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literatur

Carmen Geiss’ Liebespoesie an "Rrrroooooberrrrt!" – eine Gedichtanalyse

"Mit Stolz blicke ich auf unsere Familie, auf dich und unser Leben/ dafür werde ich immer kämpfen wie eine Löwin und alles von mir geben!"

von Lisa Ludwig
01 Februar 2019, 11:24am

Collage: VICE || Goethe: Johann Heinrich Wilhelm Tischbein | Wikimedia | gemeinfrei || Carmen: imago | Overstreet || Robert: imago | Gartner

Liebe ist nicht nur blind, sondern auch taub. Kein deutsches Promipaar zeigt das eindrucksvoller als die Geissens. Pünktlich zum 55. Geburtstag ihres Mannes Robert, fasste Carmen Geiss in Worte, was viele schon aus der gleichnamigen RTL2-Sendung wissen: Sie hat ihren "Rrrroooooberrrrt!" wirklich, wirklich lieb.

Am 29. Februar veröffentlichte sie auf Instagram ein Gedicht an die blondierte Liebe ihres Lebens. Der naheliegende Titel: "Warum ich dich liebe!!!!!!!"

Was soll man jemandem, der vom glitzersteinbesetzten Totenkopf bis zum Luxus-Jeep sowieso schon alles hat, auch sonst schenken? In gewohnt nahbarer Sprache hat Carmen ein Stück Poesie in den Bildschirm ihres Smartphones getippt, das vielleicht nicht gut, dafür aber auch sehr unprätentiös ist. Und einiges über den Status quo in Deutschlands neureichster TV-Familie verrät.

"Du bist mein Partner, mein Vertrauen, mein Hafen und schenkst mir Mut.
Immer wenn ich an dich denke, formt ein Lächeln meinen Mund.
Auch nach 37 Jahren erfüllt es mein Herz täglich mit Glück,
dass du der Mann an meiner Seite bist.
Wenn ich aufwache, wenn ich schlafen gehe – immer bist du in meiner Nähe.
Am Anfang unserer wundervollen Reise waren du und ich noch zwei.
Verliebt, berauscht vom Leben, unbeschwert und frei.
Du hast mir Halt gegeben, wenn ich den Boden unter den Füssen verlor,
uns niemals aufgegeben und mich immer unterstützt.
Das was uns verbindet, hast du vor Allem geschützt.
Aus zwei wurden vier und damit hast du mir das grösste Geschenk auf Erden gemacht.
Ein Blick genügt und wir wissen, wie sehr uns die Geburt unserer Töchter bereichert hat.
Mit Stolz blicke ich auf unsere Familie, auf dich und unser Leben
– dafür werde ich immer kämpfen wie eine Löwin und alles von mir geben!
Das ist der Reichtum, den wir in unseren Herzen tragen!
Heute ist dein Geburtstag, an dem ich nach all den Jahren ganz aufgeregt bin.
Ich feiere mit dir unsere gemeinsame Zeit und das grosse Abenteuer,
dass ich die Liebe nenne."

Beinahe charmant ist es, wie Carmen Geiss ganz bewusst die Erwartungen der Rezipienten und Rezipientinnen umtänzelt. Immer, wenn man glaubt, verstanden zu haben, welches Reimschemas sie sich bei "Warum ich dich liebe!!!!!!!" bedient, fällt sie aus ihrem selbstgesteckten Haus-Maus-Endreim-Rahmen.

Zu Beginn reimt sie recht unsauber "Mund" auf "Mut" und wird mit dem anschliessenden "bist" auf "Glück" komplett random, lässt danach aber stabil "Nähe" auf "gehe" und "frei" auf "zwei" folgen. Das danach eingeschobene "verlor" lässt uns atemlos im Nichts hängen, bevor wir mit "unterstützt" und "geschützt" beruhigt an Mutter Carmens lyrischen Busen zurücksinken. Doch auch das war nur eine Finte, ein poetischer Fallstrick! Die zweite Hälfte des Instagram-Gedichts löst sich bis auf ein müdes "geben" auf "Leben" komplett davon, Freunde einfacher Reimschemata zu beglücken. "Warum ich dich liebe!!!!!!!" endet, wie es begonnen hat – weniger kunstvolles Wortgeflecht, mehr formloser Brief ohne Rhythmus und sprachliche Dringlichkeit.

Interessanter wird es, wenn wir uns dem konkreten Inhalt des Stückes widmen.


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Carmen Geiss nutzt den Geburtstag ihres Mannes als Anlass, einen Blick zurückzuwerfen und die gemeinsame Zeit Revue passieren zu lassen. Im Text findet eine Veränderung statt, er ist eine Reise durch ein geteiltes Leben. Ein geteiltes Leben, indem sie allerdings nur eine zurückgestellte Rolle zu spielen scheint. Er ist Protagonist, sie schmückendes Beiwerk. Die Bierflasche zu Bukowski, wenn man so will.

Gerade im ersten Teil des Gedichts ist Carmen sehr passiv. Das eigentliche poetische Thema ist hier nicht die Nacherzählung einer Jahrzehnte überdauernden Partnerschaft, sondern das Gefühl, fremdbestimmt durch Liebe zu sein. Das zeigt sich direkt zu Anfang, wenn Carmen ausdrückt, dass ein Lächeln ihren Mund forme, wenn sie an Robert denkt. Sie lächelt nicht, sie wird zum Lächeln gebracht. Sie gebärt die gemeinsamen Kinder nicht, sie würden ihr geschenkt. Das, was sie mit ihrem Mann teilt, werde von ihm geschützt. Erst später wird sie aktiv, bezeichnet sich als Löwin, die für das Familienleben kämpft.

Vielleicht ein Hinweis darauf, dass sie lernen musste, aktiv zu werden. Glaubt man einschlägigen Boulevardmagazinen ist Robert Geissen dem ein oder anderen Fremdflirt schliesslich nicht abgeneigt. Und tatsächlich bezeichnet Carmen die grosse Liebe ihres Lebens zu Beginn des Gedichts auch nur "am Anfang" als "unbeschwert".

Interessant auch die Zeile, die von "Reichtum, den wir in unseren Herzen tragen" spricht. Ein bewusster Bruch mit dem öffentlichen Image der Geissens, dass die Familie als luxusliebende, oberflächliche Geschäftsleute zeigt, die keine Angst davor haben, mit ihrem kostspieligen Lifestyle zu protzen.

Das sprachlich schönste Bild kommt ganz am Schluss. Als "das grosse Abenteuer, dass ich die Liebe nenne" charakterisiert Carmen Geiss da ihre Ehe. Und das wäre beinahe ernsthaft berührend, hätte sich nicht ein unglücklicher dass/das-Fehler eingeschlichen.

Am Ende bleibt der Gedanke, dass es wahrscheinlich auch "echten" Lyrikerinnen nicht allzu leicht fallen dürfte, 37 gemeinsame Jahre in 18 Zeilen zu pressen. Die Liebe ist nicht nur ein unbeschwertes Abenteuer, manchmal ist sie auch ziemlich langweilig, frustrierend, unglamourös. Oder, um es mit Bukowski zu sagen: "Die Liebe ist ein Höllenhund." Manchmal bellt er, manchmal jault er, manchmal schreibt er schräge Gedichte auf Instagram.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.