause: "Er war noch nicht fertig. Jim wollte noch etwas vom Leben."

Die drei trafen ausgerechnet im Hostel "Happy go lucky" aufeinander

Mola Adebisi war schon bei der Verlesung der Anklageschrift im Gerichtssaal, ebenso wie die drei Geschwister des Getöteten. Nach dem Urteil, im Flur vor dem Gerichtssaal, wirkt Adebisi derangiert. "Mein Freund und Cousin ist gepfählt worden. Diese Grausamkeit ist schwer zu verarbeiten. Ich kann das alles nicht begreifen." Nach diesen Worten geht Adebisi, mit gesenktem Kopf, schwarz gekleidet, und er ist in diesem Moment in allem das Gegenteil von "Get it Right".

Was genau rund um die Tat passiert ist, hängt natürlich davon ab, wer gefragt wird, aber die Ausführungen von Richter Faust geben einen Überblick darüber, wie so unterschiedliche Menschen wie die beiden Täter und das Opfer überhaupt in eine Situation gelangen konnten, wie sie der Tat vorausging.

Jim Reeves hat sich mit seiner Lebensgefährtin gestritten, was häufiger passiert sein soll, da sie "mehr von der Beziehung wollte", so das Gericht. Reeves habe ihr das als schwuler Mann aber nicht bieten können, schwingt in diesen Worten mit. In solcher Lage nächtigte Reeves häufiger im Hostel "Happy go Lucky" am Stuttgarter Platz in Berlin-Charlottenburg. Dort traf er diesmal auf zwei polnische Bauarbeiter, die für einen Job nach Berlin gekommen waren, der aber noch bevorstand. Sie lungerten herum und tranken.

Reeves, K., und A. gingen zusammen feiern, sie tranken viel, sie koksten auch, Reeves besorgte das Kokain, er schmiss einige Runden. Die beiden Polen waren beeindruckt von Reeves, mit seinen Rastas, seiner Vergangenheit, seinem exaltierten Gehabe. Im Prozessverlauf fällt über Reeves mehrfach das Wort "Paradiesvogel".

Bei seinem Tod hatte Reeves zwei Promille im Blut

Die beiden Polen waren so ziemlich das Gegenteil von ihm, und warum sich Gegensätze in diesem Fall anzogen, wird für immer ein Rätsel bleiben. Jedenfalls wurden vor Gericht zahlreiche Videoaufnahmen von den Überwachungskameras vorgespielt. Darauf ist zu sehen, wie die drei sich begrüssten, als wären sie alte Buddys, wie sie soffen, mehr und noch mehr, bis K. in einer Sequenz Papierfetzen in seinen Mund stopfte und genüsslich kaute.

Schon in der ersten Nacht soll Reeves K. eindeutige Angebote gemacht, ihn zu Sex aufgefordert haben, das behauptet K. zumindest. Richter Faust findet dafür keine Belege, er hält diese Aussage für unglaubwürdig. Jedenfalls kann alles, was in der ersten Nacht passiert ist, nicht allzu schlimm gewesen sein, denn auch in der verhängnisvollen zweiten Nacht ziehen sie zusammen los, sie trinken nicht einfach, sie saufen. Jim Reeves hatte, als er getötet wurde, zwei Promille im Blut.

Auch wie es im Hostelzimmer dann soweit kommen konnte, dass Reeves gepfählt wurde, wird für immer im Dunkeln bleiben. Ausser den beiden Tätern gibt es keine Zeugen. Auch keine Kameraaufnahmen. Laut K. wollte Jim Reeves ihn zum Sex nötigen, hatte sich dafür nackt ausgezogen, weshalb er, K., die Kontrolle verloren hätte.

Ein mögliches Motiv: Homofeindlichkeit

Wie das damit zusammenpasst, dass die beiden Täter eine Zucchini besorgt hatten, obwohl sie im Hostel nicht kochten, ist nur eine von vielen offenen Fragen. Die Grausamkeit der Tat steht jedenfalls in krassem Widerspruch zu der Beschreibung eines Abends, der ausser Kontrolle geriet. Richter Faust nennt die "sexuelle Grenzübertretung", die Reeves durch sein Angebot an K. vollzog, zwar schon als möglichen Initiationsmoment. Aber auch er selbst scheint sich keinen Reim darauf machen zu können, wieso diese brutale Folter dann erfolgte. Die zuerst in den Sinn kommende Erklärung, wonach homofeindliche Osteuropäer einfach aus Schwulenhass töteten, scheint zumindest durch die vorherige temporäre Freundschaft der drei nicht einwandfrei logisch. Es bleibt am Ende der Eindruck von einer Banalität des Bösen.

Ein Mord hat für das Gericht trotzdem nicht stattgefunden, denn keines der Mordmerkmale sei erfüllt, auch wenn "niedere Beweggründe" zumindest ansatzweise erkennbar seien. Die Anwälte der Nebenkläger sehen das anders, sie haben schon im Prozess immer wieder auf eine Verurteilung wegen Mordes gepocht, werden Revision einlegen.

Nach dem Urteil wirkt der jüngere der beiden Täter, K., jedenfalls erleichtert, er hat wohl mit Schlimmerem gerechnet, er lächelt breit, und es ist so ein Lächeln, das an diesem Tag in diesem Saal nicht sein sollte. A. dagegen, der alle Schuld auf K. schieben wollte und nun noch ein Jahr mehr absitzen muss, sieht noch skeptischer aus als zuvor, als verstünde er genauso wenig, wie so ein Urteil sein kann, wie alle anderen im Saal nicht verstehen können, warum eine solche Tat geschieht.

Folge VICE auf Facebook, Twitter und Instagram.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.

Mehr VICE
VICE-Kanäle