Warum ein weinender Bachelor das Männerbild ist, das wir brauchen

Nennt ihn Memme, für mich ist es mutig, vor einem Millionenpublikum zu weinen. Bitte mehr davon!

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28 Februar 2019, 3:06pm

Hintergrund und Tränen: Pixabay || Andrej mit echten Tränen: Screenshot | RTL || Bearbeitung: VICE

Wir haben es bereits vor der Ausstrahlung prophezeit: Der Bachelor könnte endlich zu einem ehrlichen Dating-Format werden. Zumindest so ehrlich, wie es die Redakteure zulassen.

Im Reality-TV wird oft geheult, das ist nichts neues. Aber beim Bachelor erwartet man das von den von RTL sogenannten Ladys, denen in mehr oder minder dramatischen Szenen alle Dämme brechen. Der Bachelor dagegen ist eher so emotionslos wie Hugh Hefner. Er kann geniessen, dass 22 Frauen nur für ihn da sind und er sich nach Belieben mit ihnen amüsieren kann. Der Junggeselle wickelt mit seinem Chauvinismus Frauen um den Finger, um anschliessend mit ihnen zu jonglieren und sich mehr auf seine sexuelle Potenz oder seinen Stiernacken zu konzentrieren als auf seine Gefühlswelt. Ein richtiger Mann eben, oder nicht?

Der diesjährige Bachelor, Basketballer und Kaugummi-Unternehmer Andrej Mangold, hat besonders mit seinen Körperflüssigkeiten geglänzt. Und damit mit einem Männerbild gebrochen, das diese Sendung lange propagiert hat.

Andrejs permanent nasses Gesicht hat die Medien mehr beschäftigt als das Drama und der Beef in der Ladys-Villa. Ab der ersten Folge sahen wir seinen schweissgebadeten Kopf. Seine Augen schwollen so rot an, dass man dachte, er habe sich auf dem Flug nach Mexiko eine Bindehautentzündung zugezogen. Aber Andrejs verquollenen Augen offenbarten: Der Bachelor heult. Hemmungslos. In Interviews. Vor den Ladys, mit den Ladys, immer.

Andrej ist genau das, auf das wir gewartet haben. Ein Bachelor, dessen Inneres ausnahmsweise nicht nur von sexuellen Reizen geflutet ist, sondern von Emotionen. Er ist ein sensibler Typ, aufgewachsen bei seiner Mutter. "Meine Mama bedeutet mir extrem viel, und ich habe mich daran erinnert, was für eine starke Frau sie ist und wie viel sie mir mit auf den Weg gegeben hat", erklärt er seinen emotionalen Ausbruch, als er mit den Frauen auf der Couch Kinderbilder anguckte. Diese Aussage offenbart ihn nicht als zurückgebliebenes Muttersöhnchen, sondern als fortschrittlichen Frauenversteher. Das bestärkt auch die Drittplatzierte Vanessa, als sie im Interview mit Frauke Ludowig findet, Andrej könne sich wenigstens richtig in eine Frau hineinversetzen. Aber sexy ginge anders, fügt eine andere Ex-Teilnehmerin des Formats an.

Dabei geht es in diesem Format nicht um den grössten Sexappeal, sondern um die Liebe, auch wenn das oberflächlich betrachtet natürlich anders aussieht. Grossaufnahmen von Bikini-Popos, Silikon-Brüsten, Andrejs Sixpack. Als Zuschauende giert man nach Entertainment, Beef und Drama und kann sich nicht vorstellen, wirklich etwas zu lernen. Mit Andrej ändert sich das. Ihm musste offensichtlich nicht jedes halbwegs gefühlvolle Statement von Redakteuren aus der Nase gezogen werden, er bietet es von sich aus an.

"Wenn du an die Frau denkst und dir die Tränen kommen: Das ist eins der schönsten Gefühle auf der Welt." – Andrej Mangold, Bachelor

Da RTL polyamouröse Beziehungen nur bis zur letzten Folge fördert, standen Andrej letztlich zwei Frauen zur Wahl. Verliebt war er nach eigenen Aussagen in beide. Für die Jenni hätte sein Herz dann aber ein bisschen mehr geschlagen. Und seine Tränen seien mehr gekullert. "Wenn du an die Frau denkst und dir die Tränen kommen: Das ist eins der schönsten Gefühle auf der Welt", fasst der Bachelor sein emotionales Innenleben mit feuchten Augen und ohne Scham zusammen.

Ehemalige Bachelor-Kandidatinnen bezeichneten Andrejs Gefühlsausbrüche als unsexy. Dabei ist es gerade die grösste Stärke, seine Schwächen zuzulassen und einem Männerbild entgegenzuwirken, dass die Penisträger dieser Gesellschaft zu kalten empathielosen Hüllen macht.

In der grossen Aussprache nach dem Finale rührt Andrej dann mit seiner Art fast alle Frauen zu Tränen, sogar die wütende Christina ist besänftigt und beweist, dass Einfühlsamkeit nicht nur deeskalieren kann, sondern auch geschätzt wird. Für Andrej reicht es nicht, nur zu sagen, was er fühlt, er lebt es auch aus. Tränen haben dabei für ihn eine grosse Bedeutung. Im Finale freut er sich auf "Freudentränen, Tränen des Glücks" und lächelt mit roten Augen in die Kamera. Darüber sollten wir uns weniger lustig machen und mehr für das feiern, was er ist: ein Vorbild sensibler Männlichkeit.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.

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