Dieser Grundschullehrer verbreitet Antisemitismus und Verschwörungstheorien auf YouTube

Gegen den Berliner laufen mehrere Strafanzeigen. Jetzt darf er vorerst nicht mehr unterrichten.

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08 Januar 2018, 2:45pm

Screenshot aus dem Video "Der Volkslehrer": YouTube | Der Volkslehrer 

Wäre Nikolai N. eine Frau mit Kopftuch, hätte er vielleicht schon früher Probleme bekommen: Das Neutralitätsgesetz verbietet Berliner Lehrerinnen, religiöse Symbole wie den Hidschab im Unterricht zu tragen. Bei volksverhetzenden politischen Parolen sieht das offenbar anders aus. Der Grundschullehrer betitelt sich auf YouTube als "Volkslehrer", bezeichnet die Geschichte des Holocaust als "Geschichte voller Lügen", will Deutschland mit Nationalismus retten – und durfte als Angestellter einer hauptstädtischen Grundschule im Berliner Stadtteil Wedding weiter Kinder unterrichten. Bis jetzt.

Es ist eine Welt voller kruder Theorien, die Nikolai N. sich seit September 2017 auf seinem YouTube-Kanal zusammenbaut. Dort inszeniert sich der 37-Jährige als "Volkslehrer", als Aufklärer, der verstehe, "wie die Dinge laufen". 2014 sei er "aufgewacht". Seitdem verbreitet N. auf seinem Kanal Verschwörungstheorien und völkische Ideologien: Die Mondlandung sowie der 11. September seien Erfindungen und die Eltern von Kindern, die bei einem Amoklauf getötet wurden, hält er für "Drama-Darsteller". Besonders engagiere er sich für das deutsche Volk, schreibt Nikolai N. in seiner Kanalinfo, "das ein beinahe unvergleichlich schweres Schicksal zu tragen hat". Um dieses zu "befreien", stört er in der analogen Welt oft lautstark politische Veranstaltungen. Angela Merkel hat er schon angeschrien, De Maizière auch. Zuletzt unterbrach er im Dezember 2017 eine AfD-kritische Veranstaltung von Lea Rosh, der Initiatorin des Berliner Holocaust-Mahnmals, mit "Ausländer raus"-Rufen. Rosh zeigte ihn anschliessend wegen Hausfriedensbruchs an. Nun berichtet der Tagesspiegel über eine weitere Strafanzeige gegen den Grundschullehrer.

Der Senat warnte die Innenverwaltung vor einem "Reichsbürger"

Der Berliner Bildungssenat hat auf das politische Treiben von Nikolai N. reagiert und Strafanzeige gegen ihn gestellt. Das teilte die bildungspolitische Sprecherin der SPD, Maja Lasić, am Sonntag auf ihrer Facebook-Seite mit. Eine Sprecherin der Bildungsverwaltung bestätigt gegenüber VICE, dass es eine Anzeige gegen N. gegeben habe: "Die besagte Lehrkraft ist freigestellt worden." Nun werde ermittelt, ob die Videos des "Volkslehrers" den Strafbestand der Volksverhetzung erfüllten.

Lasić schreibt zudem, der Senat habe den vermeintlichen Reichsbürger der Innenverwaltung gemeldet. N. soll der Gruppierung nahestehen. Der Tagesspiegel berichtet, dass er auf einer Demonstration am Pariser Platz Flugblätter verteilt habe, auf denen gestanden habe: "Das Deutsche Reich besteht weiterhin fort".


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Zwei Jahre lang lehrte N. Englisch, Sport und Musik an der Vineta-Grundschule im Berliner Wedding. Davor arbeitete er an zwei anderen Grundschulen, verliess die erste laut eigenen Angaben freiwillig, weil der Schulleiter ein "Problembär" gewesen sei. Als er anschliessend an einer Moabiter Schule unterrichtete, habe sein "Erwachungsprozess" begonnen – den er alsbald auch an die Kinder weitertrug: Nachdem er den Schülern und Schülerinnen erklärte, dass es eine Illuminaten-Weltherrschaft gebe und sich mit ihnen entsprechende Videos anschaute, verlor er seinen Job. Die Eltern haben von dem Zwischenfall mitbekommen, sich beschwert, am Ende habe er gehen müssen, so der Lehrer: "Die Kinder fanden es hochspannend, manche waren aber auch verängstigt." Das tue ihm im Nachhinein leid.

Nun halte er seine Aktivismus aus der Schule raus, erklärt N. in einem seiner Videos. Tatsächlich gab es an der Vineta-Grundschule bisher keine Beschwerden gegen ihn – auch wenn dort bekannt ist, dass der Grundschullehrer in seiner Freizeit Theorien vom rechten Rand verbreitet. Der kommissarische Leiter der Vineta-Grundschule kenne den Kanal, sagte er dem Tagesspiegel: "Er hat sich dienstlich nichts zu schulden kommen lassen und das politische Neutralitätsgebot nicht missachtet."

N. selbst behauptet, auch das restliche Schulpersonal habe die Videos gesehen, ebenso wie die Schüler und Schülerinnen. Diese würden ihren Lehrer feiern oder Kommentare unter die Videos posten. Damit wüssten die Kinder um die politische Einstellung ihres Lehrers Bescheid. Sprich: Was N. in seinem Privatleben Fragwürdiges treibt, ist längst im Klassenzimmer angekommen. Auf mehrere Anfragen von VICE hat die Schulleitung nicht reagiert. Nachdem der Bildungssenat Strafanzeige gestellt hat, wurde Nikolai N. allerdings auf unbestimmte Zeit beurlaubt.

Solange Nikolai N. sich im Klassenzimmer nicht volksverhetzend äussere oder gegen andere Gesetze verstosse, könne er nicht belangt werden, erklärt Tom Erdmann, Landesvorsitzender der Lehrergewerkschaft GEW, gegenüber dem Tagesspiegel. Ob N. sich arbeitsrechtlich verantworten muss, hängt deshalb von der Staatsanwaltschaft ab. Sollte diese bei ihren Ermittlungen herausfinden, dass N. seine volksverhetzenden Theorien doch im Klassenzimmer verbreitet hat, wäre er seinen Job als Grundschullehrer wahrscheinlich los.

Immerhin bliebe ihm dann eins: mehr Zeit, seinem selbst auferlegten Auftrag als "Volkslehrer" nachzugehen – und seinen YouTube-Zuschauern endlich zu erklären, was es eigentlich mit dieser erfundenen Mondlandung auf sich hat.

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