Menschen

10 Fragen an ein ICF-Mitglied, die du schon immer stellen wolltest

Wie lebt es sich in einer Sekte? Wieviel Geld zahlst du an die ICF? Und ist es nicht sehr absurd, mit einem Typen zu reden, der gar nicht da ist?

von Rebecca Wey
29 September 2017, 10:17am

Alle Fotos von der Autorin

In rund zwei Monaten tritt ein Anti-Christ in der Zürcher Samsung Hall auf – ausgerechnet dort, wo sich jeden Sonntag Anhänger der International Christian Fellowship Church (ICF) treffen, um "laut, fröhlich und leidenschaftlich" Gott zu feiern und "die Beziehung zum himmlischen Vater voller Enthusiasmus zu geniessen", wie es auf der Website der christlichen Freikirche heisst.

Raphael ist 27 Jahre alt und begeistertes Mitglied der ICF. Geboren wurde er als Sohn eines Pfarrers an der Reformierten Kirche sowie bei Freikirchen. Raphael selbst arbeitet heute als Grafiker in Steinhausen bei Zug, wo wir uns zum Mittagessen verabreden. Die Idylle auf dem Hügel im ländlichen Vorort, der nur so strotzt von Schweiz-Klischees, scheint paradiesisch perfekt. Ein passender Ort, um ihn über seinen Glauben und seine Mitgliedschaft bei der ICF auszuquetschen.

VICE: Ist es nicht sehr absurd, mit einem Typen zu reden, der gar nicht da ist?
Raphael: Die Beziehung mit Gott beruht auf Glauben. Ein wirklich fassbarer Gott, den man in eine Box stecken kann, wäre für mich kein Gott mehr. Obwohl ich sie nicht immer sehe, kann ich trotzdem mit meiner Familie und meinen Freunden verbunden sein. Während ich mit ihnen über ein Gerät kommunizieren muss, dient mir im Dialog mit Gott das Gebet als Medium. Er gibt mir auch Zeichen, was mir zeigt, dass er immer da ist: Als ich vor der Entscheidung stand, was ich studieren will, habe ich mir viele Studiengänge angeschaut. Am Infotag von Visuelle Kommunikation habe ich einen grossen Frieden verspürt. Ich denke, Gott wollte mir damit sagen, dass dieses Studium ein guter Weg für mich sein würde. Irgendwann wird die Zeit kommen, dass ich physisch mit Gott unterwegs bin – wenn ich dann mal im Himmel bin.

Wie vereinbarst du wissenschaftliche Fakten mit deinem bedingungslosen Glauben an Geschichten, in denen ein Mensch übers Wasser gehen kann?
Während die Wissenschaft beobachtet und beschreibt, geht es im Glauben um das Warum. Wieso haben die Wissenschaftler zu forschen begonnen? Weil viele von ihnen geglaubt haben, dass ein Sinn hinter der ganzen Schöpfung steckt. Gott kann halt gewisse Sachen machen, die unsere Vorstellung sprengen. Im Gymnasium, wo man ja mit der Wissenschaft konfrontiert wird, hatte ich schon eine Phase, in der ich meinen Glauben hinterfragt habe. Familiäre Schwierigkeiten haben da auch mitgespielt. Am Ende habe ich aber gemerkt, dass die christliche Weltanschauung für mich am meisten Sinn ergibt, weil auch so viel Liebe in ihr steckt.

"Natürlich bist du schnell in einer Bubble, doch das ist doch bei vielen Vereinen der Fall."

Ist es nicht eine faule Ausrede, dass man als Christ sonntags nicht arbeiten "darf"?
Ich mache am Sonntag aus ganz rationalen Gründen frei, nicht nur weil es in der Bibel steht. Sonntags pflege ich die Beziehung zu Gott und tanke auf. Mittlerweile bin ich da recht radikal. Meinem Dozenten musste ich zum Beispiel zwei Stunden lang erklären, wieso ich am Sonntag die Bachelorarbeit ruhen lasse.

Wie lebt es sich eigentlich so in einer Sekte?
In einer Sekte?! (Lacht) Die meisten Leute wissen nicht genau, was die ICF ist und dann betiteln sie es schnell einmal als Sekte. Die meisten Freikirchen können aber nicht als das bezeichnet werden. Natürlich bist du schnell mal in einer Bubble drin, doch das ist doch bei vielen Vereinen der Fall. Als Fan des FC Basel hast du zum Beispiel auch einen gewissen Lifestyle, der dazugehört.

Hast du überhaupt mit Leuten zu tun, die nicht an Gott glauben?
Natürlich habe ich auch mit Leuten ausserhalb der ICF zu tun. An meine legendären Weihnachtspartys bei mir zu Hause lade ich neben Familie und ICF-Leuten alle möglichen Menschen ein – aus der Primarschule, dem Studium und auch Moslems. Da gibt es jeweils ein richtig gutes Abendessen und man spricht auf kreative Art und Weise über die Weihnachtsgeschichte. Es geht nicht darum, Leute zu bekehren, sondern vom Hintergrund von Weihnachten zu erzählen.

Kann man nur mit Gott glücklich sein?
Glück definiert jeder für sich selber – ob mit oder ohne Gott. Mein persönliches Glück ist, dass Gott mir Liebe ohne Gegenleistung gratis schenkt. Dabei kann ich alles, was mich unglücklich macht, Gott abgeben, ohne verurteilt zu werden. Dieses Glück empfinde ich als extrem befreiend und finde es sonst so nirgends.

Wie viele Leute hast du schon bekehrt?
Wenn du etwas sehr gerne magst, willst du das mit deinen Leuten teilen können. Nachdem ich mit einem Freund einige Male über den Glauben geredet hatte, fragte er von sich aus, ob er auch mal zu einer Celebration mitkommen kann. Ich respektiere den Glauben jedes Menschen. Man kann schon Leute manipulieren, damit sie etwas glauben, doch das würde ich niemals tun. Gott wünscht sich, dass ich aus freiem Willen an ihn glaube – es muss also jeder selbst zu ihm finden.

Warum nennt ihr es eigentlich Celebration und nicht Gottesdienst? Hättet ihr sonst weniger Anhänger, weil Deutsch nicht cool genug ist?
Aus meiner Sicht hätte man auch Begriffe auf Deutsch verwenden können. Ich bin in der ICF, weil ich es eine coole Kirche finde, die von der Form nicht abgesondert von der Gesellschaft ist, sondern mittendrin. Die Musik ist modern und unsere Predigten – die sogenannten Inputs – haben mit meinem Alltag etwas zu tun. Aus dem Grund hat man sich damals wohl für englische Bezeichnungen entschieden: um den Anschluss an die Leute nicht zu verlieren und zu zeigen, dass Glaube nicht verstaubt, sondern auch heute noch relevant ist.

Ist die ICF nicht ohnehin verstaubt, weil sie sich gegen Homosexualität und Sex vor der Ehe ausspricht?
Ich persönlich liebe jeden Menschen gleich, ob der jetzt hetero, homo oder sonst was ist. Und was Sex vor der Ehe angeht: Ja, ich bin noch Jungfrau. Ob Sex vor der Ehe überhaupt eine Sünde ist, darüber gibt es bei uns ohnehin verschiedene Ansichten. Ich sehe es als etwas sehr Intimes und ein grosses Geschenk an, das man einer Person geben kann. Dieses Geschenk will ich nicht schon mit 40 anderen geteilt haben, denn dann verliert es an Wert.

Die ICF finanziert sich zu einem grossen Teil über Spenden. Wie viel Geld gibst du für die Freikirche aus?
Ich gebe ihr schon 10% von meinem Lohn. Wo dein Geld ist, zeigt ein Stück weit auch, wo dein Herz ist. Wenn ich in den Ausgang gehe, lasse ich viel Geld liegen. Dann finde ich es nur fair, der Kirche ab und zu etwas zu geben – schliesslich "konsumiere" ich da auch. Niemand zwingt mich zum Spenden. Ich tue es unter anderem auch, weil ich glaube, dass andere Menschen davon profitieren. Ausserdem wäre die ICF wie ganz viele Organisationen ohne Spenden gar nicht möglich.

Folge VICE auf Facebook und Instagram.