Sex

Undercover in den illegalen Karaoke-Bordellen von Peking

Wie funktioniert verbotene Sexarbeit in China? Die Fotografin Vayle Lee hat zwei Monate lang in Sexclubs gejobbt – und heimlich Fotos gemacht.

von Lucy Andrews
18 Juli 2019, 8:05am

Alle Fotos: Valya Lee

Wie so viele andere Dinge ist auch Sexarbeit in China illegal. Das heißt aber nicht, dass dieses Geschäft hinter geschlossenen Türen nicht trotzdem floriert. Escort-Agenturen operieren oft hinter den Fassaden von Karaoke-Bars.

Zwar kann man in vielen dieser Karaoke-Bars genau das machen, was der Name verspricht – also betrunken diverse Evergreens singen –, aber gleichzeitig können Gäste dort auch weibliche Angestellte für weitere Dienste bezahlen. Deswegen führt die Polizei regelmäßig Razzien durch. Allerdings ist es schwierig zu beweisen, dass es in den Bars wirklich zu Sexarbeit kommt. So begnügen sich die Beamten häufig damit, den Barchefs eine Geldstrafe aufzubrummen, weil die ausländische Frauen anstellen.

Zwei Monate lang war eine dieser ausländischen Frauen die russische Fotografin Valya Lee, die in mehreren Pekinger Karaoke-Bars undercover als "Partymädchen" arbeitete. Dabei hielt die 25-Jährige ihren Alltag mit einer Handykamera fest, um so eine Gewerbe zu zeigen, das laut der chinesischen Regierung gar nicht existieren soll.

Wir haben mit Lee über ihren zweimonatigen Aufenthalt in Peking und über Sexarbeit im modernen China gesprochen.

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VICE: Wie kamst du darauf, dieses Projekt anzugehen?
Valya Lee: Ich wurde nahe der Grenze zwischen Russland und China geboren. Deswegen habe ich mehrere Jahre lang chinesische Sprache und Kultur studiert. Ich interessiere mich für Arbeiten, die sich mit der Beziehung zwischen Russland und China beschäftigen.

Für deine Fotoreihe hast du dir einen Job in einer Pekinger Karaoke-Bar besorgt.
Genau. Die Frauen, die dort arbeiten, werden als "Hostessen" oder "Partymädchen" bezeichnet. Wobei die direkte Übersetzung aus dem Chinesischen eher soviel bedeutet wie "Frau, die im Beisein von Alkohol für Entertainment sorgt". Die meisten Angestellten sind Chinesinnen, manche kommen aber auch aus Russland oder der Ukraine. Ihr Job ist es, sich den ganzen Abend lang um bestimmte Gäste zu kümmern und sie abzufüllen. Nur meine Freunde wussten, dass ich in den Bars Fotos machte. Vor meinen Schichten konfiszierten die Chefs oft mein Handy. Also besorgte ich mir ein zweites. Ein Smartphone gab ich dann ab, mit dem anderen schoss ich Bilder.

Das klingt riskant. Wurdest du auch mal erwischt?
Niemand hat mitbekommen, dass ich Fotos machte. Heutzutage sind Smartphones so geläufig, dass sie niemandem mehr auffallen. In den Karaoke-Bars gab es aber ganz andere Gefahren.

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Welche Situation war besonders gefährlich?
Das war an einem meiner letzten Tage. Ein in der Bar bestens bekannter Gast wollte, dass ich die Nacht mit ihm verbringe. Ich lehnte ab, weil ich dachte, dass das keine große Sache sei. Dann versuchte mein Chef jedoch, mich umzustimmen: "Das ist ein mächtiger Mann", sagte er. Schließlich drohte er mir damit, mich bei der Polizei abzuliefern, wenn ich nicht mitmache. Ich sei ja illegal angestellt. In diesem Moment bekam ich richtig Schiss, erkannte aber auch den Bluff. Ich sagte: "OK, dann lass uns zusammen bei der Polizei anrufen!" Da ließ mein Chef mich in Ruhe. Ich wusste aber auch, dass ich mein Projekt beenden sollte.


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Die Gäste wollten bestimmt oft mit dir schlafen, weil du ja als Partymädchen angestellt warst. Wie bist du damit umgegangen?
Als ich das erste Mal gefragt wurde, war mir das schon sehr unangenehm – vor allem, weil wir uns da nicht in dem Zimmer befanden, in dem wir solche Fragen gestellt bekommen sollten, dem sogenannten "Safe Room". Dann wurden die Anfragen aber immer häufiger, und ich ignorierte sie einfach oder lehnte ab.

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Wie sieht ein normaler Abend in einer dieser Karaoke-Bars aus?
Der Abend beginnt im Casting-Zimmer, wo die Frauen darauf warten, dass die Gäste sie auswählen. Je teurer die Karaoke-Bar, desto höher die Schönheitsstandards – dann sind die Hostessen zum Beispiel größer oder sehen wie Models aus. Die Männer zeigen dann entweder auf die Frau, die sie wollen, oder sie sagen der "Mami", einer Art Hausherrin, Bescheid. Sie geben Mami auch zu verstehen, wenn sie Sex haben wollen. Dann fragt Mami die ausgewählte Frau, ob die damit einverstanden ist. Bei einem Nicken ist alles klar.

Wie geht es dann weiter?
Dann kümmern sich die Frauen um die Gäste, unterhalten sich mit ihnen und schenken ihnen den ganzen Abend lang Alkohol nach. Mit der Zeit wusste ich, welche Gesprächsthemen immer gehen und wie ich den Typen immer wieder geschickt das Glas auffüllen konnte. Im Normalfall wollen die Gäste, dass die Hostessen mittrinken, aber die schütten ihre Getränke dann heimlich weg. Gesungen wird natürlich auch, entweder alleine oder zusammen mit den Frauen. Immer wenn die Gäste herausfanden, dass ich aus Russland komme, wollten sie etwas Russisches singen.

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Fanden es alle deine Kolleginnen OK, mit den Gästen zu schlafen?
Ich habe viele chinesische Angestellte kennengelernt, die Angst um ihren Job hatten und deswegen alle Wünsche der Gäste erfüllten. Ausländische Frauen wie ich verspürten da nicht so viel Druck. Bei uns war es auch so, dass die Gäste uns nicht direkt bezahlten, sondern dass wir unser Geld später von Mami bekamen. Trotzdem bestand immer das Risiko, dass die Gäste uns bei der Polizei melden, wenn wir Sex mit ihnen haben. Dann drohten hohe Geldstrafen und die Abschiebung. Deswegen habe ich in den Karaoke-Bars auch keine ausländische Hostessen getroffen, die da mitmachten.

Sexarbeit ist in China offiziell illegal. Wie schaffen es die Karaoke-Bars, nicht erwischt zu werden?
Alle Etablissements haben gut funktionierende Sicherheitssysteme. Sie wissen also schon im Voraus, wenn die Polizei kommt. Ich musste mich dann immer in der Umkleide oder auf dem Parkplatz verstecken. Korruption ist natürlich auch ein Thema.

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Wie muss man sich die Gäste in den Karaoke-Bars vorstellen?
Die Klientel dort ist total unterschiedlich, weil es ja auch verschiedene Klassen an Karaoke-Bars gibt. In den luxuriösen Etablissements triffst du auf reiche Manager und Fachkräfte, während du in den normaleren eher mit Lehrern oder Beamten zu tun hast. Ausländer sind ziemlich selten. Zumindest habe ich während der zwei Monate keinen einzigen kennengelernt.

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Woher kommen die Chinesinnen, die in den Karaoke-Bars arbeiten?
Aus allen möglichen Provinzen des Landes. Eine war erst um die 19 Jahre alt. Anscheinend war sie nach Peking gekommen, um dort Schauspiel zu studieren. Die Arbeit in der Bar war ihr offensichtlich unangenehm. Dennoch wurde sie immer sehr schnell ausgewählt. Eines Tages schmiss ein Gast sie aus dem Zimmer, als ihm auffiel, dass sie noch eine Zahnspange trug. Nach diesem Zwischenfall wurde sie gefeuert.

Viele junge Frauen fangen in den Karaoke-Bars an, weil sie sich ihr Studium finanzieren wollen oder Kredite zurückzahlen müssen. Normalerweise wissen ihre Familien nicht, wo sie arbeiten. Und selbst wenn sie den Job hassen, machen sie oft weiter, weil sie verglichen mit anderen Arbeiten wirklich viel verdienen.

Welches Fazit hast du am Ende deines Undercover-Projekts gezogen?
Ich weiß noch, wie ich mal russische Go-Go-Tänzerinnen nur wegen ihrer Arbeit direkt verurteilt habe. Jetzt bin ich in ihre Rolle geschlüpft. So ist mir klar geworden, dass man nichts nur von außen beurteilen sollte.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE ASIA.